Man lässt die Zeit der Moderne in der Literaturgeschichte ab ca. 1890 beginnen und beendet sie entweder mit dem Ende des 1. Weltkrieges (1918) oder erlaubt ihr, bis heute anzudauern, was besser zu dem Begriff modern passt. Eigentlich ist sie eher eine Haltung als ein klarer Epochenbegriff. Der Begriff ist unkonkret und das mit Absicht, denn er versucht sehr unterschiedliche Stile unter einem Wort zu begreifen.

Hauptsache neu

Moderne Lyrik kann subjektiv empfindsam sein, wie der Impressionismus oder schrill herausfordernd wie der Expressionismus. Sie orientiert sich nüchtern und konkret an der Wirklichkeit wie der Realismus und der Naturalismus, der oft das Leben der einfachen, armen Menschen zeigt. Beide erinnern an einen kahlen Baum im Winter. Man erkennt die Form sehr klar und die Struktur, aber das leuchtende Leben fehlt. Es gibt den Jugendstil, der verschnörkelt ist und verspielt und gerne Anleihen macht bei antiken Figuren oder ägyptischen, orientalischen Stilformen oder es kann völlig unkonkret und abstrakt zugehen wie in der Avantgarde. Alles umfasst der Begriff ‚modern‘ und wir müssen einmal sehen, ob es da überhaupt etwas Gemeinsames gibt.

Genau das sagt ja das Wort ‚modern‘ auch im Alltag. Man möchte sich abgrenzen gegenüber dem, was alt ist. In der Dichtung heißt das: Kein vorgeschriebenes Metrum, kein Reimschemata, sondern freie Verse. Kann sich reimen, muss aber nicht. Überlieferungen und Traditionen brechen, grundsätzlich keine Regeln anerkennen, außer den eigenen, und neue Ausdrucksformen versuchen und ausprobieren. Selbst die Regeln der Grammatik sind verdächtig. Man sucht ungewohnte Wortstellungen. Und dann erst das Wort! Viele Wörter sind so mit Assoziationen behaftet, dass es nicht zum Aushalten ist für den modernen Dichter. Man muss es durchbrechen durch extrem ungewöhnliche Kombinationen, Paradoxien oder einfach Sinnloses. Der Sinn ist dann, dass es keine Wahrheit gibt und das muss deutlich werden. Paradox? Umso besser! Noch besser ist es aber, man erfindet gleich neue Wörter. Für den Schüler, dem es nicht gegeben ist, alle Traditionen abzustreifen, heißt das klassisch korrekt: Neologismus, Neuwort.

Wer bin ich?

Das ist die große Frage moderner Dichter, die sich nicht mehr als Teil einer Gemeinschaft sehen, mit lieben Traditionen und einer Orientierung wie sie der Glaube an Gott gibt, sondern als Individuen, die sich selbst suchen und – gerne gesucht werden möchten. Vom Leser nämlich. Es beginnt also ein Versteckspiel, das einfallsreich sein kann. Ein Dichter der Zeit, Rainer Maria Rilke, beschreibt moderne Lyrik als die Versuche des Einzelnen, unter der Flut flüchtiger Ereignisse sich selbst zu finden (Prag 1898). Moderne Lyrik hat psychologisch gesehen etwas Trotziges. Man glaubt nicht mehr daran, verstanden zu werden und will es dann auch gar nicht mehr, wie es Baudelaire, ein französischer Dichter dieser Zeit, bemerkt: „Es liegt ein gewisser Ruhm darin, nicht verstanden zu werden.“ Von da aus kann man nachvollziehen, dass es sinnvoll ist, logische Strukturen aufzulösen, Gedanken miteinander zu verknüpfen, die unsinnig oder widersinnig scheinen und die Leserinnen und Leser auf jede mögliche Weise irritieren wollen.

Man kann aber auch fragen: Wer sind wir? Dann ist man auf der Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung wie Bertolt Brecht. Dazu gehört natürlich auch die Analyse der Zustände oder Umstände wie im Naturalismus. Dahinter steht die Frage: Wer seid ihr? Der moderne Dichter ist vor allem ein Fragender und Suchender und somit Ausdruck seiner wissenschaftlich geprägten Zeit. Er will keine alten Regeln, weil er unvoreingenommen die Sprache von Grund auf erforschen will. Eigentlich könnte man die Moderne auch als Suchismus bezeichnen, denn das Suchen haben alle gemein. Darin steckt auch eine Einladung an die Leser oder eine Aufforderung: Ihr müsst mitsuchen! Kannst du das entwirren? Nun, zunächst einmal kann man es benennen und das ist ein Anfang. Ein guter Trick beim Umgang mit moderner Lyrik ist, zu sagen, was es nicht ist im Vergleich zu Lyrik aus vorherigen Jahrhunderten.

Lass dich von deinen Gedanken und Gefühlen leiten

Die Todesfuge von Paul Celan von 1945 beginnt mit den Worten:

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng“

Es gibt keinen Reim mehr, und die Bilder scheinen widersinnig. Schwarze Milch? Der Frühe? – wenn man sie mittags und nachts trinkt? Ein Grab in den Lüften? Das sind Metaphern, also bildhafte Vergleiche; aber Vergleiche, die sich nicht auflösen lassen. Jedenfalls nicht logisch. Doch man ahnt es bereits: Es geht um Tod, es geht um Vernichtung, es geht um Konzentrationslager. Jetzt hat man einen Anhaltspunkt und kann assoziieren. Das ist nie eindeutig, immer nur ein Versuch. Milch – Geburt, Wachstum. Schwarz – es gibt eine Krankheit, bei der die Milch im Euter wirklich schwarz und ungenießbar wird. Der Frühe – das Volk des Anfangs, die Juden, die in vielerlei Hinsicht der Ausgangspunkt der abendländischen Zivilisation sind. Grab in den Lüften – geistige Traditionen, die keine Lebenskraft mehr haben, die tot sind? Es gibt keine eindeutige Interpretation. Es ist ein Zugeständnis an das Nicht-Verstehenkönnen des Holocaust, das aber trotzdem einen Ausdruck braucht.

Ein extremes Beispiel für das Nicht-Verstehenkönnen des Lebens überhaupt, wie es in der Moderne auf die eine oder andere Weise oft Thema ist. Damit kann nicht jeder Schüler etwas anfangen, denn eigentlich sucht man ja auch Orientierung, aber es hilft, wenn man sich klar macht, dass feste Bezüge in bestimmten Zeiten den Menschen verloren gehen. (Eine Metapher übrigens, die man nicht auflösen kann, nennt man Chiffre. Das klingt geheimnisvoll und vornehm und sollte auf jeden Fall bei einer Interpretation auftauchen.)

Form statt Inhalt oder Inhalt = Form

Wem die Wahrheit verloren geht, der hält sich entweder an Gefühle oder an die Form. Beides findet sich in moderner Lyrik. So paradox das klingen mag: Keiner kann auf die Form verzichten, der moderne Dichter am wenigsten. Denn was hält sonst das Gedicht zusammen? Wenn es keine Reime gibt, dann gibt es Halbreime, Assonanzen. Regen und geben oder schlafen und klagen – der Vokal ist jeweils gleich bei nebeneinander stehenden Worten. Das geht auch mit Konsonanten: Weiche, Wotan, weiche! Das nennt man Alliteration. Auch bei moderner Lyrik kann also immer analysiert werden und die Form kann in Bezug gesetzt werden zum Inhalt, wie hier bei einem Gedicht von Ernst Jandl.

ottos mops

ottos mops trotzt
otto:fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto:soso

So absurd die erste Strophe auf den ersten Blick scheint: Man sieht den Mops vor sich, wie er trotzig-gehorsam den Sessel räumt, auf dem sich Herrchen befriedigt anstelle seines Hundes nieder lässt. Die völlige Reduktion der Sprache gleicht der völligen Reduktion an Tier. Die einsilbigen Worte wirken trotzig, die durchgehende Assonanz auf -o- mokiert sich über die Ähnlichkeit von Herr und Hund. Die Form deutet den Inhalt, der sonst völlig belanglos ist.

Am besten lieben

Moderne Lyrik ist Suche. Suche nach neuen Formen in der Sprache, in der Gesellschaft, nach dem Aufleuchten einer Wahrheit im Inneren. Wer behauptet, er habe etwas gefunden, ist verdächtig oder lächerlich. Denn wenn es Wahrheit gäbe, gäbe es auch Autorität, und das will man nicht mehr. Was bleibt, ist Wissenschaft und Gefühl und – eine unbestimmte Hoffnung oder Sehnsucht, die sich mal schüchtern, mal raffiniert versteckt. So mündet die moderne Lyrik im Nichts oder im Du. Weder in der Tradition noch im Glauben noch in mir selbst finde ich einen Anker. Am besten man nimmt es mit Humor und gibt mit Ringelnatz offen zu:

Ich habe Dich so lieb
Ich würde Dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
schenken.

Und die Interpretation dieser Verse überlasse ich gerne dir.

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