1984 ist eine der wichtigsten Dystopien überhaupt. Der Roman von George Orwell hat das Genre bis heute stark geprägt.

Die Gesellschaft von 1984

Wenn Krieg Frieden ist, Freiheit Sklaverei und Unwissenheit Stärke, kann es mit der Wahrheit nicht weit her sein.

In Ozeanien, einem der drei Großstaaten der Welt, gibt es tatsächlich keine Wahrheit mehr. Nicht einmal über das aktuelle Jahr kann man sich sicher sein.

Dass gerade 1984 ist, schätzt die Hauptfigur des Romans von George Orwell nur. Die Partei des englischen Sozialismus – Engsoz – hat mit ihrem ersten Repräsentanten, dem Großen Bruder, den totalitären Staat schlechthin errichtet.

Die Überwachung des Einzelnen findet überall statt, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum und im „Privaten“. Jede Bewegung, jedes Geräusch, jede Mimik wird durch Teleschirme erfasst, die ununterbrochen senden und empfangen. Wer bei der Gymnastik morgens nicht richtig mitmacht, wird über den Schirm angebrüllt, wer den falschen Gesichtsausdruck zur falschen Zeit zeigt, als Verbrecher entlarvt und „vaporisiert“.

Für alle Verbrechen, die man nicht beobachten und somit nicht so leicht erkennen kann, gibt es die Gedankenpolizei, die gegen die schlimmsten Delikte – die Gedankenverbrechen – vorgeht und diejenigen, die für ihr Leben in Mangel, Unterdrückung und Isolation nicht dankbar genug sind, entsprechend bestraft.




Winston Smith – die Hauptfigur des Romans

In dieser Welt der Freud- und Hoffnungslosigkeit lebt Winston Smith. Er ist ein Mitglied der Äußeren Partei, aber das ist beinahe jeder.

Besondere Rechte hat er dadurch nicht; Wie seine Parteigenossen verrichtet er eine Arbeit im Dienste des Staats. Im euphemistisch benannten Ministerium für Wahrheit formuliert er Zeitungsberichte und Geschichtsbücher so um, dass die Aussagen von gestern den behaupteten Tatsachen von heute entsprechen.

Morgens steht er mit dem Weckruf der Teleschirme auf, geht zur Arbeit wie die anderen, nimmt am Zwei-Minuten-Hass, einer kollektiven Gehirnwäsche-Veranstaltung, teil, isst Kohl und trinkt synthetischen Gin.

Seine Arbeit mag er sogar. Doch anders als seine Kollegen und seine Nachbarn spürt Winston, dass nicht alles so toll sein kann, wie die Partei das behauptet. Zwar gibt es dank Menschen wie ihm keinerlei Beweise dafür, doch er hat das Gefühl, dass das Leben nicht immer so freudlos, so eingeschränkt gewesen sein kann, wie es jetzt ist.

Mit jemandem über dieses Empfinden, sein Misstrauen der Partei gegenüber, seine Sehnsucht nach einem besseren Leben zu reden – undenkbar.

Jeder andere Mensch ist ein potenzieller Spitzel der Partei, und jeder ist gerne bereit, einen Nachbarn oder Kollegen zu denunzieren. Doch in den Elendsvierteln der „Proles“ genannten recht- und pflichtlosen Unter-Unter-Schicht findet Winston ein Heft, das er als Tagebuch nutzt.

Ihm ist von Anfang an klar, dass allein der Besitz eines Tagebuchs ihn eines Tages ins Ministerium für Liebe – der Folterkammer des totalitären Regimes – bringen wird, doch seine Gedanken brauchen einen Platz, und die jahrelang unterdrückten Gefühle des Widerstands muss er in irgendeiner Form festhalten.

Durch einen Konstruktionsfehler gibt es in seiner Wohnung sogar einen winzigen Platz, der nicht vom Teleschirm erfasst wird, und so schreibt Winston seine Gedanken zum Großen Bruder, dessen Parolen „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke“, den verblendeten Mitmenschen und vor allem seine eigene Hoffnungslosigkeit nieder.

Parteifunktionär O’Brien und Kollegin Julia

Zwei Personen ziehen immer wieder Winstons Aufmerksamkeit auf sich: Der Parteifunktionär O’Brien, dem Winston ansieht, dass er zu intelligent ist, die Parteiparolen einfach zu glauben, und die übereifrige Julia, eine Kollegin, die in der Anti-Sex-Liga aktiv ist und von der Winston zunächst glaubt, dass sie für die Gedankenpolizeit spioniert.

Doch die Wahrheit sieht anders aus.

Julia lässt Winston eines Tages wissen, dass sie sich in ihn verliebt hat. Trotz aller Überwachung finden die beiden einen Weg, zusammen zu sein, und Julia wird nicht nur zu Winstons Geliebter, sondern zu seiner Gefährtin und Verbündeten, denn sie hasst die Partei und den Staat ebenso wie er.

Dass die beiden von Anfang an in Gefahr schweben, ist ihnen klar, denn Liebesbeziehungen zwischen Parteimitgliedern sind – wie ja quasi alles – ein Verbrechen.

Noch dazu machen sie sich zahlreicher Gedankenverbrechen schuldig, die ganz klar mit dem Tod bestraft werden.

Doch der Drang zur Freiheit und ihre Liebe zueinander lässt sie diese Risiken eingehen.




Das Ende von 1984

1984 ist vielleicht auch deswegen eine so bekannte Dystopie, weil sie kein Happy End hat.

Denn Julia und Winston werden gefasst, und Winstons etwa ein Drittel des Buchs einnehmende Odysse durch das Ministerium der Liebe, das selbstverständlich das genaue Gegenteil dessen ist, was sein Name vermuten lässt, ist der Part in 1984, der einem besonders zusetzt.

Denn ein Staat, der die Vergangenheit leugnet, Kinder dazu anstiftet, ihre eigenen Eltern zu denunzieren, und möglicherweise sogar Kriege erfindet und im eigenen Land Bomben wirft, geht auch nicht zimperlich mit seinen Bürgern um.

Und am Ende sind sowohl Julia als auch Winston gebrochene Menschen – der Staat hat gewonnen.

So funktioniert der dystopische Staat in 1984

Überwachung

1984 zählt zu den bekanntesten dystopischen Romanen, und die Welt, die George Orwell in seinem Buch entwirft, ist so detailreich und so realitätsnah, wie in kaum einer anderen Dystopie.

Orwells totalitärer Staat hat an wirklich alles gedacht, und es gibt keinen Zweifel, dass dieser Staat genau so funktioniert und nichts ihn aufhalten kann.

An alles wurde gedacht, und die ständige Überwachung durch Technik und Mitmenschen ist da nur der Anfang.

Gehirnwäsche und Gedankenkontrolle

Viele der eingeführten Methoden tragen Züge von Gehirnwäsche, wenn beispielsweise Begriffe mit neuer Bedeutung besetzt werden.

Sogar eine eigene, auf das nötigste reduzierte Sprache gibt die Regierung vor. Die Entwicklung dieser Neusprech („Newspeak“) genannten Sprachwüste zeichnet sich durch die Streichung „unnötiger“ Wörter wie Synonyme und Antonyme aus: Wer braucht ein Wort wie „schrecklich“ oder „furchtbar“, wenn man doch „doppelplusungut“ sagen kann?

Und wo die Sprache fehlt, fehlt auch die Möglichkeit, Gefühle und Gedanken zu äußern. Die Erfindung einer Sprache, die rein auf Faktenvermittlung ausgerichtet ist, scheint daher das perfekte Instrument, den Bürger eines totalitären Staats zu kontrollieren. Wer erst einmal bestimmt, in welchen Begriffen gedacht wird, der bestimmt am Ende auch, was gedacht wird.

Relativierung der Wahrheit

Auch die Einführung des Doppeldenk (natürlich ein Neusprech-Wort) bildet eine bedeutende Grundlage für die Regierung in 1984 und seine Beschreibung liest sich fast wie eine Anleitung für Diktatoren:

Zu wissen und nicht zu wissen, absoluter Wahrhaftigkeit innezusein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Ansichten zu vertreten, zu wissen, daß sie widersprüchlich waren, und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen, die Moral abzulehnen und sie für sich in Anspruch zu nehmen; an die Unmöglichkeit der Demokratie zu glauben und daran, daß die Partei die Hüterin der Demokratie war; zu vergessen, was vergessen werden mußte, um es sich dann wieder ins Gedächtnis zu rufen, wenn es gebraucht wurde, und es dann gleich wieder zu vergessen; und vor allem, eben dieses Verfahren auf das Verfahren selbst anzuwenden.

Abgrenzung nach unten

Die Proles, die in den Außenbezirken der Stadt wohnen und quasi machen dürfen, was sie wollen, dafür aber in noch größerer Verelendung als die Parteimitglieder leben, dienen als Abgrenzung nach unten für das „Fußvolk“ der Partei – denn so schlecht es einem auch geht, man hat immer noch jemanden, auf den man herabblicken kann, jemanden, der man noch weniger gern sein möchte als man selbst.




Isolation

Dass die Proles auch Liebesbeziehungen führen dürfen und Sex haben können, mit wem sie möchten, stört eigentlich sowieso niemanden

Denn von Jugend an wird Sexualität grundsätzlich als etwas Schlechtes, Unnormales dargestellt, und durch diese Umbewertung wird die Isolation des Einzelnen – und somit seine Kontrollierbarkeit – noch erhöht.

Staatliche Erziehung

Überhaupt greift der Staat von frühester Kindheit an in die Entwicklung ein. Perfekt organisierte Jugendorganisationen machen aus den eigenen Kindern den Spitzel für zu Hause.

Das einzige Gemeinschaftsgefühl stellt sich bei den Hass-Veranstaltungen ein, bei denen Bilder von Staatsfeinden gezeigt werden und sich der Hass der versammelten Bürger so aufpeitscht und Raum greift, dass sich dem niemand entziehen kann – auch Winston Smith nicht.

Neudefinition der Geschichte

Dass die Hauptfigur in 1984 ausgerechnet im Ministerium für Wahrheit die Vergangenheit manipuliert, zeigt die Bedeutung, die eine passende Geschichtsschreibung für die Macht des Regimes hat.

Das kann sich in kleinen Dingen äußern – eine Reduzierung der wöchentlichen Schokoladenration wird in eine Erhöhung umdefiniert und von (fast) niemandem angezweifelt – oder in grundlegenden Faktenverdrehungen, die eine Orientierung des einzelnen unmöglich machen.

Ohne zu wissen, was war, oder ob das, was heute als wahr gilt, auch morgen noch Bestand hat, kann niemand beurteilen, ob die Welt, in der er lebt, eine gute oder eine schlechte ist. Alles, was dann noch bleibt, ist, denen zu glauben, die behaupten, sie wüssten es.

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.

Entstehung von 1984

1984 entstand von 1946 bis 1948 (der Titel ergibt sich durch die Vertauschung der letzten beiden Zahlen), und George Orwell schrieb unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Stalinismus.

Seine Dystopie ist wohl auch deswegen so nah an der Realität und fühlt sich so wirklich an, weil sie reale Vorbilder hatte und eher eine Auseinandersetzung mit (einer möglichen) Gegenwart als mit einer weit entfernten Zukunft ist.

Verfilmungen

1984 wurde zwei Mal verfilmt. Die bekanntere und spätere Verfilmung – aus dem Jahr 1984 – mit John Hurt und Richard Burton ist absolut empfehlenswert, sehr nah an der Vorlage und schafft es, die Atmosphäre des Buchs zu 100% in das Medium Film zu übersetzen.