Wer schreibt, erschafft sich ein Stück weit seine eigene Welt. Das ist das Herausfordernde am Schreiben. Alexandre Dumas (der Autor von Die drei Musketiere) hat einmal gesagt: „Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen.“ Was meint er damit? Shakespeare hat nicht nur seine eigene Welt gestaltet, er hat es so kraftvoll getan, dass er die Welt vieler Menschen beeinflusst hat, ihr Denken und Fühlen, ja selbst das Geschichtsbild vieler Engländer oder unsere Vorstellung von Julius Caesar.

Wenn ich etwas bewegen will, brauche ich einen Standpunkt und in der Literatur ist das eine Sichtweise. Von wo aus erschließe ich mir die Welt? Welche Perspektive wähle ich? Dementsprechend schreibe ich in der 1. Person – ich – oder in der 3. Person – er/sie. Die Ich-Perspektive ist relativ eindeutig und leicht zu erkennen; bei der Er/Sie-Perspektive gibt mehrere Möglichkeiten. Alle aber sind Erzählperspektiven.

Wann setze ich nun welche Perspektive ein und welche Wirkung erziele ich damit?




Der Ich-Erzähler

Bekannt ist, dass das Denken im Mittelalter sehr stark vom Glauben geprägt war. Künstler signierten Ihre Werke im Allgemeinen nicht. Kunst und Dichtung waren eher ein Handwerk, und so wie der eine einen Stuhl herstellt, so schreibt ein anderer Gedichte oder Erbauungstexte, in erster Linie zum Nutzen, zum Wohlgefallen von Hörern. Doch Anfang des 14. Jahrhunderts schrieb der Italiener Dante Die Göttliche Komödie als eine Zusammenfassung der Weltanschauung des Christentums. Er schrieb in der Ich-Form. Der Protagonist hat sich gründlich verirrt und findet erst durch die göttliche Gnade, geleitet durch Hölle und Fegefeuer, den Weg zum Himmel. Das Schicksal des ‚Ichs‘ steht im Mittelpunkt.

Auftakt des Individualismus. Kraftvoll tritt das ‚Ich‘ in der Literatur auf und immer mehr im Denken der Menschen hervor. Erster Anklang der Neuzeit. Ich sehe die Welt von mir aus und so beschreibe ich sie auch, das ist der Kern der Ich-Perspektive.

Der allwissende Erzähler

Gewissermaßen das Gegenteil des Ich-Erzählers. Die Kulturgeschichte ist weiter gewandert und die Autoren und Erzählerinnen der Romane des 18. und 19. Jahrhunderts versuchen ein wenig den Sinn und Zusammenhang zu stiften, der in der Religion und Philosophie schwach geworden ist. Man überblickt nicht mehr das Ganze, aber man ist bemüht, eine Zeit, eine Epoche einzuordnen und zu verstehen.

„Es war die beste und die schlimmste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns;“ (Charles Dickens, Eine Geschichte aus zwei Städten)

Der Autor überblickt das Geschehen, er beurteilt es aus der Vogelperspektive, von oben hat er einen Überblick, den ein normaler Mensch auf das Leben nicht hat. Er kennt die Zukunft und die Vergangenheit, kann Vorausblicke geben, Vorahnungen vermitteln, weiß mehr als der Protagonist und er zieht die Leser in diese Perspektive mit hinein. Man nimmt Anteil am Schicksal der Figuren, vielleicht so wie Eltern am Leben ihrer Kinder. Man fühlt mit, leidet mit und bleibt doch irgendwie allwissend, fast göttlich, außen vor. Natürlich muss ein allwissender Erzähler nicht immer alle Register seiner Möglichkeiten ziehen. Entscheidend bleibt: Er weiß mehr als die Figuren der Erzählung und er teilt es den Lesern mit. Er tritt nicht selber auf, er ist Schöpfer, Urheber seiner Geschichte. Da das lateinische Wort für Urheber auctor ist und die Literaturwissenschaft immer noch lateinische Wörter liebt, nennt man den allwissenden Erzähler gerne den auktorialen Erzähler.




Der personale Erzähler

Am Ende des 19. Jahrhunderts, spätestens nach dem 1. Weltkrieg, ist aber das Vertrauen des Lesepublikums in den allwissenden Erzähler erschöpft. Kann man das wirklich, die Dinge, selbst seiner eigenen Erzählung, so objektiv eindeutig von oben schildern und beurteilen? Lieber bescheidet man sich und tritt nun neben die Figur. Geht mit ihr durch die Geschichte, begleitet sie, interessiert sich für sie, weiß aber nicht mehr als sie. Das passt recht gut zur Demokratie, in der grundsätzlich keiner den anderen von oben beurteilt, sondern jeder ernst genommen werden soll mit seinen Anschauungen. Es entspricht auch dem wissenschaftlichen Denken, das beobachtet und sich vor allem für Details interessiert.

„Er war ein alter Mann und er fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch gefangen.“ (Hemingway, Der Alte Mann und das Meer)

Der Autor weiß nicht mehr, als was er gewissermaßen neben den Protagonisten stehend sieht.

Diese Erzählperspektive eignet sich besonders für Kurzgeschichten. Man interessiert sich für die Psychologie der Hauptfigur, folgt ihr gewissermaßen und lässt den Leser am Entdecken und Aufdecken teilnehmen, ohne dabei auf eine erklärende Metaebene zu wechseln.

Natürlich ist es komplizierter: Erzähler kontra Perspektive

Das bisher Gesagte sind Richtlinien, die zeigen, wie Grundeinstellungen zu bestimmten Zeiten in der Literatur ihren Widerklang finden, auch in der Erzählperspektive. Es gibt viele Ausnahmen. Außerdem passiert es gerade in der jüngeren, modernen Literatur häufig, dass Erzählperspektiven changieren. Darum ist es wichtig zu unterscheiden: Spreche ich von einem Erzähler, dann sollte ich mich festlegen. Welche Perspektive überwiegt? Begleitet er seine Figur als personaler Erzähler oder kommentiert er, vorausschauend, zurückblickend, als allwissender Erzähler? Der Ich-Erzähler ist immer leicht zu erkennen und wechselt nur höchst selten mit einer anderen Erzählhaltung.

Bei der konkreten Arbeit an einer Textstelle solltest du jedoch vor allem von der Perspektive sprechen. Welche Sichtweise ist eingenommen und welche Wirkung hat das? In der Ich-Perspektive wirkt das Geschehen oft sehr intensiv. Man identifiziert sich besonders mit der Figur. Oder diese Sichtweise wird für ironische Brechung verwendet wie in dem Roman von Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Ein charmanter Betrüger erzählt von seinem Leben. Sehr schön erkennt man dabei, dass der Ich-Erzähler keineswegs identisch sein muss mit dem Autor oder der Erzählerin. Es ist eine eingenommene Erzählperspektive mit einer Absicht, die man aufdecken kann.




Die neutrale Erzählperspektive

Aller guten Dinge sind drei und manchmal kommt ein Viertes hinzu. Bei sehr ausführlichen, unkommentierten Dialogszenen, tritt der Erzähler so wenig in Erscheinung, dass man ihn einfach neutral nennen kann. In reiner Form findet sich dies bei Theaterstücken, die außer Regieanweisungen nun mal nur Dialoge haben; aber auch in manchen Romanen, wie zum Beispiel bei Dostojewski, gibt es häufig seitenweise kaum unterbrochene Dialoge, bei denen man gern den Faden verliert. Man wird aber dadurch – wenn es gelingt, was eine große Kunst ist – besonders unmittelbar in das Geschehen hineingezogen, weil man keinerlei Hilfe mehr vonseiten des Erzählers erfährt. So kann selbst der allwissende Erzähler eine Zeitlang ganz zurücktreten und eine neutrale Erzählperspektive einnehmen. Dennoch bleibt er aufs Ganze gesehen ein allwissender Erzähler. Alles klar? Ja, auch Literaturwissenschaft ist nicht immer ganz unkompliziert und wenn sie es wäre, dann wäre sie wohl auch ein bisschen langweilig. Bleibt noch zum Schluss der schöne Romananfang von Vom Winde verweht von Margret Mitchell.

„Scarlett O’Hara war nicht eigentlich schön zu nennen. Wenn aber Männer in ihren Bann gerieten, wie jetzt die Zwillinge Tarleton, so wurden sie dessen meist nicht gewahr.“

Und wer jetzt sagen kann, warum dies eine allwissende Erzählperspektive ist, der hat es doch schon ganz gut verstanden.