UNTERLEUTEN von Juli Zeh

Yvonne Kraus


Hier stellen wir dir den Roman Unterleuten von Juli Zeh vor.

Ein fiktives Dorf in Ostdeutschland

Im Osten Deutschlands gibt es Dörfer, die – wie Unterleutens wohl einflussreichster Einwohner Gombrowski es beschreibt – den Weltuntergang bereits ein paar Mal überlebt haben, sei es durch den Zweiten Weltkrieg, die Einführung des Sozialismus oder später des Kapitalismus.

Doch die Dorfbewohner haben aus- und zusammengehalten, und heute beschäftigt die Ökologica mit ihrem Bio-Anbau die meisten der Ansässigen. Ein paar Zugezogene gibt es, die aus Berlin geflohen sind, um auf dem Land ihr Glück zu suchen. Doch so richtig warm ist mit ihnen noch niemand geworden.




Seit drei Jahren wohnen Jule und Gerhard Fließ bereits in Unterleuten, und seit Kurzem auch Töchterchen Sophie. Doch der Berufs-Vogelschützer und seine Frau haben Stress mit Nachbar Schaller, der Tag und Nacht Autoreifen auf seinem Grundstück verbrennt – was niemanden im Dorf stört.

Neue Bewohner im Dorf Unterleuten

Noch frischer zugezogen sind die neuen Bewohner der Villa Kunterbunt. Die Mittzwanzigerin Linda hofft inständig darauf, bald ihr Pferd Bergamotte nach Unterleuten nachholen zu können, während ihr Freund Frederik nach Berlin pendelt, um dort Spiele zu programmieren. Ansonsten ärgert sie sich über Gerhard Fließ, dessen Vogelschutz-Manie dazu führen könnte, dass Linda den geplanten Stall nicht bauen kann. Doch Lindas fester Wille und ihr Glaube daran, dass Unterleuten ihre Bestimmung ist, lassen sie nicht aufgeben.

„Mit einem Mal stand alles fest, und Linda begriff, dass das Leben wichtige Entscheidungen ohne Rücksprache traf. Man wurde nicht gefragt. Die Freiheit des Menschen bestand in der Möglichkeit, sich zu widersetzen.“

Überhaupt ärgern sich die Unterleutner gerne und viel übereinander. Gombrowskis Ehefrau Elena ist eifersüchtig auf Nachbarin Hilde, weil sie vermutet, dass die seit Jahrzehnten ein Verhältnis mit Elenas Mann hat. Der wiederum ärgert sich schon seit der Wende über Kron, der die Ökologica damals verhindern wollte – bis eines Nachts ein herabfallender Ast im Wald Hildes Mann tötete und Krons Bein schwer verletzte.

Doch auch wenn die Unterleutner teils Sturköpfe, teils Eigenbrötler sind und manche der Bewohner sich hassen, so funktioniert das Gebilde doch, wenn auch mühsam durch Informationsaustausch, Verwandtschaft und geschuldete Gefallen zusammengehalten. Schlimmstenfalls droht hin und wieder Langeweile

„Der Garten stand reglos, als wäre der Wind noch nicht erfunden.“




Es weht ein böser Wind durch Unterleuten

Das fragile Geflecht der Beziehungen in Unterleuten droht jedoch zu zerreißen, als die große, das heißt die Landespolitik Einzug hält ins Dorfleben: Das Land Brandenburg möchte in erneuerbare Energien investieren, und wo geht das besser als auf dem flachen Land? Ein Windpark soll her, zehn Windräder zunächst, die dem Verpächter des Grundstücks, auf das sie gestellt werden sollen, 15.000 Euro pro Jahr bringen werden – pro Windrad versteht sich.

Bürgermeister Arne Seidel freut sich bereits auf die Gewerbesteuer, die den Unterleutner Haushalt sanieren wird. Doch so einig wie bei der Präsentation der Vento Direct ist das Dorf sich selten. In Unterleuten wird es keine Windräder geben.

Natürlich ist da noch nicht das letzte Wort gesprochen. Zwar gibt es noch Probleme mit einem passenden Grundstück – Gombrowski und ein Investor aus dem Westen müssen sich um ein kleines Stück Land der Pferdezüchterin Linda streiten, um eine ausreichende Fläche bieten zu können – doch dem Dorf reicht dieses Eindringen von außen schon, um sich gegenseitig zu verdächtigen und sich das Leben zur Hölle zu machen.

„Kron fühlte sich berauscht von der Logik seiner Ausführungen. Was den Menschen vom Tier unterschied, war die Fähigkeit im Angesicht der Katastrophe „Siehste!“ zu denken.“

Unterleuten: Faszinierender Roman über die Zerbrechlichkeit sozialer Bindungen

Wer ein paar hundert Seiten in Unterleuten zugebracht hat, wird unweigerlich an andere Dörfer erinnert, die durch ein Eindringen von außen in ihr bereits im Namen liegendes Verderben geschickt werden. Auch in Lars von Triers Dogville oder in Dürrenmatts Güllen sind es Veränderungen, die die Einwohner ihre schlechteste Seite herauskehren lassen.

In Unterleuten ist es der vordergründige Kampf gegen Windmühlen, der die Dörfler zunächst eint und dann teilt. Denn schon bald ist klar, dass irgendjemand von den Windrädern profitieren wird. Und wenn man es schon nicht selbst sein kann, dann bitte auch nicht der gehasste Nachbar.

„Kron wusste durchaus, was Freiheit war. Ein Kampfbegriff. Freiheit war der Name eines Systems, in dem sich der Mensch als Manager der eigenen Biographie gerierte und das Leben als Trainingscamp für den persönlichen Erfolg begriff.“

Selbst gemachter Ärger im Dorf

Dass die Vento Direct in solch ein Wespennest sticht, liegt einerseits an lange vergangenen und nie verarbeiteten Ereignissen, andererseits und besonders aber an der Vorliebe des Menschen für Tratsch. Ständig kursieren Gerüchte, und wenn man zwei Alternativen glauben kann, so glaubt Unterleuten nie die wahrscheinlichere, sondern immer die schlimmere.

Dieses Gerede, das Misstrauen schürt und durch Misstrauen gestärkt wird, nagt an Unterleutens Unterbau wie eine Krankheit, die das Dorf dem Verfall preisgibt. Und das schlimmste Erwachen für einige der Dorfbewohner besteht darin, festzustellen, dass die Wahrheit viel harmloser ist als ihre Vermutungen.

„Ständig glaubten alle, alles zu wissen, während in Wahrheit niemand im Bilde war. Statt miteinander zu reden, erfanden die Leute Geschichten die sich weitererzählen ließen.“

So abgeschlossen Unterleuten von der Welt lebt, so deutlich sind doch die Spuren des Dorfs im Internet zu finden. Der Vogelschutzverein Unterleuten ebenso wie die Vento Direkt haben ihre eigene Internetseite. Und selbst das Motivationsbuch Dein Erfolg von Manfred Gortz, dem persönlichen Guru von Linda, ist auf Amazon erhältlich, und eine Nebenfigur aus Unterleuten kommt darin sogar zu Wort.




Soziogramm einer dörflichen Gemeinschaft

Unterleuten ist ein faszinierendes und spannendes Psycho- und Soziogramm einer dörflichen Gemeinschaft, und der Roman hält einem mehr als einmal 7den Spiegel vor. Denn natürlich ist das Dorf nur eine von vielen verschiedenen möglichen Sammelstellen für Menschen, die nach Macht, Liebe, Anerkennung und Geld streben – und vor allem danach, ihren eigenen Willen am Ende durchzusetzen.

Trotz diverser Abscheulichkeiten, die die Unterleutner während des Romans so anstellen, sind die vielen Figuren allesamt mit Nachsicht und absolut nachvollziehbar, ja liebevoll dargestellt. Das kommt einerseits daher, dass die Perspektive des Romans wie ein Staffelstab an die verschiedenen Bewohner reihum weitergereicht wird. Somit kommt jeder einmal zu Wort.

Vor allem sind es aber die menschlichen und nachvollziehbaren Schwächen, die die Unterleutner nahbar machen. Auch ihre Fehler werden so wieder und wieder verzeihbar. Hin und wieder finden auch die Nachbarn zu so etwas wie Verständnis. Dies passiert immer, wenn sie die wahren Gründe für das Verhalten einzelner erkennen.

„Er fühlte sich so allein, dass schon die bloße Existenz anderer Menschen einen Angriff darstellte.“

Juli Zeh schrieb nach eigenen Angaben zehn Jahre an Unterleuten. Tatsächlich ist es wohl ihr bisher vielschichtigster Roman, der einem ein ganzes Dorf an Figuren nahe bringt. Die zahllosen Wirrungen, Fehlentscheidungen und -Interpretationen, der Glaube an das Schlechte, der das Schlechte zum Vorschein bringt, und das fast schon unschuldige Streben nach der eigenen Verwirklichung, nach der eigenen Macht, machen diesen Roman zu etwas Besonderem.

„Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat.“

Infos zum Buch

Unterleuten
Juli Zeh
640 Seiten
Erstausgabe 2016

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