TSCHICK von Wolfgang Herrndorf

Yvonne Kraus


4.7
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Im Deutschunterricht wird der Roman Tschick von Wolfgang Herrndorf inzwischen immer häufiger als Lektüre und Prüfungsarbeit ausgewählt. Inzwischen kann man von einem modernen Klassiker reden, der von Millionen Lesern gelesen, erfolgreich verfilmt und sogar für das Theater adaptiert wurde. Mit Tschick hat Herrndorf einen vielschichtigen Roman geschrieben, der als Kapitalismuskritik, als Selbstfindungsbuch, als Ost-West-Verbrüderungsroman und sogar einfach nur als Jugendbuch gelesen werden kann. Tschick ist ein perfektes Beispiel für die Literaturgattung des Entwicklungsromans, in seiner modernen Form auch als Coming-of-Age-Roman (Roman über das Heranwachsen bzw. die Erwachsenwerdung) bekannt.

Hier kannst du Tschick als Taschenbuch kaufen. Am Ende des Beitrags steht, wie du dir kostenlos die deutsche Hörspielfassung zu Tschick herunterladen kannst. Ein Profi-Lektürepaket von nachgeholfen.de mit tieferer Durchdringung des Romans hilft dir weiter, wenn du dich optimal auf Hausaufgaben und Klassenarbeiten vorbereiten willst. Wenn du dich für das Motiv der Heldenreise in Tschick interessierst, geht es hier lang. Und wenn du einfach nur “Erste Hilfe” zur Analyse brauchst, findest du in diesem Artikel die wichtigsten Informationen.

Erwachsenwerden mit hohem Risiko

Mit 14 ist man in der Schule entweder angesagt und einer von den Coolen oder man ist raus aus der Nummer. Dazwischen gibt es nicht viel. Im Fall von Maik Klingenberg und Andrej “Tschick” Tschichatschow, den beiden Protagonisten des Romans, ist es eher das Zweite.

Mit 14 ist man aber auch bereits gut auf dem Weg, ein junger Erwachsener zu werden. Zum Erwachsenwerden gehört es, auch mal Dinge zu tun, die man eigentlich nicht machen sollte. Wenn man nicht so beliebt ist, hat man ja auch keinen guten Ruf zu verlieren. Eigentlich kann einem sogar alles egal sein. Vielleicht geht man einfach mal nicht zur Schule, experimentiert mit Alkohol oder klaut – wie im Fall von Maik Klingenberg und Andrej “Tschick” Tschichatschow – ein Auto und fährt damit durchs halbe Land. Was auch immer man anstellt, Gründe und Logik spielen eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es darum, etwas auszuprobieren, von dem man irgendwie schon ahnt, dass die Gelegenheit dazu nicht wiederkehren wird. Einfach, um mal zu schauen, was passiert.

Maik Klingenberg, der Erzähler des Romans tschick, der bezeichnenderweise nicht nach ihm selbst, sondern seinem besten Freund ‘Tschick’ benannt ist, weiß zu Beginn der Geschichte schon, wo so ein Abenteuer endet: Mit vollgepinkelter Jeans und blutigem Bein auf der Polizeiwache. Dorthin hat man den 14-Jährigen gebracht, nachdem er auf der Autobahn aufgelesen wurde, und die Information, dass man in seinem Alter bereits strafmündig ist, führt dann auch gleich zu dem Malheur mit der Hose.

Die Aufregung, die Sorge um Tschick und der Anblick seiner Verletzung kosten ihn schließlich das Bewusstsein und seine nächste Erinnerung stammt aus dem Krankenhaus, wo ihn die jungen und freundlichen Schwestern sowie der väterliche Arzt kurzzeitig vergessen lassen, dass er wegen Autodiebstahls ziemlichen Ärger bekommen könnte. Stattdessen denkt Maik darüber nach, wie er dort gelandet ist, wo er jetzt ist, und in dieser langen Rückblende lässt er den Leser an einem heiter-melancholischen Roadtrip teilnehmen, den man so schnell nicht vergisst.

TSCHICK Zusammenfassung des Romans

Maik Klingenberg würde sich schon freuen, wenn man ihn aufziehen oder mit einem dämlichen Spitznamen versehen würde, doch seine Klassenkameraden beschränken sich darauf, ihn zu ignorieren. Zwar kommt Maik aus etwas, das man als “gutes Elternhaus” bezeichnen würde, doch die Fassade bröckelt. Maiks Vater hat in die falschen Immobilien investiert, seine Mutter fährt regelmäßig und nur mit mittlerem Erfolg in die von ihr schöngeredet als ‘Schönheitsfarm’ bezeichnete Alkohol-Entzugsklinik und dass die Ehe geschieden wird, ist nur noch eine Frage der Zeit.

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Freunde hat Maik keine, Geschwister auch nicht, sodass er seine Zeit meistens alleine verbringt. Aber die Sommerferien stehen vor der Tür, und Maik hat etwas, worauf er sich freuen kann: die Geburtstagsparty von Tatjana, in die er – wie der männliche Rest der Klasse – heimlich verliebt ist. Tatsächlich wird die ganze Klasse eingeladen, bis auf ein paar Außenseiter-Ausnahmen, darunter der neue Mitschüler Tschick und Maik. Zuhause läuft es auch nicht besser: Die Mutter fährt mal wieder zur “Schönheitsfarm”, der Vater kann kaum abwarten, dass sie aus dem Haus ist, um mit seiner Mitarbeiterin / Freundin in die Ferien zu fahren und Maik bleibt allein mit 200 Euro in der elterlichen Villa im Berliner Osten zurück.

Eine spontane Freundschaft entsteht

Doch er bleibt nicht lange allein: Tschick taucht auf, ungefragt, aber äußerst beharrlich. Und da beide allein sind, beginnen sie, Zeit miteinander zu verbringen, im Pool von Maiks Eltern und beim Playstation-Spielen. Bis Tschick eines Tages mit einem Auto vor der Tür steht: Er hat einen alten Lada gestohlen – was offensichtlich deutlich leichter ist, als Maik Klingenberg von dessen Gebrauch zu überzeugen -, mit dem sie schließlich Tatjana Maiks selbstgezeichnetes Geburtstagsgeschenk vorbeibringen und anschließend in Richtung Walachei aufbrechen, um dort Tschicks Großvater zu besuchen.

Auf dem Weg in den Südosten treffen sie auf wirklich ganz unglaubliche Menschen: eine Familie, die die Jungen spontan zum Mittagessen einlädt, aber das Dessert verweigert, weil Maik und Tschick beim Familien-Quiz versagen, einen bewaffneten Alten, der der letzte Bewohner eines Geisterdorfs zu sein scheint und Isa, die die beiden auf der Müllkippe treffen und in die Maik – wie das mit 14 nun mal ist – sich gleich verliebt, ohne Tatjana weniger zu mögen. (Mittlerweile ist übrigens Herrndorfs unvollendeter Roman Bilder deiner großen Liebe, geschildert aus Sicht von Isa, erschienen).

Das Ende von TSCHICK

Wie die Geschichte ausgeht, erfährt man ja bereits am Anfang. Natürlich geht der Roadtrip nicht gut und am Ende landen Maik und Tschick vor dem Jugendgericht, wo sie sich zum ersten Mal seit Wochen sehen und ihre eigene, eigentlich nicht vorgesehene Lösung des Gefangenendilemmas leben, die als einzige Voraussetzung tiefe Freundschaft und enge Verbundenheit fordert. Die Spieltheorie (und außerdem auch Maiks Vater) geht davon aus, dass zwei “Gefangene”, die keinen Kontakt miteinander haben und die Wahl haben, entweder zu schweigen oder den anderen zu verraten, am Ende immer beide den jeweils anderen verraten werden, da dies die rationalere Wahl ist (mehr zum Gefangenendilemma bei Wikipedia). Für Tschick und Maik ist die rationalere Wahl jedoch die, die den Freund schützt, und dass sie am Ende dafür belohnt werden, ist nur eine von vielen kleinen Hoffnungsbotschaften, die dieser wunderbare Roman verbreitet.

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Die Hauptfiguren

tschick zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass seine jugendlichen Hauptfiguren sich selbst ernst nehmen und von Autor und Lesern auch automatisch ernst genommen werden. Egal, wie absurd es erscheint: Die unglaublichen Geschichten, die Tschick, Isa und am Ende auch Maik erzählen, sind erstaunlicherweise alle wahr.

Besonders toll in tschick sind die Dialoge, die witzig, rührend und bewundernswert zugleich sind und an denen man das Alter und die Ernsthaftigkeit der Protagonisten gut erkennt – wie der Dialog über die Existenz oder Nicht-Existenz einer Region namens Walachei, in der der Großvater von Tschick angeblich wohnt und der noch ungefähr eine Seite lang in ähnlicher Weise weitergeht.

“Du nervst, echt. Mein Großvater wohnt irgendwo am Arsch der Welt in einem Land, das Walachei heißt. Und da fahren wir morgen hin.”
Er war wieder ganz ernst geworden, und ich wurde auch ernst. “Ich kenn hundertfünfzig Länder der Welt mit Hauptstädten komplett”, sagte ich und nahm einen Schluck aus Tschicks Bierflasche. “Walachei gibt’s nicht.”
“Mein Großvater ist cool. Der hat zwei Zigaretten im Ohr. Und nur noch einen Zahn. Ich war da, als ich fünf war oder so.”
“Was bist du denn jetzt eigentlich? Russe? Oder Walacheier oder was?”
“Deutscher. Ich hab ‘n Pass.”

Überhaupt sind es die beiden Figuren Maik und Tschick, die den Roman zu etwas besonderem machen: Völlig unterschiedlich gleichen sie sich nur in ihrer Einsamkeit, und dass sie Freunde werden, liegt vor allem an der Zeit, die sie miteinander verbringen, dem Vertrauen, das sie sich gegenseitig schenken, und einer Offenheit dem anderen gegenüber, die durch selbst erfahrene Ausgrenzung erzeugt ist. Dabei überraschen beide am Ende noch. Denn letztlich ist es der deutlich großspurigere und auf den ersten Blick offenherzigere Tschick, der vor Maik lange Zeit ein Geheimnis bewahrt.

Die Botschaft hinter TSCHICK

Die große Botschaft, die hinter dem Roman steckt, lautet “carpe diem” – Nutze den Tag. Maik nimmt das für sich aus seiner Reise mit, nach deren Ende einiges besser, aber vieles auch beim Alten ist. Doch er hat gelernt, die guten Momente zu genießen, wenn sie auch nicht ewig dauern.

Wer nach der Lektüre und dieser tschick-Zusammenfassung nicht genug bekommen hat, kann auf Wolfgang Herrndorfs Blog “Arbeit und Struktur” oder in der gleichnamigen Veröffentlichung ein Outtake aus tschick lesen – eine Szene, die es dann doch nicht in die gedruckte Romanfassung geschafft hat. Zeitlich ist diese Szene schwer zu verorten. Maiks Verhalten deutet eher darauf hin, dass sie vor dem Lada-Klau stattgefunden hat. Das zum Heulen schöne Gedicht am Ende enthält jedoch einige Hinweise auf die Reise, die Maik vorher so nicht anbringen konnte. Egal, wann diese Szene nun spielen soll, für mich gehört sie zu tschick dazu, weil in ihr viel von Maiks Melancholie und Einfühlungsvermögen zusammenfließen, und man kann sie gar nicht oft genug lesen. Hier geht’s zum Outtake von tschick.

Tschick und der Ost-West-Konflikt nach der deutschen Wiedervereinigung

Ein weiteres Motiv ist der Ost-West-Konflikt und die deutsche Wiedervereinigung 1989. Der Roman spielt im Osten nach der Wiedervereinigung. Maik, wenn auch als Name zur Zeit des Romans öfter im Osten zu finden, trägt viele westliche Züge in seiner Herkunft mit sich. Seine Charkterisierung ist die eines westlichen Jugendlichen mit erfolgreichen Eltern. Er kommt aus reichem Hause, wohnt in einer modernen städtischen Großvilla, inklusive Swimming Pool und kann sich über den Reichtum seiner Familie theoretisch so gut wie alles leisten. Vor allem im Vergleich zu seinen Mitschülern. Andrej (Tschick) dagegen kommt aus ärmlichen Verhältnissen von Russland nach Deutschland, trägt billige Trainingsanzüge und ist sofort zum Zeitpunkt seiner Ankunft in Maiks Klasse sichtbar ein Aussenseiter. Man muss davon ausgehen, dass er im Vergleich zu seinen Mitschülern sogar noch ärmer und mittelloser ist. Normalerweise könnte man annehmen, dass eine Freundschaft zwischen diesen Beiden nicht sonderlich wahrscheinlich ist. Es ist beinahe so, als stehen Maik und Andrej für einen Gegensatz, der sich politisch und sozial im jüngst vereinten Deutschland in ähnlichem Kontrast wiederfand: Der Gegensatz des reichen, aber nicht völlig perfekten Westens und des verarmten, über Nacht ohne politische Identität hinterlassenen Ost-Deutschlands. Herrndorfs magische Leistung ist es nun, diese unwahrscheinliche Freundschaft wahr werden zu lassen.

Es ist kein leistungsstarkes Cabrio und auch kein schnittiger BMW oder Mercedes, in dem die Reise beginnt. Wenn man schon ein Auto stiehlt, hat man doch die gesamte Auswahl zur Verfügung, oder? Eben nicht. Ein Lada ist die allerbeste Entscheidung, er ist unperfekt, rostig, kantig und kann eine Reise durch seine Unzuverlässigkeit jederzeit beenden. Die Polizei kann ihn schneller ermitteln, als beispielsweise einen VW Golf. Im Notfall hat er nicht viel Motorleistung und kann maximal einer Fahrradstreife entkommen. Aber er ist auch unscheinbar, wird besser übersehen, kommt überall durch. Wenn man durch ein Maisfeld fährt, trauert man nicht, wenn er ein paar neue Schrammen hat. Kurz: Der Lada hat Charakter und macht die Reise erst interessant. Und er ist das geeignete Mittel, um nicht das Vehikel, sondern die Reise selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht zuletzt verkörpert er den Osten wie kein anderes Auto. Ein Hinweis, dass es Herrndorf mit dem Motiv Ost-West wichtig ist.

Ein weiterer Hinweis zum gleichen Thema ist der Zielort der Reise von Maik und Tschick, die Walachei. Als Gegend in Rumänien ist sie der Wohnort von Tschicks Großvater. Rumänien ist ebenfalls ein Land mit langer kommunistischer Vergangenheit. Auch wenn die Reise von Maik und Tschick jäh zu Ende geht, bevor die beiden ihren Roadtrip nur annähernd ausführen können, würden die meisten Varianten einer gedachten Strecke von Ostdeutschland nach Rumänien durch Polen bzw. Tschechien, dann die Slowakei und schließlich über Ungarn zum Zielort führen. Es gibt kaum einen besseren Roadtrip durch das ehemals kommunistische Ost-Europa. Entsprechend spiegelt sich im Zielort der Reise, aber auch in den Etappen der Reise selbst, eine Sehnsucht nach Natur, Unvollkommenheit und Freiheit, die Herrndorf im Osten verortet.

Tschick und die Kapitalismuskritik

Macht Geld glücklich? Nicht, wenn Tschick sorgfältig durchliest. Wenn man sich z.B. Maiks Biographie im Detail anschaut, wird klar, das Geld keine Probleme löst. Herrndorf zeichnet Maik trotz elterlicher Villa und vollbestücktem Kinderzimmer als Jugendlichen ohne Freunde. Trotz Playstation und Swimming Pool wirkt Maik nicht glücklich. Die Beziehung seiner Eltern liegt in Trümmern. Die Alkoholsucht seiner Mutter kann mit Geld nur behandelt, nicht aber vermieden oder geheilt werden.

Herrndorf zeigt schon auf den ersten Seiten in seinem Roman, dass das Kapital nicht der Leim zu sein scheint, der die Familien heilt, die Ehen sichert und dafür sorgt, dass aus den Kindern und Jugendlichen keine Außenseiter werden. Daher ist es auch eine mögliche Spielart, den Roman als kritisch positioniertes Werk zu den Idealen des Kapitals zu lesen. Herrndorf macht sich auf spielerische Weise darüber lustig. Maik und Tschick sind schon bald gelangweilt von den materialistischen Dingen, die Maiks Elternhaus beiden bietet. Die Wahrheit, die Freundschaft und Liebe, das Abenteuer und die Freiheit liegen woanders.

Ein weiterer Hinweis auf eine Kapitalismuskritik in Tschick ist die Charakterisierung von Isa. Sie wird auf einer Müllkippe angetroffen. Sie lebt verwahrlost und ist ungepflegt, eine echte Aussteigerin aus der Gesellschaft. So weit ausgestiegen, dass sie auf Maik und Tschick keinen guten ersten Eindruck macht. Aber im freien Leben der neuen Freunde ist der erste Eindruck ist nur das, ein bloßer erster Eindruck. Im weiteren Verlauf der weiteren Reise treten diese Dinge in den Hintergrund. Ein ungepflegtes Erscheinungsbild ist nichts, was ein Bad im See nicht heilen könnte. Nach und nach treten andere Charaktereigenschaften von Isa auf und sie entwickelt sich vom Müllmädchen zum Charakter, in dem man sich verlieben kann.

Alles zusammengefasst ist eine mögliche Lesart des Romans daher auch die folgende: Die Lücke, die der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und in Asien hinterlässt, füllt der Westen mit seinem Reichtum und seinen polierten Fassaden ideologisch nur unzureichend auf. Auf junge Menschen wie Maik und Tschick wirkt das westlich geprägte Leitbild der Konsumorientierung überholt. Die materialistische Ausrichtung ist inkompatibel mit ihren Träumen und Sehnsüchten. Besonders tritt dies in der Charakterisierung von Maik zu Tage, der als Protagonist seine reiche Herkunft überwunden hat (sprich: nicht zum Sinngeber seiner Existenz und moralischen Bewerter seiner Freunde macht). Dadurch erst werden für Maik wahre Freundschaften möglich. Dadurch kann er seine Freiheit entfalten und letztlich seine ganz eigene Version der Erwachsenwerdung finden.

Der Lada – Die versteckte Hauptfigur in Tschick

Eine Karindalsünde in der Welt des Kapitalismus ist das Klauen. Sich illegal darüber hinwegsetzen, dass Dritte ihren Reichtum und Besitz sorgsam angehäuft haben. Aber dann ein Auto klauen, das niemand will? Wofür steht der Lada als Metapher? Ein Auto, das viele noch nicht mal geschenkt haben wollen? Das war zur Zeit der DDR noch anders, als der Besitz eines Autos nur schwer und mit viel Aufwand möglich war. Der Lada war wie der Trabi für viele ein weit entfernter Traum, eine Lebenserrungenschaft, für die man hart arbeiten und manchmal bis zu 20 Jahre warten musste. Nach der Wiedervereinigung war der Sturz des Symbols Lada beispiellos. Praktisch über Nacht war das Symbol gedreht, niemand wollte die führenden Automarken des Kommunismus mehr besitzen. Weder zur Zeit des Romans noch heute genießt der Lada einen guten Ruf als begehrenswertes Automobil, von schrulliger Liebhaberei und einigen Sammlerkulturen abgesehen. Denn wer will schon ein Auto, dass einem sprichwörtlich und im Roman tatsächlich auseinanderfliegt? Aus lauter Hang zur Perfektion wird der Lada aus der Sicht eines modernen Konsumenten zum Schreckgespenst von Auto und damit zum Symbol für alles, was zu vermeiden ist.

Das Klauen eines Ladas ist eine Überwindung der Erwartungen, die andere an einen haben. Und sei es, zu klauen, was zu klauen gilt, wenn man schon klaut. Und welcher junge Mensch liebt es, Erwartungen anderer Leute zu erfüllen? Der Lada ist daher ein beinahe perfektes Symbol für die Sinnlosigkeit von Besitz und den Protest der jungen Generation.

Herrndorf wählt bewusst den Lada als Metapher auf die Sinnlosigkeit von Besitz und als Hohn auf unsere fehlgeleiteten Ideale. Er verkörpert die Idee, wie Freundschaft und Freiheit ohne Konsumverpflichtung mit einfachen Mitteln zu bewerkstelligen ist.

Und wegen dieser Aufladung an Nuancen und Symbolen ist der Lada neben Maik, Tschick und Isa ein weiterer, heimlicher Protagonist im Roman.

Die literarische Einordnung und die Heldenreise

Tschick ist ein modernes Werk, dass sich der Gattung des Entwicklungsromans zuordnen lässt. Dabei wird diese Sparte der literarischen Produktion vor allem dadurch definiert, dass der oder die Protagonisten eine geistige oder kulturelle Entwicklung machen. Viele moderne Plots, die sich aus den Elemente des klassischen Entwicklungsromans und seiner Plot-Enwicklung bedienen, werden heutzutage als Coming-of-Age-Plots bezeichnet. Denn das Heranwachsen eines Jugendlichen und die Transition zum Erwachsenen ist ein typischer Erzählstrang im Entwicklungsroman, den jeder von uns an sich selbst nachvollziehen kann. Ein weiteres Element von Tschick ist die sog. Heldenreise, auf Englisch auch als ‘hero’s journey’ bekannt. Das ist eine Methode, die in vielen Romanen, Filmen und TV-Serien immer und immer wieder verwendet wird. Sie ist so erfolgreich, weil sich beinahe jeder Leser und Zuschauer mit den Protagonisten identifizieren kann, die eine solche ‘Reise’ antreten. Wenn du dich in die Methode der Heldenreise eingelesen hast, wirst du sofort erkennen, dass zum Beispiel Star Wars, Avatar, Harry Potter, Herr der Ringe, Matrix oder auch sehr viele Filme aus dem Marvel- und DC-Universum diesem Konzept sehr erfolgreich folgen. Heldenreise funktioniert eben.

Was das genau für eine Reise ist und wie Tschick als Motive der Heldenreise verwendet, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Deshalb haben wir dazu einen eigenen Artikel geschrieben, den du hier kostenlos lesen kannst. Viel Spaß.

Warum steht bei Tschick das Ende am Anfang oder die Zeitmaschinenmethode

Tschick beginnt mit dem Ende der Geschichte. Klingt vielleicht seltsam, aber Geschichten am Ende zu beginnen ist ein klassischer Kniff der Erzählkunst. Du kennst ihn entweder bewusst oder auch unbewusst aus zahllosen Romanen, TV-Serien und Filmen. Vielleicht stehst du dem zuerst etwas kritisch gegenüber und denkst, das ist, als würde mit einem Spoiler die Geschichte beginnen. Und zwar mit dem größten Spoiler überhaupt (dem Ende).  Sieh es aber besser als klassische Erzählmethode an, die schon seit Jahrhunderten verwendet wird.

Das Ende an den Anfang zu stellen wirkt narrativ wie eine Klammer um die Geschichte. Viele Autoren haben gleich zu Beginn ihrer Story das Ende bereits im Kopf. Und wenn die eigentliche Geschichte, z.B. im Fall von Tschick, die Reise der zwei Helden des Romans ist, spricht auch viel dafür, direkt mit dem Ende zu beginnen.

Die Erzählung Herz der Finsternis von Joseph Conrad ist ein berühmtes Beispiel aus der Literatur. Der amerikanische Filmklassiker Citizen Kane von Orson Welles beginnt ebenfalls mit dem Ende. Und viele Serien, die du kennst, bedienen sich dieser Ende-vor-Anfang-Methode. Manchmal ganz direkt, wie in der Krimiserie Columbo, wo Anfangs der Mord passiert und im Anschluss der größte Teil der Handlung darin besteht, wie der etwas dumm und unbeholfen wirkende Detective die Mörder in Sicherheit wiegt, während er in Wahrheit jedes Verbrechen wie ein Nachfahre von Sherlock Holmes mit hoher Intelligenz blitzschnell analysieren kann. Manchmal wirkt der Mechanismus auch etwas indirekter, z.B. in Serien wie ALIAS oder in den CSI Serien, wo der Zuschauer in eine spannende Szene geworfen wird (die nicht das Ende sein muss) und danach die Einblendung “24 Stunden vorher” erscheint.

In jedem Fall ist es so, als wäre man in einer Zeitmaschine und würde die Zeit etwas zurückdrehen, um noch mal besser zu verstehen, wie sich eine Geschichte so oder so entfalten konnte. Es ist also in Wahrheit kein Spoiler. Im Gegenteil: Wenn das ganz am Ende bekannt ist, wird die Abfolge von Handlungen, Emotionen und Verbindungen noch wichtiger, die zu diesem Ende geführt haben. Die Vorgeschichte der Geschichte kann dann regelrecht vor den Augen des Betrachters ausgerollt werden. Tschick bedient sich dieses Kniffs, weil die Reise und die Erlebnisse von Maik und Tschick in diesem kurzen Moment der Zeit, dem besten Sommer von allen, das Hauptmotiv sind. Herrndorf lenkt damit die Augen seiner Leser auf genau die Abschnitte der Erzählung, die ihm wichtig sind. Dir fällt mit Sicherheit auch gerade ein Buch, Film oder eine Serie ein, die sich der gleichen Methode bedient.

Und das Ende. Ja das Ende überhaupt. Wolfgang Herrndorf erhielt Anfang 2010 die Diagnose über seine unheilbare Krankheit. Sein Ende. Herrndorf schrieb Tschick und auch alles, was danach folgte, in Rekordtempo, wie im Fieber. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Wenn du Tschick aus dieser Perspektive liest und in die Biographie des Autors einordnest, macht es absolut Sinn, das Ende an den Anfang zu stellen. Das profane und unwichtige Ende direkt an den Anfang, direkt erzählt und abgehakt, damit so der Platz frei wird für das wichtige im Leben, die kleinen Zwischentöne voller Lebenslust und Melancholie.

Der Autor – Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf, geboren 1965 in Hamburg, gestorben 2013 in Berlin, war ein deutscher Schriftsteller und Maler. Zu Lebzeiten bereits bekannt und publiziert, ist vor er vor allem nach seinem Tod literarisch bedeutend geworden. In den letzten Jahren hat auch seine Bedeutung für den Schulunterricht in Deutsch zugenommen.

Sein Debütroman In Plüschgewittern erschien 2002, aber erst mit seinem zweiten Roman Tschick, 2010 erschienen, gelang ihm der Durchbruch in der literarischen Szene. Tschick gewann drei bedeutende Buchpreise, unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2012 gewann Herrndorf mit seinem dritten und letzten Roman Sand den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse. Herrndorf schrieb nicht nur Bücher, malte und illustrierte, sondern bloggte auch auf seinem Blog (siehe Link oben zum Thema Outtake von Tschick). Anfang 2010 wurde bei Herrndorf ein bösartiger Gehirntumor festgestellt. In seinen letzten Jahren war sein Schreiben und seine künstlerische Produktion vor allem durch seine unheilbare Krankheit geprägt. Nach seinem Tode im Jahr 2013 wird der Nachlass von der Kinderbuchautorin Carola Wimmer verwaltet, die mit Herrndorf verheiratet war.

Kostenloses Hörbuch Tschick

Bei Audible gibt es das Hörbuch zu Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick umsonst. Dazu musst du wissen, wie du vorgehst. Zuerst: Unter unten angegebenem Link erhältst du einen kostenloses Probemonat (30 Tage) und ein Hörbuch gratis. Wenn du Amazon Prime Mitglied bist, erhältst du mit dem Link 60 Probetage und zwei Hörbücher gratis.

Was du dabei beachten musst: Du kannst dir nach der Anmeldung bei Audible die deutsche Hörbuchfassung von Tschick direkt umsonst sichern, wenn du eingeloggt bist. Das eigentliche Audible-Abo fängt aber erst nach Ablauf der Probezeit an, wenn du nicht vorher kündigst. Du kannst aber jederzeit – auch in der Probephase – ohne Mindestlaufzeit und ohne Kündigungsfrist per Mausklick im Audible-Menü oder direkt in der Audible-App kündigen. In diesem Fall fallen keine Kosten an und Tschick bleibt weiterhin in deinem Besitz. Also auch, wenn du innerhalb der Probephase kündigst. Das gilt übrigens auch für alle anderen Hörbücher in deiner Audible-Bibliothek.

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Ein letzter Tipp: Das Hörbuch kannst du auch mit der Audible-App für IOS und Android über Tablet oder Smartphone anhören. Mit der App geht das auch offline ohne Internetverbindung. So kannst du z.B. auf dem Schulweg oder im öffentlichen Nahverkehr den Roman hören, anstatt zu lesen.

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