Britta Söldner ist die klassische moderne Karriere-Frau. Gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Babak betreibt sie die Heilpraxis Die Brücke für Suizid-Prävention und Ego-Polishing, ihr Mann versucht, mit dem eigenen FinTech-Start-up schwarze Zahlen zu schreiben und Töchterchen Vera ist tagsüber in der Kita oder bei ihrer Freundin. So weit, so normal. Doch ein paar Dinge sind dann doch ungewöhnlich im Haus der Söldners. Das liegt zum Beispiel in Braunschweig und nicht in Prenzlauer Berg, wie man anhand der Vita seiner Bewohner vermuten könnte. Veras Spiele mit ihren Mega-Puppen sind ziemlich gewalt-fokussiert und gipfeln immer in einem Show-Down in der Mega-Mall. Und offensichtlich kann Britta mit ihrem Heilpraktiker-Job nicht nur ihre Familie ernähren, sondern es sich auch noch leisten, ihrer besten Freundin Janina einen Hauskredit zu geben. Aber vielleicht ist das ja alles bald so. Denn Leere Herzen spielt in nicht allzu weit entfernter Zukunft, im Jahr 2025.

Monetarisierung als oberstes Gebot

Aber auch im Jahr 2025 verdient man als Heilpraktiker kein Börsenmakler-Gehalt. Was außer Britta und Babak niemand weiß: Die Brücke hat eine neue Geschäftsidee entwickelt und zum lukrativen Monopol ausgebaut. Während durch verschiedene Vermiet-Portale die Monetarisierung des privaten Bereichs auch heute schon weit vorangeschritten ist, sind die beiden noch einen Schritt weiter gegangen und machen selbst den Tod noch zu Geld. Längst nicht jeden und ganz sicher nicht den eigenen. Aber wenn sich jemand dazu entschlossen hat, sich das Leben zu nehmen, und partout nicht von dieser Idee lassen will, wäre es doch Verschwendung, da nicht ein bisschen Kapital heraus zu schlagen.

Babak, hochbegabter IT-Nerd, hat einen Algorithmus entwickelt, der aus den Tiefen des Internets ernsthaft selbstmordgefährdete Kandidaten fischt (keine -innen, die sind zu unsicher). Diese kontaktieren die beiden dann, und in einem mehrstufigen Prozess wird festgestellt, ob der Todeswunsch wirklich ernst ist. Viele fallen durchs Raster, aber einige bleiben am Ende übrig, die wirklich sterben wollen. Diese vermitteln Britta und Babak dann an Organisationen, deren Ziele mal mehr, mal weniger nachvollziehbar sind, die sich aber alle einig sind beim Mittel der Wahl, diese Ziele zu erreichen. Gewissensbisse hat Britta zumindest vordergründig keine. Denn schließlich stellt sie Bedingungen: begrenzte Opferzahlen und keine Unbeteiligten. Viel besser also, als wenn jemand eine selbst gebastelte Bombe im Einkaufszentrum zündet.

Unpolitisch Politik betreiben

Abgesehen davon, dass Britta Selbstmordwillige und Terror-Organisationen zusammenbringt, interessiert sie sich herzlich wenig für Politik – so wie die meisten ihrer Zeitgenossen. Seit die BBB an der Regierung ist, haben die meisten kapituliert. Denn diese teilt nicht nur den Euphemismus im Namen (nein, BBB steht nicht für Britta, Babak, Brücke, sondern für Besorgte-Bürger-Bewegung) mit der AfD, sondern auch den Wunsch, mal so richtig aufzuräumen in Deutschland. Die BBB macht das, schnürt ein „Effizienz-Paket“ (das mit den Euphemismen können sie) nach dem anderen und schafft so völlig ungestört die Demokratie ab. Währenddessen kümmern sich diejenigen, die sich früher für Politik interessiert haben, um ihre Karriere und ersetzen eine persönliche Beziehung nach der anderen durch Geld. Denn das ist die eine Sprache, die noch alle verstehen und bei der sich alle einig sind.

Britta muss sich zunächst um Geld keine Sorgen machen, weil niemand außer Babak in der Lage ist, den Selbstmord-Algorithmus zu programmieren. Ihr Geschäftsmodell wird jedoch bedroht, als ein Konkurrent auch ohne Daten-Unterstützung in den Markt einzudringen versucht. Der geht zwar zunächst stümperhaft vor, scheint Britta aber schon bald persönlich zu verfolgen. Und diese fragt sich zum ersten Mal seit langer Zeit, ob der Weg, den sie eingeschlagen hat, der richtige ist.

Je besser es uns geht, desto schlechter fühlen wir uns

Leere Herzen ist eine ganz besondere Dystopie, eine, die nur ein paar Jahre in der Zukunft spielt und deren Grundsteine schon heute gelegt sind. Es braucht keinen Dritten Weltkrieg und keine Umweltkatastrophe, keinen Putsch und keine Invasion, damit diese Zukunftsvision wahr wird, sondern nur eine Wahl und einen guten Computer. Vorder- und Hintergrund der Geschichte – der Thriller um die Brücke und der völlig unspektakulär verlaufende Umbau unseres Staats in eine Diktatur – gehen dabei Hand in Hand. Beides ist nur möglich, weil die Menschen kein Interesse mehr an dem haben, was die Grundlage für ihre Freiheit und ihr gutes Leben ist.

Schlimmer noch: Es geht den meisten zu gut, als dass sie ein echtes Engagement für Politik aufbringen würden. An schlechter Politik etwas Gutes und an guter etwas Schlechtes zu finden, scheint einfacher, als sich dafür einzusetzen, den Status Quo zu erhalten. Und so lange man nicht selbst davon betroffen ist – und das sind die Figuren in Leere Herzen nicht – können einem Änderungen auch herzlich egal sein. Es wundert sich auch keiner im Roman darüber, dass man mit einer Ego-Polishing-Heilpraxis fantastisch verdienen kann. Klingt irgendwie schlüssig.

Volle Hände, leere Herzen

Große Teile der Handlung in Leere Herzen drehen sich um die Frage, ob der Zweck die Mittel heiligt, oder noch konkreter: welcher Zweck welche Mittel. Ist es in Ordnung, Selbstmordattentate gewerbsmäßig zu vermitteln, wenn ich davon meine Familie ernähren kann? Wenn dadurch etwas Gutes geschieht? Die Opferzahlen geringer ausfallen? Und nebenher noch ein paar Selbstmordgefährdete „geheilt“ werden? Britta ist von dieser Fragestellung so angetan (oder besser in Mitleidenschaft gezogen), dass sie mit ihrer besten Freundin Janina immer wieder das „Dilemma-Spiel“ spielt. Beide denken sich für die jeweils andere ein Dilemma aus, das diese dann lösen muss. Natürlich sind Brittas Dilemmata gravierender und ihre Antworten unmoralischer. Dass sie dennoch genau weiß, was sie tut und was sie eigentlich tun sollte, zeigen ihre ständig schlimmer werdenden Bauchschmerzen. Bei all dem, was sie mit sich herumträgt, kann sie sich oft nur noch vor Schmerzen krümmen.

Das größte Dilemma, vor dem Britta steht, ist die Frage, ob nicht-demokratische Mittel erlaubt sind, um die Demokratie zu retten. Diese Frage bildet auch den Kern von Dave Eggers‘ The Circle, und beide Geschichten kommen am Ende zum selben Schluss. Was die Lösung der Dilemmata angeht, geht Juli Zeh sogar noch einen Schritt weiter. Wir brauchen keinen Werte-Kanon, wir brauchen niemanden, der uns sagt, was richtig oder falsch ist, um ein Dilemma zu lösen. Wir wissen es einfach. Und nie gibt es zwei richtige Antworten.

Persönliche Meinung zu Leere Herzen

Meine eigene Meinung zu Leere Heren: Ich war fasziniert und erschrocken von der Realitätsnähe der Dystopie, von den (fehlenden) Reaktionen der Menschen auf die politischen Ungeheuerlichkeiten, die sich ganz nebenbei abspielen und niemanden zu interessieren scheinen. Das scheint nicht so weit weg von einer Bundestagswahl, in der jeder Vierte von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch macht und die AfD zur drittstärksten Partei im Bundestag wird. Wer jetzt noch nicht aufgewacht ist, schläft vielleicht einfach gerne weiter. Volle Hände und leere Herzen – wie es im Buch heißt – schützen einen zuverlässig davor, sich zu viel Gedanken über das Morgen zu machen. Oder über das Heute.

Infos zum Buch

Leere Herzen
Juli Zeh
352 Seiten
Erstausgabe 2017

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