CORPUS DELICTI von Juli Zeh

Yvonne Kraus


In Corpus Delicti wird der Körper des Menschen zum Allgemeingut, für das er verantwortlich ist.

Wie eine Dystopie entstehen kann

Insgeheim sind wir doch alle froh, wenn sich jemand anderes um unsere Probleme kümmert. Der Müll wird abgeholt, das Essen kontrolliert, Sicherheit zwar nicht gewährleistet, aber doch durch vorbeugende wie strafrechtliche Maßnahmen deutlich erhöht.

Dass man durch die Abgabe von Verantwortung immer auch auf ein Stück seiner Freiheit verzichtet, nimmt man dabei gern in Kauf. Schließlich weiß „der Staat“ viel besser als der Einzelne, was für jeden gut und richtig ist. Und in der Abwägung zwischen Allgemeinwohl und individueller Verantwortung entscheidet sich die Mehrheit ohnehin für ersteres, wohl auch in der Hoffnung, dass man damit sowieso abgedeckt ist. Die Sorgen, die sich jemand anderes für mich macht, muss ich mir nicht selbst machen.




Gesundheitsdystopie

Wäre es nicht schön, wenn wir uns auch um unsere Gesundheit keine Gedanken mehr machen müssten? Wenn das auch der Staat für uns erledigen würde? Und wir bräuchten nichts zu tun, als uns an die paar Regeln zu halten, die man zu unserem Besten aufgestellt hat? In Juli Zehs Corpus Delicti ist dieser Zustand in einer nicht allzu fernen Zukunft erreicht. Eine in Großbuchstaben geschriebene METHODE wurde entwickelt, um sämtliche Lebensbereiche im Hinblick auf körperliches Wohlergehen zu optimieren und dafür zu sorgen, dass alle Menschen gesünder und daher glücklicher sind.

Lektürehilfen zu Corpus Delicti

       

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Alles, was man selbst dazu beitragen muss, sind ein paar Runden auf dem Heimtrainer täglich. Ein bisschen Ernährungs- und Schlafprotokoll führen. Zu Hause den Blutdruck messen und Urinproben durchführen. Und die Ergebnisse einreichen. Versäumt man das mal, ist das noch nicht so schlimm. Man wird verwarnt oder bekommt – wie im Fall von Mia Holl – Hilfe zur Seite gestellt, um wieder auf den rechten Pfad zu gelangen. Zum Einfrieren auf unbestimmte Zeit werden nur die ganz uneinsichtigen Fälle verurteilt. Dafür muss man sich aber auch um viele andere Dinge keine Sorgen machen, zum Beispiel ums Alleinsein. Die Zentrale Partnervermittlung wird schon jemanden finden, den man aus hygienischen Gründen zwar nicht küssen darf, der ansonsten aber perfekt zu einem selbst passt.

Gesundheit als alltagsbeherrschendes Thema

Das tägliche Leben in der Welt von Corpus Delicti ist vom Bewusstsein durchdrungen, die Gesundheit wahren zu müssen. Man grüßt sich mit „Santé“, das natürlich Assoziationen zu anderen, historischen Grußformeln weckt. Man gerät in Panik, wenn man ein Kind niesen hört und achtet vor allem darauf, dass andere auf sich achten.




Eigentlich stand Mia, 30 und Wissenschaftlerin, immer voll und ganz hinter der METHODE. Doch seit ihr Bruder Moritz sich im Gefängnis das Leben genommen hat, weil ein DNA-Test ihn als Mörder überführt hatte, beginnt sie zu zweifeln. Sie lässt auch ihre täglichen Gesundheitsaufgaben schleifen. Während man ihr anfangs noch zu helfen versucht, landet sie schließlich vor Gericht. Dort werden ihre Zweifel an der METHODE noch gestärkt.

Corpus Delicti: Diktatur aus gutem Willen

Juli Zeh entwirft in ihrem Roman Corpus Delicti das Bild einer Gesellschaft, das vor allem deswegen erschreckend ist, weil es nicht so besonders weit von unserer eigenen entfernt ist. Die Diktatur inCorpus Delicti hat nicht den Zweck, die Macht Einzelner zu mehren, sondern ist die Folge eines Zuviels an gutem Willen und des Wunsches, die Menschen vor sich selbst zu schützen. Ohne die Freiheit, Fehler zu machen, ist Freiheit jedoch an sich nicht möglich. Und Mia Holl muss feststellen, dass jede Methode, selbst die METHODE, fehlbar ist, weil Menschen daran beteiligt sind.

Infos zum Buch

Corpus Delicti
Juli Zeh
272 Seiten
Erstausgabe 2009

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