Neben dem individuellen Lernen bieten sich besonders in den höheren Klassenstufen Lerngruppen an, um den Unterrichtsstoff besser verstehen und ihn sich nachhaltiger einprägen zu können. Sind sie aber die Lösung aller Lernprobleme?

Lerngruppen – nicht nur hilfreich, wenn es Probleme gibt

Viele Schulen regen im Unterricht, aber auch für Projekte, Gruppenarbeit an.

Nicht alle machen mit dieser Form des Arbeitens gute Erfahrungen; Gerade bessere Schüler haben oft den Eindruck, dass ihnen die anderen die Aufgabe komplett überlassen und dass ihnen wenig anderes übrigbleibt, als nach bestem Vermögen ein Projekt zu stemmen, für das der Lehrer die Beteiligung mehrerer vorgesehen hatte.

Trotzdem liegt selbst in solch einem gescheiterten Versuch die Möglichkeit, dass dieses Kind erkennt, wie viel es hierbei gelernt hat: große Stoffmengen in kurzer Zeit bearbeiten, dazu noch das Coachen der Anderen, damit die geforderte „Gruppenarbeit“ den Lehrer überzeugt. So allerdings sollten Arbeits- oder Lerngruppen idealerweise nicht funktionieren.




Wozu also eine Lerngruppe?

Der Unterrichtsstoff wird komplexer, und bereits vor der Sekundarstufe II sehen sich Schüler mit Aufgaben konfrontiert, die lange und gründliche Vorbereitung, analytische Fähigkeiten und funktionierende Lernstrategien erfordern, um das Wissen zu begreifen und auf Verlangen reproduzieren und einordnen zu können.

Nicht allen fällt diese Umstellung auf das nun notwendige systematische Lernen leicht.

Ein wachsendes Maß an Selbstorganisation wird von den Schulen oft vorausgesetzt, obwohl sich nur wenige die Mühe machen, ihren Schülern die Werkzeuge dafür in Form von Seminaren oder Übungen näherzubringen.

Lerntypen

Hier bietet sich logischerweise das gemeinsame Lernen und Üben in einer Gruppe von Kindern oder Jugendlichen an, die einander kennen und im besten Fall auch mögen.

Dies kann mehrere Probleme zugleich lösen. Jedes Kind lernt anders, hat eine andere Aufmerksamkeitsspanne und kennt Tricks und Methoden, sich zu Lernendes wenigstens kurzfristig einzuprägen.

Visuelle Lerntypen profitieren besonders, wenn sie den Lernstoff sehen können – seien es über Lehrbücher, Dokumentarfilme oder Youtube-Videos. Mindmaps und farbige Markierungen in den Aufzeichnungen strukturieren und helfen bei der Orientierung.

Auditiv Lernende hingegen prägen sich Informationen am besten ein, wenn sie diese hören können. Hörbücher, Radiofeatures, Erklärungen durch ein Gegenüber oder Vokabeln über die Kopfhörer: Alles lernt sich so leichter.

Große Probleme mit der in Schulen üblichen Lehrmethode haben zumeist die motorischen Lerner. Sie müssen sich beim Lernen bewegen, müssen sich physisch mit dem Lernstoff auseinandersetzen. Dies mag sich in Geschichte oder Physik gelegentlich noch umsetzen lassen; Vokabeln hingegen oder mathematische Formeln werden selten durch Bewegungen erleb- oder nachvollziehbar gemacht.

Schließlich gibt es noch die kommunikativ Lernenden. Sie prägen sich Stoffe ein, wenn sie ihnen im Gespräch vermittelt werden oder wenn sie selbst anderen erklären, wie etwas funktioniert oder gemacht wird.

Mehr zu Lerntypen findest du in diesem Artikel.

Verschiedene Begabungen: Für alle wird es anschaulicher

Nun wäre es jedoch ein Fehlschluss zu meinen, man solle herausfinden, zu welchem Lerntyp das Kind gehört und diesen dann durchweg anwenden. Falsch!

Ebenso, wie jeder nach 30 bis 50 Minuten intensiven Lernens eine Pause benötigt, weil sich das Gehirn letztlich weigert, mehr vom immer Gleichen aufzunehmen, so ermüdet eine stets wiederholte Methode mindestens genauso.

Zudem gibt es kaum Lerntypen in Reinform; so trägt nahezu jeder Züge verschiedener Typen in sich. Für Lerngruppen ist dies eine große Chance. Jede Methode kann zum Zuge kommen; man erprobt auch Dinge, auf die man allein nicht gekommen wäre oder die allein schlichtweg nicht möglich wären.

Stoff, den man anderen erklärt, bis sie ihn verstanden haben, kann man im Anschluss selbst mühelos wiedergeben.

Material, das einem so lange erläutert wird, bis einem wirklich jede noch so kleine Frage beantwortet werden konnte, lässt sich gut behalten.

Wer keine Angst hat, vom Lehrer ungeduldig abgefertigt oder von Mitschülern ausgelacht zu werden, weil man den Unterricht durch Nachfragen aufhält, baut keine Ängste oder Abneigen dem Stoff gegenüber auf. Das ist einer der größten Vorteile einer funktionierenden Lerngruppe.




Wo, wann und wie oft trifft man sich?

Lerngruppen aus drei bis fünf regelmäßig gemeinsam Lernenden, die sich idealerweise ungefähr auf demselben Leistungsniveau befinden, haben die günstigste Größe, um zu funktionieren und länger zu bestehen.

Um Lerngruppen zu gründen, muss nicht viel vorbereitet werden – die Kinder sollten sich aus der Klasse oder Parallelklasse kennen. Alle werden mit demselben Unterrichtsstoff (und oft denselben Fachlehrern) konfrontiert.

Man sollte sich auf ein, besser zwei feste Termine in der Woche (vor Klausuren dürfen es dann mehr werden) und auf einen festen Ort für die Treffen einigen.

Ein Zuhause mit genug Platz, ohne Ablenkung durch Geschwister, Haustiere oder ähnliches und mit funktionierendem W-Lan sind ideal. Aber ein ruhiges Café oder ein Arbeitsraum, den die Schule bereitstellt, sind selbstverständlich ebenso möglich. Bibliotheken sind nur geeignet, wenn man dort durch normal lautes Reden niemanden stört.

Wichtig ist außerdem, dass die Termine nicht so liegen, dass sich die Schüler nach einem besonders anstrengenden Schultag erschöpft oder hungrig zu den Lerngruppen schleppen müssen.

Da viele Familien am Wochenende gemeinsam etwas unternehmen wollen, sind besonders für jüngere Schüler die Freitage oft problematisch.

Treffen sich Schüler der unteren Klassen zum Lernen, ist es meist notwendig, dass wenigstens ein Elternteil als Ansprechpartner, Streitschlichter und für Notfälle jeder Art zur Verfügung steht.

Außerdem ist es wichtig, dass die Kinder sicher nach Hause kommen – umschichtig durch die Eltern gewährleistet, oder eben mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Hier müssen sich die Eltern über die Pläne jüngerer Kinder abstimmen und die Terminkoordination weitgehend überwachen, damit Missverständnisse und falsche Erwartungen ausgeschlossen werden können.

Wie lernt man in Lerngruppen?

Wenn sich die Kinder während der gemeinsamen Schulzeit auf das Thema oder die Themen, die bearbeitet werden sollen, verständigen können, spart das Abstimmungszeit während der Treffen. Günstig ist es, wenn derjenige, der den Stoff am besten verstanden hat, ihn für die anderen zusammenfasst, die dann Fragen in den Raum stellen, die man gemeinsam zu beantworten sucht. Natürlich sollte nicht immer dasselbe Kind die Funktion des Vortragenden übernehmen.

Möglich ist auch, mit einer Frage- und Problemsammlung zu beginnen. Jeder stellt die für ihn drängendsten drei (oder fünf) Fragen oder nennt die Probleme, die mit dem Unterrichtsstoff bestehen. Vieles kann dann in Form einer Mindmap aufgezeichnet und im Idealfall gleich geklärt werden.




Probleme, die sich in der Gruppe nicht lösen lassen, werden nachträglich von allen recherchiert und beim nächsten Treffen nachbereitet.

Da die meisten Schüler inzwischen über soziale Netzwerke miteinander kommunizieren, ist die Anlage einer Gruppe, in der Termine besprochen, Fragen gestellt und kleine Probleme gleich behoben werden können, sehr zu empfehlen. Wiederum gilt, dass dies bei jüngeren Kindern von einem verantwortlichen Elternteil regelmäßig kontrolliert wird.

Und dann?

Jetzt braucht es „nur“ noch die Disziplin, die Gruppe über eine längere Zeit aufrechtzuerhalten und auch in Phasen, in denen das Lernen nur wenig Freude bereitet, an den Treffen festzuhalten. Das kann man auch dadurch erreichen, dass zu Beginn jeden Termins hierzu ein paar Minuten lang Ideen und Vorschläge gesammelt werden. Die Kinder werden mit der Zeit selbstbewusster und selbstständiger. Und sie lernen besser. Was will man mehr?

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