Manche Ereignisse muss man nicht beim Namen nennen. Ein paar Stichwörter – Flugzeuge, Türme, New York – reichen, und jeder weiß, was gemeint ist. So hält es auch Don DeLillo in seinem Roman „Falling Man“. Schon im ersten Satz ist man hineinversetzt in den Schrecken des 11. September 2001, ohne dass man es ausdrücklich erfährt. Insofern ergeht es einem beim Lesen wie den Tausenden Überlebenden, die sich aus den Türmen retten können. Auch sie wissen nicht, was eigentlich passiert ist. Sie wissen nur, dass sie weg müssen von dort, wo sie sind, wenn sie am Leben bleiben wollen.

Zusammenfassung – Summary

Der Roman beginnt mit Keith Neudecker, einem der Überlebenden, die sich aus dem World Trade Center retten konnten, und der nicht weiß, wie ihm geschieht. Bedeckt mit Asche, Schlamm und Blut – seinem eigenen und fremdem – läuft er scheinbar ziellos durch die Straßen New Yorks, bis ihn ein Lieferwagenfahrer mitnimmt – und er sich einer unbewussten Entscheidung folgend zu seiner Ex-Frau Lianne bringen lässt. Sein Jackett und eine Aktentasche konnte er aus den Türmen retten. Alles andere – sein ganzes ihm selbstverständlich gewordenes Leben als Angestellter, seine Kollegen und Freunde – ist in den Trümmern begraben und unwiederbringlich verloren.

Alles ist jetzt anders

Die Anschläge haben alles verändert. Und obwohl ihre Mutter Nina Einwände hat, nimmt Lianne Keith wieder bei sich auf. Nina macht sich Sorgen um Keiths und Liannes Sohn Justin. Der 7jährige muss eigentlich noch die Trennung der Eltern überwinden. Den Vater plötzlich wieder zu Hause zu erleben, könnte ihm die Orientierung nehmen. Doch für Lianne und Keith beginnt – wie für viele andere – ohnehin eine neue Zeitrechnung. Alles was „vor den Flugzeugen“ (oder schlicht „davor“) geschehen ist, hat plötzlich eine ganz andere Relevanz erhalten, und so finden sie es ganz natürlich, dass sie es noch einmal miteinander versuchen.

Dass die Aktentasche, die Keith aus dem World Trade Center gerettet hat, nicht seine eigene ist, bringt ihn zu einer weiteren Überlebenden, die kurz vor ihm durch das Treppenhaus aus dem Nordturm heraus gekommen sein muss: Florence, die in ihm einen dankbaren Zuhörer findet und mit der er eine Affäre beginnt, die zwar nur sehr kurz währt, weil ihm die wieder entstehende Beziehung zu Lianne wichtiger ist, an die er jedoch noch Jahre später zurückdenkt.

Vokabeln für Falling Man

Englisch

Terrorismus

terrorism

Trauma, traumatisiert

trauma, traumatized

Wiederholung

repetition

Erinnerung

memory

Eine neue Zeit

a new age

Kreisförmig, zyklisch

cyclical

Bill Lawton

Auch andere soziale Beziehungen sind durch die Terror-Anschläge geprägt: Justin sucht mit einem befreundeten Geschwisterpaar den Himmel nach Flugzeugen und „Bill Lawton“ (der Name, den ihr amerikanisch geprägtes Gehör aus einem irgendwo aufgeschnappten „Bin Laden“ verstanden hat) ab, und Liannes Mutter Nina überwirft sich mit ihrem langjährigen Freund und Liebhaber Martin, der in seiner Vergangenheit zumindest mit Terroristen sympathisiert hat, wahrscheinlich aber wegen entsprechender Verbindungen sogar immer noch gesucht wird – und dem Nina nun eine moralische Mitschuld an den Anschlägen gibt.

Und dann taucht der „Falling Man“ in New York auf: ein Performance-Künstler, der sich von Brücken, Hochhäusern, Gerüsten wie im freien Fall stehen geblieben herabhängen lässt. Angezogen mit Anzug und Krawatte ist er eine Kopie der Verzweifelten, die aus dem World Trade Center in den Tod sprangen. Die ständige Präsenz des Falling Man, an der vor allem Lianne Anstoß nimmt, zwingt die New Yorker nicht nur, sich zu erinnern, sondern die Gefühle, die sie am 11. September hatten, immer wieder zu erleben.

Das Erinnern zieht sich auch auf anderen Ebenen als zentrales Thema durch „Falling Man“: Lianne, deren Vater sich beim ersten Anzeichen von altersbedingter Vergesslichkeit das Leben genommen hat, leitet eine Gruppe, die sich dem ganz alltäglichen Vergessen entgegenstellt. In der Runde schreiben an Altersdemenz Erkrankte auf, was sie noch wissen, so lange ihnen das noch möglich ist. Doch in Wahrheit kann die Gruppe nur denjenigen helfen, die noch nicht besonders stark betroffen sind, und Lianne, die davon ausgeht, dass Demenz erblich ist, spürt bei sich selbst wie besessen nach Zeichen von Vergesslichkeit. Nachdem sich die Gruppe auflöst, weil ihre Mitglieder sterben oder sich an nichts mehr erinnern können, lehnt Lianne es ab eine zweite Gruppe zu Gründen.

Form und Struktur

Nicht nur die Sicht der Opfer wird eingenommen, sondern auch die der Täter: In einigen Kapiteln spürt DeLillo einem der Attentäter nach, der zunächst in Hamburg von Zweifeln geplagt hauptsächlich Mitläufer ist, dann in Afghanistan zum Kämpfer ausgebildet wird. Später trifft man noch einmal auf ihm – in dem Flugzeug, das den Nordturm rammen wird. Mit diesem Attentäter beginnt auch das Ende des Romans. Das letzte Kapitel, in dem seine Perspektive eingenommen wird, geht über zu Keith im Moment des Anschlags und seinem Versuch, aus dem Turm zu entkommen.

Generell ist die Erzählstruktur des Romans ungewöhnlich. Obwohl es ein zentrales Ereignis gibt, um das sich die Geschichte dreht (die Anschläge), gibt es keinen klaren Handlungsbogen. Stattdessen ist der Roman mehr wie eine Sammlung von Alltagsszenen. Es geht in Falling Man darum wie sich diese Szenen abspielen und wie sie von DeLillo beschrieben werden und weniger um eine große und zusammenhängende Geschichte.

Charaktere – Characters

DeLillos Roman dreht sich größtenteils um eine  Familie und noch ein paar andere Charaktere, mit denen eines oder mehrere der Familienmitglieder auf irgendeine Weise in Verbindung stehen. Hier findest du eine Übersicht über die wichtigsten Charaktere und das, was sie ausmacht. 

Keith Neudecker

Keith, ein 39 Jahre alter Anwalt, arbeitet zum Zeitpunkt der Anschläge im Nordturm. Er wird nur leicht verletzt und entkommt aus dem Turm rechtzeitig. Zu diesem Zeitpunkt lebt er schon seit über einem Jahr von seiner Frau, Lianne Glenn, und ihrem gemeinsamen Sohn, Justin Neudecker, getrennt, obwohl beide noch verheiratet sind. Nach den Anschlägen zieht Keith jedoch wieder in die Wohnung seiner Frau ein. Beide versuchen die Beziehung wieder zu festigen.

Kurz nach den Anschlägen beginnt er eine kurzlebige Affäre mit Florence, einer weiteren Überlebenden des 11. Septembers. Mit ihr fühlt Keith sich, durch die traumatische Erfahrung die beide teilen, verbunden. Nach kurzer Zeit bricht er die Affäre jedoch wieder ab, auch aus Loyalität gegenüber Lianne. Er vermeidet es, sich direkt mit den Anschlägen auseinander zu setzen, nachdem er keinen Kontakt mehr mit Florence hat.

Nach den Anschlägen ist Keiths Leben bestimmt von Routinen und ritualisierten Wiederholungen, die ihm scheinbar Halt geben. Selbst drei Jahre nach den Anschlägen macht er immer noch die Dehnübungen für sein Handgelenk, die ihm aufgrund seiner Verletzungen verschrieben wurden. Auch das Pokerspielen, das zu seiner Haupttätigkeit wird, ist eine Erinnerung an und Wiederholung von den Abenden an denen er mit seinen Freunden, von denen zwei in den Türmen gestorben sind, zusammen Poker gespielt hat.

Lianne Glenn

Lianne ist ein Jahr jünger als Keith, also 38, arbeitet als freie Lektorin und ist von Verunsicherung geprägt. Einer der Gründe für diese Unsicherheit ist der Selbstmord ihres Vaters, der sich wegen einer beginnenden Demenzerkrankung das Leben genommen hat. Lianne geht davon aus, dass Demenz erblich ist und such ständig an ihr selbst nach Zeichen von Vergesslichkeit. Sie arbeitet auch mit Demenzerkrankten zusammen und hilft diesen dabei all das, woran sie sich noch erinnern können, aufzuschreiben.

Aus diesem Grund spielt das Erinnern für Lianne auch im Umgang mit den Anschlägen eine große Rolle. Sie verbringt viel Zeit mit den Nachrichten, sowohl im Fernsehen als auch in der Zeitung. Später sammelt sie sogar ausgeschnittene Zeitungsartikel über die Angriffe.

Weil Lianne so besessen davon ist, die traumatischen Erinnerungen zu wiederholen, macht es auch Sinn, dass sie auf den Performance-Künstler Falling Man trifft. Es ist ein weiterer Moment von Wiederholung. Im Gegensatz zu Keith, der sich mit der Zeit immer weiter isoliert und zurückzieht, findet Lianne über den Roman hinweg aber immer mehr zu sich selbst.

Justin Neudecker

Justin ist der Sohn von Keith und Lianne. Zu Beginn des Romans ist er sieben Jahre alt. Zusammen mit zwei befreundeten Geschwistern erfindet er die Figur von Bill Lawton. Der Name ergibt sich daraus das die Kinder den Namen Bin Laden falsch verstanden haben. Zusammen suchen sie den Himmel nach weiteren Flugzeugen ab, um zu verhindern, was Bill Lawton plant. Durch das Geheimnis um Lawton grenzt sich Justin von seinen Eltern ab. Außerdem versucht er für eine Weile nur in einsilbigen Wörtern zu sprechen, was eine weitere Art der Abgrenzung darstellt.

Er steht Lianne näher als Keith, dem Vater. Mit seiner Mutter hat er, besonders am Ende des Romans, eine enge Beziehung. Seinem Vater steht er jedoch misstrauisch gegenüber. Zum Beispiel wirft er seinem Vater am Ende des Romans, wenn beide Baseball spielen, den Ball sehr aggressiv zu.

Nina Bartos und Martin Ridnour

Nina ist Liannes Mutter und Martin ihr Liebhaber. Sie war eine Kunstprofessorin und befindet sich jetzt im Ruhestand. Lianne und sie haben ein angespanntes Verhältnis, was daran liegt, dass sie Keith nicht mag und nicht mit Liannes Studienwahl einverstanden war und ist. Martin ist Kunsthändler, weitere Details über ihn bleiben im Roman bewusst ungenau. Er hat wohl in seiner Vergangenheit Verbindungen zur Kommune 1 und zum Baader-Meinhof-Komplex gehabt. Dadurch steht er, vor allem für Lianne, dem Terrorismus nah. Es scheint auch so, als wäre sein richtiger Name Ernst Hechinger.

Die beiden sind im Roman die Einzigen, die über mögliche politische Motive der Anschläge sprechen. Besonders Martin argumentiert, dass die Anschläge ein anti-Amerikanisches Motiv haben könnten. Er spricht davon, dass die „Fantasien des Reichtums“, für welche die Türme stehen, auch „Fantasien der Zerstörung“ hervorbringen. Es ist wichtig, dass diese These von jemandem in den Raum gestellt wird, der nicht selbst Amerikaner ist.

Florence Givens

Florence ist, genau wie Keith, eine Überlebende der Anschläge. Sie ist Afroamerikanerin und ihr gehört auch die Aktentasche, welche Keith aus den Türmen mitnimmt. Durch diese Aktentasche findet Keith auch zu ihr und als er sie ihr wiederbringt, beginnt die kurze Affäre der beiden.

Im Gegensatz zu Keith, spricht Florence über ihre Erfahrung in den Türmen und versucht so, das Erlebte zu verarbeiten. Keith hört ihr zu, wie sie erzählt und versucht dabei, seine eigene Erfahrung in der von Florence zu finden. Die Möglichkeit mit Keith zu sprechen ist für sie sehr wichtig. Am Anfang des Romans schließt sie sich noch in ihrer Wohnung ein, später besucht sie aber sogar eine Kirche in der Nähe von Ground Zero, um das Erlebte weiter zu verarbeiten.

Hammad

Hammad ist einer der Terroristen, die das Flugzeug kapern, welches sie dann in den Nordturm fliegen. Das Besondere an seiner Darstellung ist, das DeLillo ihn vermenschlicht, indem er seine Gedanken, Hoffnungen und Zweifel darstellt, ohne gleichzeitig die Monstrosität seiner Taten zu mindern.

Es gibt im Roman drei kürzere Episoden die Hammad folgen. Die Erste spielt in Hamburg, wo er radikalisiert wird aber sich gleichzeitig noch andere Möglichkeiten für sein Leben vorstellen kann. Er denkt beispielsweise darüber nach mit Leyla, einer deutsch-syrischen Studentin, eine Familie zu gründen. Und obwohl er an allen Ritualen der Gruppe, von der er ein Teil wird, teilnimmt, ist er gleichzeitig auch immer etwas außerhalb. Er hört zum Beispiel den Diskussionen zwar immer zu, nimmt aber nicht selber an ihnen Teil.

Die zweite Episode spielt in Afghanistan wo Hammad ausgebildet wird. Er hat keine Zweifel an den Lehren der Dschihadisten mehr. Trotzdem fragt er sich aber, ob die Wege die richtigen sind, bzw. ob es wirklich nötig ist, Menschen zu töten.

Die dritte und letzte Episode findet an Bord des Flugzeugs statt, kurz bevor es in den Turm einschlägt. Hier hat Hammad keine Zweifel mehr, er fühlt sich vollkommen mit den anderen Terroristen, die er seine Brüder nennt, verbunden.

Falling Man / David Janiak

Er ist der Performance Künstler, der das Foto des Falling Mans nachstellt. Er tritt über den Roman hinweg unangekündigt an verschiedenen Orten in New York auf. Bei einer dieser Auftritte an einer Bahntrasse sieht Lianne ihn. Später erfährt sie, dass der Künstler im Alter von 39 gestorben ist.

Obwohl vieles in Don DeLillos Roman der Realität entspricht, hat es einen Performance-Künstler namens „Falling Man“ nicht gegeben. Dennoch gibt es auch hierzu einen realen Hintergrund, eine bekannte Fotografie von Richard Drew, die den Titel „The Falling Man“ trägt. Diese Fotografie zeigt einen Mann in Anzug und Krawatte, der aus dem World Trade Center springt und dessen Körperhaltung der Falling Man aus dem Roman kopiert. Am 12. September 2001 wurde das Bild von vielen Zeitungen gedruckt, anschließend jedoch nicht mehr, weil man sich dem Vorwurf ausgesetzt sah, Voyeurismus zu bedienen und zu fördern.

Analyse – Analysis

Hier findest du drei zentrale Themen von Falling Man. Wenn du in der Schule eine Analyse des Romans schreiben sollst, dann kannst du dich auf eines dieser Themen konzentrieren oder Teile von mehreren kombinieren. Außerdem haben wir ein paar nützliche englische Beispiele für dich vorbereitet. Du findest sie in den Kästen.

A new age – eine neue Zeitrechnung

Mit den Anschlägen des 11. Septembers hat sich die ganze Welt geändert. Jeder, der den 11. September bewusst miterlebt hat, weiß heute noch, wo er war und was er zu diesem Zeitpunkt getan hat. Diesen persönlichen Bezug zu dem abstrakten Unfassbaren stellte man immer wieder in den zahlreichen Gesprächen her, die sich um die Anschläge drehten. Besonders treffend aber beschreibt Don DeLillo die Viertelstunde nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs im Nordturm, als die Welt für einen kurzen Moment nicht mal ahnte, dass dies etwas anderes als ein Unfall sein könnte. In einem Gespräch mit seiner Frau fasst Keith das wenige Tage nach den Ereignissen zusammen:

„Es sieht immer noch wie ein Unfall aus, das erste. Selbst aus dieser Entfernung, weit außerhalb der ganzen Sache, so viele Tage später jetzt, stehe ich hier und denke, das ist ein Unfall. […] Das zweite Flugzeug, als dann das zweite Flugzeug auftaucht“, sagte er, „da sind wir alle ein Stückchen älter und klüger.“

"It still looks like an accident, the first one. Even from this distance, way outside the thing, how many days later, I'm standing here thinking it's an accident. [...] The second plane, by the time the second plane appears," he said, "we're all a little older and wiser." (p.135)

Dieses „älter und klüger“ trifft auf alle Figuren in „Falling Man“ zu. Es macht die Anschläge zum Wendepunkt in aller Geschichte, nach dem es nicht weitergehen kann wie bislang. Er teilt alle betroffenen Leben in ein Vorher und ein Nachher. Schon der erste Satz des Romans spricht davon, dass sich die Szene nicht auf einer normalen Straße abspielt, sondern das sie eine ganze Welt ist. Laut DeLillo muss 9/11 so als Beginn einer neuen Welt und einer neuen Zeit verstanden werden.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie grundlegend diese Veränderung ist, kannst du in der Szene finden, in der Lianne und Martin zusammen auf eines der Bilder von Giorgio Morandi schauen. Die Bilder von Morandi sind fast alle Stillleben, welche Gefäße und Formen auf einem Tisch zeigen. Nach den Anschlägen sehen die beiden diese Formen aber plötzlich als ein Abbild der Türme. Dieser Moment ist eine Allegorie: nicht nur die ganze Welt hat sicher verändert, sogar die menschliche Wahrnehmung funktioniert nach dem 11. September anders.

Beispielargument für deine Analyse

In the scene when Lianne and Martin look at the Morandi picture together, we can see how gigantic the impact of 9/11 on the world is. Both of them are looking at the painting, but what they see in it has changed. Suddenly, they see in the shapes and boxes of the painting the towers of the world trade center. Nothing about the painting is different from before, but the world in which the two of them are looking at it is completely different. This scene suggests that the nature of perception has changed. This scene is an allegory for how far reaching the changes from the before to the after of the attacks are.

Trauma

Ein weiteres wichtiges Element des Romans ist Trauma. Fast alle Figuren des Romans sind auf irgendeine Art durch 9/11 traumatisiert worden. Eine der wichtigsten Punkte des Romans ist aber, dass nicht alle Charaktere auf die gleiche Art auf das Geschehene reagieren. Zum Beispiel geht Keith allen Informationen über die Anschläge so gut es geht aus dem Weg. Lianne hingegen sucht fast obsessiv nach neuen Informationen über die Anschläge.

Trauma ist die Folge eines schrecklichen Ereignisses, das so plötzlich passiert, dass man sich nicht auf es vorbereiten kann. Das kann zum Beispiel ein Unfall sein. Eines der wichtigsten Merkmale von Trauma ist, dass man sich nicht direkt an das Ereignis erinnern kann. Was genau passiert ist, das weiß jemand, der grade einen Unfall hatte, fast nie. Das andere wichtige Element von Trauma ist die Wiederholung: wenn man traumatisiert wurde dann erlebt man früher oder später das Trauma erneut. Das passiert meistens in Alpträumen oder Flashbacks, die sind meistens aber nur bruchstückhaft und durcheinander. Abhängig davon, wie groß das Trauma ist, kann dieser Kreislauf von fehlender Erinnerung und splitterhafter Wiederholung sehr lange dauern.

Wenn man dieser Struktur von Trauma versteht, dann machen viele Dinge in Falling Man plötzlich mehr Sinn. So sind die Charaktere zwar alle auf verschiedene Art traumatisiert, sie zeigen aber alle das Element der Wiederholung. Lianne schaut sich im Fernsehen und Internet immer wieder die Bilder und Aufnahmen der Anschläge an. Keith wiederholt zu jedem Zeitpunkt, auch drei ganze Jahre nach den Anschlägen noch, die Übungen für sein Handgelenk, die ihm von seinem Arzt verschrieben wurden. Auch der Falling Man selbst passt in dieses Muster. Seine Aufführungen sind selbst körperliche Wiederholungen der Bilder des Anschlags. Gleichzeitig zwingt er auch die Menschen, welche eine seiner Aufführungen sehen, sich zu erinnern. Er ist also eine Art von aufgeführtem Flashback.

DeLillos Erzählweise spiegelt diese zwei Merkmale von Trauma auch in der Form wider: Die Geschichte wirkt zerrissen, springt zwischen unterschiedlichen Zeiten und verschiedenen Personen hin und her, und oft braucht man einen Moment, um zu wissen, wer da gerade wann was erlebt. Es gibt keine feste Erinnerung und auch keine eindeutige und feste Erzählung von den Anschlägen. Auch die Wiederholung findet sich in der zyklischen Struktur des Romans: Er beginnt und endet mit den Angriffen selbst. Auf diese Art formt Falling Man einen einzigen, großen Kreis.

Beispielargument für deine Analyse

Don DeLillo's novel Falling Man both discusses trauma and is shaped by the structure of trauma. All of the characters, in their own way, repeat something that is for them connected to the attacks on the World Trade Center throughout the entire story. For example, Lianne constantly watches footage of 9/11 on TV or reads about it in the newspaper and on the internet. Keith repeats the wrist exercises that he was prescribed right after the attacks even three years later. This repetition can also be seen in the structure of the novel. It begins with the terrorist attacks and at the end returns to the same moment. This means that trauma does not just shape the way that the characters act but also the way that 9/11 can be talked and written about. 

Memory – Erinnerung

Im Roman ist Erinnerung auf zwei Ebenen wichtig. Die erste ist die persönliche Ebene. Hier ist vor allem Lianne zentral. Sie lebt mit der Überzeugung, dass die Alzheimer-Diagnose ihres Vaters erbbar ist. Dies symbolisiert ein vollständiges Verschwinden von Erinnerung und persönlicher Identität. Darum geht es auch in der Patientengruppe, die Lianne leitet: aufschreiben, woran man sich noch erinnern kann, damit dieser Teil von einem selbst noch da ist, wenn man selbst ihn längst vergessen hat.

Die zweite Ebene ist die nationale. Wie im vorherigen Teil erklärt, hängen Erinnerung und Trauma zusammen. Hier geht es also darum, woran sich die amerikanische Bevölkerung und die Nation Amerika erinnern wird, bzw. auf welche Art sie sich an den 11. September erinnern wird. Eines der wichtigsten Elemente im Roman sind dabei Bilder. Was im Laufe des Buches nämlich klar wird, ist das die Erinnerung an die Anschläge eine stark visuelle, also bildliche, ist. Im Fernsehen, im Internet und in der Zeitung kursieren immer wieder die gleichen Bilder. Das Gefährliche für DeLillo hieran ist, das es durch diese Bilder nur eine Perspektive auf die Ereignisse gibt, welche keinen Spielraum für Fragen oder andere Interpretationen lässt.

Dem setzt DeLillo den Künstler Falling Man entgegen. Dieser ist keine Lösung des Problems, aber eine alternative Herangehensweise. Durch seine Aufführungen werden Menschen im Alltag mit ihrer eigenen Erinnerung konfrontiert. Doch auch das umgeht die Macht der Bilder nicht: Der Falling Man ist Inszenierung eines Fotos das am Tag der Anschläge entstand.

Hier ist dann wieder Liannes persönliche Auseinandersetzung mit Erinnerung wichtig. Ihre Patientengruppe ist ein Modell für ein anderes Erinnern. Hier geht es weniger darum was andere von einem Menschen oder einem Ereignis in Erinnerung behalten. Stattdessen geht es darum, woran sich die Menschen selbst erinnern.

All das sind Spannungen, die DeLillo nicht mit dem Ende des Romans auflöst. Vielmehr bleibt er dabei festzustellen, dass die Frage, wie die Erinnerung an die Anschläge aussehen wird, eine der zentralen Fragen Amerikas im 21. Jahrhundert ist.

Beispielargument für deine Analyse

Memory is a very important theme in DeLillo's novel. Especially through Lianne the novel wrestles with questions of remembering and forgetting. She is scared to develop Alzheimers like her father. The group of Alzheimer patients she leads is symbolic for her struggle with the question of memory. She helps the patients write down everything that they remember about themselves and the events in their lives. She deals in a similar way with the trauma of the terrorist attacks: she collects newspaper articles and gathers as much information as she can. But for her, there is always the threat of forgetting, which she imagines to have inherited from her father. Lianne then symboizes the tension between obsessive collection and documentation of memory and the threat of completely forgetting. 

Über den Autor

Der amerikanische Autor Don DeLillo wurde 1936 in New York als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Er wuchs in er Bronx auf und seine Kindheit war geprägt durch den Katholizismus seiner Eltern und der Umgebung. An der Universität studierte er Kommunikationswissenschaften und schloss das Studium mit einem Bachelor-Abschluss ab. Seine erste Stelle nahm er in einer Werbeagentur an. Sein Wunsch, selbst zu schreiben, entstand durch seine Vorliebe fürs Lesen, allerdings begann er erst mit Mitte 30, auf eine Laufbahn als Schriftsteller hinzuarbeiten. Die Arbeit an Americana,  seinem ersten Roman, begann er 1966.

DeLillo ist  Autor von Romanen, Theaterstücken und Kurzgeschichten, dessen Hauptthemen immer wieder die US-amerikanische Gesellschaft, gesellschaftliche Traumata (wie das Attentat an John F. Kennedy oder die Anschläge auf das World Trade Center) und deren Auswirkungen sind. Zu seinen wichtigsten Romanen zählen  White Noise (1984), Libra (1988), Mao II (1991), Underworld (1997) und Falling Man (2006). Er gilt als einer der wichtigsten US-amerikanischen Autoren der Gegenwart, wird als Kandidat auf den Literaturnobelpreis gehandelt und gilt mit Thomas Pynchon als wichtiger Vertreter des Postmodernismus. Die Bücher von Don DeLillo haben oft auch surrealistische Züge.

Falling Man Arbeitsheft und Lektürehilfe

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