Charakterisierung

Ronald Lutter


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Wie gern möchte man manchmal jemand anderen verstehen! Warum hat er das gesagt? Warum hat sie das gemacht?

Wie im Leben, so in der Literatur. Das Verständnis des Textes beginnt mit dem Begreifen der darin vorkommenden Personen. Dabei ist es wie in einem Spiegelkabinett. Jeder erklärt sich durch die anderen sowie durch seine Handlungen, seinen Hintergrund. Das kann ein Versteckspiel sein. Ist derjenige, der schmutzig ist und ungewaschen, auch deshalb innerlich so? Kann ich derjenigen, die immer lächelt und freundlich ist, unbedingt vertrauen? Woran erkenne ich einen Menschen wirklich? Nicht am Äußeren, nicht an dem, was er sagt oder über sich denkt, sondern an dem, was er oder sie tut. Alles andere ist Mittel – und leider manchmal auch Selbstzweck – für eine gute Charakterisierung für den Unterricht.

In die Tiefe gehen

Das fängt zwangsläufig an der Oberfläche an. Erst einmal die Fakten abarbeiten, die man wohlweislich unterstrichen oder notiert hat. Hier musst du präzise sein, auch wenn es vielleicht für den Charakter am Ende gar nicht so entscheidend ist: Name, Alter, Herkunft, Lebenssituation, Aussehen, Kleidung, Eigenarten… Es nützt nicht immer alles der Charakterisierung, aber sicherheitshalber nennst du es und demonstrierst aufmerksames Lesen. Lehrer bewerten es unterschiedlich. Manche sind begeistert, wenn viele Details bemerkt werden, andere achten mehr auf die Schlussfolgerungen, die man zieht. Interessanter aber sind die Hinweise, die nicht jeder sofort bemerkt.




Namen

Oft übersieht man den Namen, dabei arbeiten Autoren und Dichter gern mit ausdrucksvollen Namen. Eine bekannte Figur aus einem Roman von Jane Austen, Stolz und Vorurteil, heißt beispielsweise ‚Wickham‘ und darin steckt das Wort ‚wicked‘, was soviel wie böse, raffiniert bedeutet. Ein anderer Protagonist aus Jane Austens Roman Emma heißt ‚Mr. Knightley‘, worin das Wort ‚knight‘ steckt, Ritter, was mit edel und höflich zu verstehen ist. Dient das nicht für die Charakterisierung? Oder Harry Potter! Wie leicht übersieht man das. Harry ist der Name eines Prinzen des englischen Königshauses und Potter bedeutet einfach Töpfer. Diese Verbindung aus sehr edel und alltäglich-bodenständig passt gut zu seinem Doppelleben in der drögen Normal- und der abenteuerlichen Zauberwelt.

Lebensumfeld

Das Lebensumfeld ist prägend für einen Menschen ebenso wie für eine literarische Figur. Reich oder arm? Verwöhnt oder mit vielen Schwierigkeiten aufgewachsen? Dorf oder Stadt? Geschwister? Kinder? Beruf? Die Möglichkeiten sind vielfältig, man kann sie nicht alle aufzählen. Denke daran: Du bist der Detektiv, dem das auffällt, was andere übersehen. Besonders in Kurzgeschichten wird es interessant, denn da wird wenig Hintergrund gegeben. Dafür arbeiten Autoren gern mit einem anderem Trick: der Naturfolie. Die Natur, das Wetter, jede räumliche Umgebung können Hinweise sein auf den Gemütszustand des Protagonisten und dienen indirekt seiner Charakterisierung, wie überhaupt der Interpretation der Geschichte.




Denken, sagen, handeln

Auf dem Weg in die Tiefe beobachten wir auffällige Verhaltensweisen in Mimik und Gestik und dann vor allem die Interaktion mit anderen Figuren. Drei Fragen sind hier wichtig:

  • Was denkt die Figur?
  • Was sagt sie?
  • Und vor allem: Was tut sie?

Hier braucht es Feingefühl, denn man kann nicht einfach voraussetzen, dass alles stimmt, was eine Figur sagt oder denkt. Wer kennt sich schon selbst. Ist es ehrlich gemeint? Hat er/sie ein Motiv? Verfolgt sie/er eine Absicht? Das gleiche gilt für die anderen Figuren eines Textes: Sind die Aussagen über den Protagonisten berechtigt oder missverstehen sie gerade die Absichten und den Charakter der Hauptfigur? Beides ist möglich.

Am wichtigsten aber ist, was einer tut. Daran muss sich eine Charakterisierung vor allem orientieren. Und wenn einer nichts tut, nun, dann sagt das schließlich auch etwas über ihn aus. Hamlet beispielsweise tut nichts oder zu spät. Er ist zu zögerlich, er zweifelt an der Welt, an sich und am Ende scheitert er. Andere, die agieren, stellen für ihn die Gerechtigkeit wieder her.

Oder Romeo! Bevor er Julia liebt, ist er verliebt in eine andere Frau und begeht allerlei verliebte Albernheiten, wie sie für seine Zeit typisch waren. Er schreibt Sonette, sucht die Einsamkeit, ist melancholisch. Seine Freunde nehmen ihn nicht allzu ernst. Doch für Julia gibt er alles, stirbt mit ihr und versöhnt dadurch die verfeindeten Familien. Das ist wirklich getan (in dem Stück von Shakespeare) und das bleibt entscheidend für seinen Charakter, ungeachtet dessen, dass er zuvor selbstverliebt und ein wenig schwächlich erscheint. Vom Ende her erkennt man den Menschen, auch in der Literatur.

Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile

Ein guter Detektiv nimmt alle Details wahr, doch er verliert dabei nicht den Blick für das Ganze. Oft begegnet einem der gut gemeinte Tipp, gleich beim ersten Lesen alles Wichtige zu markieren oder herauszuschreiben. Das scheint praktisch, läuft aber dem Wesen der Charakterisierung entgegen. Lies den Text zunächst unvoreingenommen als Ganzes, ohne etwas Bestimmtes zu suchen. Sonst wirst du dem Text genauso wenig gerecht wie einem Menschen, den du nach den erstbesten Kleinigkeiten beurteilst, die dir auffallen. Das ist oberflächlich. Bilde dir eine Ansicht, nachdem du alles gelesen hast und dann suchst du nach den Stellen, die deine Erkenntnisse am besten darstellen und belegen. So überprüfst du auch noch einmal deinen Gesamteindruck anhand der Details.




Was du natürlich schon weißt …

Wie immer in der Schule geht es auch um Begriffe, am liebsten Fremdwörter, mit denen man bei der Charakterisierung punkten kann. So gibt es explizite Hinweise auf den Charakter und implizite. Explizite Hinweise sind direkte, wie Selbstaussagen, Aussagen von anderen Figuren oder auch vom allwissenden Erzähler über die Figur. Implizite sind die indirekten, wie die schon angesprochene Naturfolie oder die Handlungsweise der Figur, aus der man den Charakter erschließen kann. Auch Gefühle spielen natürlich eine wichtige Rolle.

Eine Charakterisierung schreibt man im Präsenz, wie auch eine Inhaltsangabe. Da das Buch immer wieder gelesen werden kann, ist es immer Gegenwart. Das ist das spannende an Literatur.

Eine Charakterisierung hat natürlich eine Einleitung, in der Auskunft über den Autor, den Text und die zu charakterisierende Figur gegeben wird. Folglich hat sie auch einen Hauptteil, in dem man sich von den äußeren zu den inneren Merkmalen vorarbeitet, und natürlich einen Schluss, in dem man entweder eine kurze Zusammenfassung gibt oder auch, wenn gefordert, seine Meinung zu der Figur kundtut.

Zitieren sollte selbstverständlich sein, sonst ist es eine Behauptung ohne Beweis. Bei einem Buch gibt man die Seite an, bei einem Theaterstück Akt und Szene und bei einem Gedicht Strophe und Zeile.

Und nun viel Spaß für alle, die es Miss Marple und Sherlock Holmes gleichtun wollen. Es muss nicht gleich Mord sein. Den Eigentümlichkeiten eines Charakters nachzuspüren, Finten zu durchschauen und das Wesentliche herauszustellen, das ist der Anfang auf der Stufenleiter zum Menschenkenner. Viel Spaß und viel Erfolg!

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