Als im Februar 2010 beim damals 44 Jahre alten Wolfgang Herrndorf ein Glioblastom entdeckt wurde, das eine sofortige Operation erforderte, wusste der Maler und Schriftsteller um das enorme Risiko, infolge der Krebserkrankung, Motorik und Sprache einbüßen und schon bald sterben zu müssen.

Die Veröffentlichung seines größten schriftstellerischen Erfolges, dem 2010 veröffentlichten Jugendroman Tschick, fiel zeitlich mit Diagnose der Krankheit zusammen. In den folgenden drei Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2013 gelang es Wolfgang Herrndorf, sich trotz seines insgesamt nur kleinen Œuvres bleibend in die deutsche Literaturgeschichte einzuschreiben. Sein Bestseller Tschick wurde in über 30 Sprachen übersetzt.

Leben

Geboren am 12. Juni 1965 in Hamburg, verbrachte Wolfgang Herrndorf, Sohn eines Realschullehrers, seine Kindheit in Norderstedt in Südholstein in der Nähe von Hamburg. Hier entwickelte sich seine Naturverbundenheit, die sich später vor allem in seinen zeichnerischen Werken niederschlagen würde.

Während seiner Zeit am Gymnasium war er eher ein Außenseiter. Er interessierte sich für Mathematik, Physik und Schach und begeisterte sich für Literatur und die bildende Kunst. Schon zu seiner Schulzeit malte Herrndorf Landschaften und Stilleben und zeichnete Porträts. Im Anschluss an das Abitur absolvierte er einen Zivildienst. Dann begann er in Nürnberg ein Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste.

Wolfgang Herrndorf bewunderte klassische Künstler wie Jan Vermeer, Raffael und Albrecht Dürer aufgrund ihrer technischen Fertigkeiten. Während seiner Studienzeit versuchte Herrndorf eine ihnen ebenbürtige Technik zu entwickeln. Auch, wenn er den eigenen hohen Ansprüchen an seine Leistung als Maler nie genügen konnte, wurde er mit einem Preis der Akademie ausgezeichnet. Nach einer Aushilfstätigkeit bei der Post bewarb sich Herrndorf als Illustrator und Karikaturist beim Satiremagazin Titanic, für das er ab 1994 regelmäßig als Zeichner tätig war. Besonders populär wurden seine ironisierenden Porträts von Helmut Kohl in Szenen aus klassischen Werken der Malerei, die Herrndorf zitathaft verwendete.

Ab 2001 schrieb Wolfgang Herrndorf im Internetforum der Höflichen Paparazzi, das von den Schriftstellern Christian Ankowitsch und Tex Rubinowitz gegründet worden war. 2002 wurde sein Debütroman In Plüschgewittern veröffentlicht, den die Kritik zunächt als „Berlinroman“ in der deutschen Popliteratur verortete.

Ab 2003 stand für Wolfgang Herrndorf fest, dass er nicht mehr zeichnen und sich nur noch dem Schreiben widmen wollte.

2004 beteiligte er sich an den Lesungen zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, wo er den Preis des Publikums für die Erzählung Diesseits des Van-Allen-Gürtels gewann. Herrndorf veröffentlichte zahlreiche Beiträge im Internet und arbeitete zeitgleich an mehreren Buchprojekten.

Der Jugendroman Tschick erschien 2010 und wurde unerwartet zu einem enormen Verkaufserfolg. Im gleichen Jahr wurde bei Herrndorf ein Hirntumor entdeckt, der sofort operiert werden musste. Herrndorf ließ sich in ein psychiatrisches Krankenhaus einweisen und medikamentös behandeln, weil er mit manischen Schüben auf die Erkrankung reagierte. In der Psychiatrie begann er mit der Abfassung von Arbeit und Struktur. Die in Tagebuchform verfassten Einträge erschienen zunächst nur als digitale Protokolle seines Befindens für Freunde auf dem Webblog der Paparazzi. Später waren sie für die Öffentlichkeit zugänglich. 2013 erschienen sie posthum in Buchform.

Auch die letzte öffentliche Lesung von Herrndorf an der Berliner Volksbühne fand noch im Jahr 2010 statt. 2011 ging Herrndorfs Roman Sand in den Druck, während der Schriftsteller sich einer weiteren Gehirnoperation unterziehen musste. Den Preis der Leipziger Buchmesse, der Herrndorf für Sand verliehen wurde, nahm stellvertretend sein Freund, der Dramaturg Robert Koall, entgegen.

Wolfgang Herrndorf belasteten nun zunehmend die Folgeerscheinungen seiner Erkrankung. Er litt an epileptischen Anfällen und Wahrnehmungs­störungen. Als der Gehirntumor weiter wuchs, nicht mehr operiert werden konnte und Herrndorf nicht mehr in der Lage war, zu schreiben oder zu lesen, nahm er sich am 26. August 2013 in Berlin das Leben.

Themen der Werke

Als Herrndorf klar wurde, dass er nicht mehr lange schmerzfrei leben und krankheitsbedingt nach und nach alle Möglichkeiten zur Kommunikation mit der Außenwelt einbüßen würde, machte er sich verstärkt Gedanken über eine „Exit-Strategie“, die er auch in Arbeit und Struktur offen thematisierte.

Unabhängig von den fatalen Folgen seiner Krankheit, denen Herrndorf sich durch den geplanten Exit entziehen wollte, hat ihn das Thema eines Ausbruchs aus den gesetzten Grenzen der Lebenswelt schon seit seinem Debütroman In Plüschgewittern beschäftigt.

So trennt sich der namenlose Protagonist aus den Plüschgewittern von seiner Freundin in München und macht sich trampend auf die Suche nach einem neuen Lebensmittelpunkt. Zunächst kehrt er dabei zurück zu seinem Elternhaus, begegnet dem Bruder, versackt dann hoch über den Dächern der Hauptstadt in der Berliner Szene, um am Ende vollständig von der Bildfläche zu verschwinden. Die letzten Spuren seiner Existenz verzeichnet der Bericht des Bruders im letzten Teil des Buches.

Auch die als Roadmovie erzählte Story der zwei 14-jährigen Außenseiter Maik und Tschick, die ohne Karten in die Walachei aufbrechen und dabei als Freunde zueinanderfinden, schildert den Versuch, aus dem Bekannten auszubrechen, Neues zu wagen und die bestehenden Grenzen zu sprengen. Und Friedrich Jaschke, der fiktive Kosmonaut aus der Rosenbaum-Doktrin, beantwortet bereitwillig Fragen dazu, wie er zur Raumfahrt gekommen sei, bis er von der Pflegeschwester im Altersheim unvermittelt daran erinnert wird, dass es Zeit wird, sich zum anstehenden Mittagsessen einzufinden. In Sand, dem von Herrndorf selbst als „Trottelroman“ bezeichneten Wüstenthriller, ist es die Amnesie des Ermittlers, die verunmöglicht, dass dieser seine Identität erinnert, sich erkennt oder gar einen Täter ermittelt.

Wolfgang Herrndorfs Romane thematisieren durchweg die Sehnsucht nach einem Anderswo, zu dem die Protagonisten als Reaktion auf die von ihnen empfundene Verlorenheit aufbrechen.

Werke

  • Herrndorfs Debütroman In Plüschgewittern erschien 2002.
  • 2009 erschien der erste Band von Erzählungen unter dem Titel Diesseits des Van-Allen-Gürtels.
  • Die Erzählung Die Rosenbaum-Doktrin wurde 2007 veröffentlicht.
  • 2010 erschien der Roman Tschick.
  • 2011 folgte der Roman Sand.
  • Während seiner sich verschlimmernden Krankheit verfasste Herrndorf zahlreiche Blogeinträge, die posthum 2013 in Buchform unter dem Titel Arbeit und Struktur erschienen.
  • Herrndorfs Lektorin Kathrin Passig veröffentlichte 2014 das vom Autor selbst so betitelte Werk Bilder deiner großen Liebe: Ein unvollendeter Roman im Jahr 2014.
  • Ein Kompendium von Erzählungen mit dem Titel Stimmen. Texte, die bleiben sollten wurde 2018 veröffentlicht.
  • Die Verfilmung von Tschick unter Regie von Fatih Akin kam 2016 in die deutschen Kinos.
  • Wolfgang Herrndorfs Freund Robert Koall adaptierte Tschick als Theaterstück, das 2011 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde.

Auszeichnungen

2004 gewann Wolfgang Herrndorf beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Kelag-Publikumspreis mit der Erzählung Diesseits des Van-Allen-Gürtels. Für Tschick wurde er 2011 mit dem Clemens-Brentano-Preis, dem Deutschen Jugendliteraturpreis und 2012 mit dem Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster ausgezeichnet. Nach einer Nominierung für Tschick im Jahr 2011 gewann Wolfgang Herrndorf mit seinem Roman Sand 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse und den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft.

Bildnachweis: Von GenistaEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link0