Iphigenie auf Tauris (Johann Wolfgang von Goethe)

Yvonne Kraus


Das Drama Iphigenie auf Tauris von Goethe ist eine Adaption eines Stücks von Euripides. Es ist in der griechischen Mythologie angesiedelt und spielt zeitlich wenige Jahre nach dem trojanischen Krieg. Ort der Handlung ist die Insel Tauris, auf die Iphigenie von Diana verschleppt wurde.

Inhaltliche Zusammenfassung Iphigenie auf Tauris

Vorgeschichte

Da Iphigenie auf Tauris in der griechischen Mythologie angesiedelt ist, muss man ein paar Dinge wissen, um das Stück einordnen zu können.

Iphigenies Familie ist seit mehreren Generationen von den Göttern verflucht, weil ihr Ur-Ur-Großvater Tantaros sich gegenüber den Göttern absolut respektlos verhalten hat. Die einzelnen Familienmitglieder sind dazu bestimmt, sich gegenseitig zu töten. Den Aufbau von Iphigenies Familie findest du in dieser Graphik:

Iphigenie auf Tauris Stammbaum
Iphigenie auf Tauris: Stammbaum

Agamemnon, der die Griechen im trojanischen Krieg anführte, ist Iphigenies Vater. Weil die Göttin Diana (im griechischen Original: Artemis) eine Windstille verursachte, die ihn an der Weiterfahrt hinderte, sollte er ihr seine Tochter Iphigenie opfern und war dazu auch bereit. Stattdessen verschleppte Diana Iphigenie nach Tauris, eine Insel die vom König Thoas beherrscht wird, und macht sie zu ihrer Priesterin.

Dieses Opfer setzt eine Kettenreaktion in Gang, denn jedes Mitglied der Tantaliden – so werden die Nachfahren des verfluchten Tantalus genannt -, das ein Familienmitglied getötet hat, wird selbst getötet. Klytämnestra, die Frau von Agamemnon, tötet ihren Mann gemeinsam mit ihrem Geliebten, weil sie für Iphigenie Rache nehmen will. Iphigenies Geschwister Orest und Elektra sind nun wütend auf Klytämnestra. Elektra bringt Orest dazu, die Mutter zu töten. Nun betrifft der Fluch auch ihn selbst. Er fragt das Orakel des Gotts Apollon – des Zwillingsbruders von Diana – um Rat. Das Orakel sagt ihm, das Orest den Fluch brechen kann, wenn er die Schwester von Tauris holt.

Orest weiß nicht, dass seine Schwester noch lebt, also glaubt er, das  Orakel spreche von Apollons Schwester. Er macht sich mit seinem Freund Pylades auf den Weg nach Tauris, um dort eine Statue von Diana zu stehlen und den Fluch so zu brechen.

Das Stück beginnt mit Iphigenie, die auf Tauris lebt und Heimweh nach Griechenland hat.

Handlung des Stücks

Iphigenie lebt bereits eine ganze Weile auf Tauris und hat als Priesterin einige positive Änderungen erwirkt. So werden beispielsweise nicht mehr alle Fremden, die auf die Insel kommen, sofort der Göttin Diana geopfert. Trotzdem findet sie ihr Leben langweilig und unerfüllt. Sie wünscht sich, nach Griechenland zu ihrer Familie zurückzukehren. Sie leidet unter der Abhängigkeit auf der Insel. Außerdem hat der König Thoas sich entschlossen, sie zu heiraten. Iphigenie lehnt ab, weil sie nicht für immer auf Tauris bleiben möchte, und schiebt verschiedene Gründe vor. Sie bittet darum, zurückkehren zu dürfen. Thoas will die Ablehnung nicht hinnehmen und sagt sie, dass sie selbst die nächsten Fremden, die nach Tauris kommen, opfern müsse.

Lektürehilfen zu Iphigenie auf Tauris

   

Anzeige
Die nächsten Fremden, die nach Tauris kommen, sind in der Zwischenzeit schon angekommen: Es sind Orest und Pylades. Sie werden gefangengenommen und der Priesterin vorgeführt. Da Iphigenie und Orest sich lange nicht gesehen haben, erkennen sie einander nicht. Pylades lügt darüber, wer sie sind, erkennt aber an den Fragen, die Iphigenie über den trojanischen Krieg und die Familie Agamemnons stellt, dass sie eine Bindung zu den Tantaliden haben muss.

Iphigenie verspricht, sich für Orest einzusetzen, und dieser gibt sich schließlich zu erkennen. Auch Iphigenie sagt, wer sie wirklich ist. Orest, der immer noch Angst vor dem Fluch hat, fällt in Ohnmacht und hat eine Vision davon, bereits gestorben zu sein. Als er wieder erwacht, ist er bereit, mit Pylades und Iphigenie zu fliehen.

Diese jedoch möchte Thoas nicht anlügen. Während der König weiterhin darauf besteht, die Fremden zu opfern, ringt Iphigenie sich durch, die Wahrheit zu sagen. Sie erzählt von den Fluchtplänen und von Orests Geschichte. Zunächst wird Thoas wütend und es entfacht sich ein Streit zwischen ihm und Orest. Doch Iphigenie schafft es, eine friedliche Lösung zu finden und Thoas dazu zu bringen, ihnen die Heimfahrt zu erlauben.

Orest bringt so die Schwester – seine Schwester Iphigenie – zurück und bricht damit den Fluch.

Die wichtigsten Figuren in Iphigenie auf Tauris

Iphigenie

Iphigenie ist von Diana nach Tauris entführt worden. Damit ist sie dem Tod durch den eigenen Vater entgangen, und entsprechend dankbar hat sie sich in die Rolle der Priesterin eingefunden. Sie hat dabei nicht nur das getan, was man von ihr erwartete, sondern sie hat die ihr übertragene Aufgabe und Verantwortung genutzt, um Gutes zu tun.

Iphigenie ist menschenfreundlich und glaubt an das Gute. Gleichzeitig wünscht sie sich mehr Selbstbestimmung. Als Gefangene auf Tauris ist ihr dies nicht möglich. Sie weiß aber auch, dass ihr dies schon aufgrund ihres Geschlechts nirgends möglich sein wird. Trotzdem wünscht sie sich, in die Heimat zurückzukehren.

Vor die Wahl gestellt, wählt Iphigenie immer den ehrlichen, moralischen Weg. Sie offenbart sich Orest und gibt Thoas gegenüber die Fluchtpläne zu. Am Ende hat sie mit dieser Strategie Erfolg.

Thoas

Thoas ist der König von Tauris. Er möchte Iphigenie heiraten. Als sie ihm verschiedene Gründe liefert, warum sie nicht heiraten kann, ist ihm klar, dass sie nicht bei ihm bleiben will. Er bestraft sie, indem er sie zu unmoralischem Handeln zwingen will.

Am Ende steht Thoas jedoch zu seinem Wort und lässt Iphigenie, Orest und Pylades ziehen, als er deren Geschichte erfährt.

Orest

Orest ist von Elektra dazu gebracht worden, die eigene Mutter zu töten. Nun hat er Angst vor dem Familienfluch. Er gibt jedoch nicht klein bei, sondern befragt ein Orakel. Er befolgt dessen Anweisungen und fährt nach Tauris. Als er merkt, dass die Priesterin dort eine Verbindung nach Griechenland hat, gibt er zu, wer er ist. Er vertraut darauf, dass Iphigenie ihm helfen wird.

Am Ende zeigt er Stärke und ist bereit, die Flucht mit Gewalt durchzusetzen. In Wahrheit ist es jedoch Iphigenie, die ihn rettet.

Pylades

Pylades ist ein guter Fruend von Orest. Er erklärt sich bereit, mit diesem nach Iphigenie zu suchen. Er lügt jedoch, als er gefragt wird, wer er ist, um sich selbst und Orest zu schützen.

Themen und Aussagen

Vertrauen und Ehrlichkeit

Iphigenie selbst verkörpert ein humanistisches Weltbild. Sie setzt die mit ihrem Amt verbundene Macht ein, um etwas Gutes für Fremde zu tun, sie ist ehrlich zu Orest und sogar zu Thoas, der die Macht hat, sie und ihren Bruder zu töten. Sie ist dabei mutig und schreckt nicht vor den Konsequenzen ihres Handelns zurück. Ein (guter) Mensch zu sein, ist ihr wichtiger als das eigene Leben.

Die Aussage des Stücks ist, dass sie mit diesem Ansatz erfolgreich ist, dass es also der richtige Weg ist, den man gehen sollte. Damit ist Iphigenie auf Tauris auch moralisierend. Auf eine ganz einfache Formel gebracht lautet das Ergebnis „Halte dich an humanistische Werte und du wirst alle Schwierigkeiten überwinden“. Dies wirkt heute wenig komplex, spiegelt jedoch das Weltbild der Weimarer Klassik wider, die sich Griechenland als Vorbild im Humanismus wählte. Insofern enthält die Ansiedlung innerhalb der griechischen Mythologie ebenfalls einen Hinweis auf die Verehrung des Humanismus.

Selbstbestimmung

Ebenfalls angeschnitten wird das Thema der Selbstbestimmung. Iphigenie hadert damit, dass sie – als Gefangene und vor allem als Frau – nie dazu in der Lage sein wird, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Sie versucht dennoch, in den ihr gesteckten Grenzen so viel wie möglich zu gestalten. Auch damit ist sie erfolgreich und kann damit Einfluss auf Thoas üben. Ihr Erfolg ist jedoch nur indirekt. Sie kann nicht selbst entscheiden, sondern ist immer abhängig davon, andere zu überzeugen.

Weitere Infos zum Theaterstück

Das Theaterstück Iphigenie auf Tauris ist die letzte von verschiedenen Fassungen die Goethe schrieb. Goethe selbst war mit dem gezeigten Humanitätsideal nicht ganz zufrieden, weil er es für zu schlicht hielt.

Über den Autor

Johann Wolfgang von Goethe ist einer der bekanntesten deutschen Dichter und Dramatiker. Er lebte von 1749 bis 1832 und schrieb zahlreiche Theaterstücke und Gedichte. Außerdem betätigte er sich als Forscher und wareiner der letzten Universalgelehrten.

Auf unserer Autoren-Seite findest du noch mehr Infos zu Goethe.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}