Das kunstseidene Mädchen (Irmgard Keun)

Yvonne Kraus


1932 veröffentlichte Irmgard Keun ihren wohl bekanntesten Roman, Das kunstseidene Mädchen. Nachdem er von den Nationalsozialisten verboten wurde, geriet die Schriftstellerin in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren wurden ihre Romane wiederentdeckt. Mittlerweile wird das Buch häufig als Schullektüre verwendet. In diesem Artikel findest du wichtige Informationen zum Roman.

Zusammenfassung Das kunstseidene Mädchen

Doris ist 18 Jahre alt und lebt in einer mittelgroßen Stadt bei ihren Eltern. Sie arbeitet als Sekretärin für einen Anwalt, träumt aber von größerem und gibt sich keine große Mühe in ihrem Job. Lieber flirtet sie mit ihrem Vorgesetztem, um ihn von ihren Fehlern und ihrem Zuspätkommen abzulenken.

Als Doris schließlich trotzdem ihren Job verliert, verschafft ihre Mutter ihr eine Stelle als Statistin im Theater. Durch einige Tricks schafft Doris es sogar, einen Satz im Stück sprechen zu dürfen, doch als sie einer Besucherin einen Pelzmantel stiehlt, muss sie schließlich aus der Stadt fliehen.

Doris macht sich nach Berlin auf und hat einen neuen Traum: Sie will „ein Glanz“ werden – ein berühmter Star. Zunächst schlägt sie sich über Bekanntschaften durch und lässt sich immer wieder von verschiedenen Männern aushalten. Da sie aus ihrer Heimatstadt geflohen ist, hat sie keine Papiere und kann auch nicht einfach Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen.

Eine Weile scheint sie ihr Ziel erreicht zu haben und lebt bei einem reichen Geschäftsmann als dessen Geliebte. Doch als dieser verhaftet wird, beginnt ihre Suche von Neuem. Zu einem blinden Nachbarn entwickelt sie eine Freundschaft, doch seine Frau lässt ihn in ein Heim einweisen. Schließlich trifft sie Ernst, einen einfachen Angestellten, der sie ohne Gegenleistung bei sich wohnen lässt. Doris verliebt sich nach und nach in Ernst, doch er trauert immer noch seiner Frau hinterher, die ihn verlassen hat. So verlässt Doris auch diesen sicheren Hafen und beginnt ihre Suche von Neuem.

Figuren

Auf ihrer Odyssee durch ihre Heimatstadt und durch Berlin trifft Doris zahllose Menschen, die ihr teilweise nur kurz Gesellschaft leisten. Die wichtigsten Figuren sind im folgenden vorgestellt.

Doris

Doris ist 18 Jahre als und kommt aus armen Verhältnissen. Sie ist nicht bereit, sich mit dem zufrieden zu geben, was das Leben ihr bietet, sondern strebt nach Höherem. Sie will ein Leben in Reichtum und Sorglosigkeit. Sie erkennt früh, dass der Weg dorthin für eine Frau nur über Männer führen kann. Also lässt sie sich auf zahlreiche Bekanntschaften ein und hat keinerlei schlechtes Gewissen, sich aushalten zu lassen. Die Gesellschaft bietet Männern bessere Chancen als ihr, also können diese Doris‘ Meinung nach gerne großzügig sein.

Therese

Therese ist Doris‘ Kollegin in der Kanzlei. Sie kommt aus ähnlichen Verhältnissen wie Doris, hat jedoch einen anderen Lebensweg gewählt. Sie war lange Zeit die Geliebte eines Mannes, bis dieser sie verlassen hat. Nun ist sie alleine und arbeitet in der Kanzlei. Sie gönnt sich keinerlei Vergnügen, freut sich aber, wenn Doris ihr von ihren Abenteuern erzählt. Therese ist für Doris das abschreckende Beispiel – so wie sie möchte sie auf keinen Fall werden.

Der Brenner

Der Brenner ist Doris‘ blinder Nachbar in Berlin. Während seine Frau die Behinderung längst nicht mehr ertragen kann, schildert Doris ihm, was sie in Berlin sieht und erlebt und wird so zu seinen Augen. Für Brenner ist Doris bereits ein Glanz, denn sie gibt ihm das Sehvermögen zurück.

Lektürehilfen zu Das kunstseidene Mädchen

   

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Ernst

Ernst arbeitet als Werbezeichner. In einer wirtschaftlich sehr instabilen Situation hat er das Glück, einen sicheren Job zu haben. Seine Frau Hanne hat ihn verlassen, weil sie – wie Doris auch – mehr vom Leben wollte und sich bei ihm langweilte. Ernst findet Doris nachts in Berlin und bietet ihr an, bei ihm zu übernachten. Er kümmert sich um das Mädchen, gibt ihr Essen und ein Dach über dem Kopf. Irgendwann beginnt Doris, für Ernst den Haushalt zu machen. Sie genießt das Leben mit ihm und verliebt sich in ihn. Doch Ernst denkt nach wie vor an Hanne, sodass Doris lieber wieder auf die Straße geht.

Themen in Das kunstseidene Mädchen

Die Großstadt

Das kunstseidene Mädchen gibt einen Einblick in das Leben in der Großstadt. Berlin ist eine der Hauptfiguren des Romans. Man sieht die Stadt durch die Augen der 18jährigen Doris, die aus einfachen Verhältnissen und aus einer deutlich kleineren Stadt kommt. Für Doris ist Berlin der Inbegriff des Glücks. Alles ist bunt, großartig und aufregend. Gleichzeitig ist das Leben in der Stadt für Doris auch hart. Sie kennt kaum Menschen und muss immer wieder aufs Neue überlegen, wo sie schläft und wo sie etwas zu Essen herbekommt.

Leben in den 1930ern

Eher beiläufig erzählt Doris von den Zuständen in den 1930er Jahren, in denen sich schon die Machtergreifung der Nationalsozialisten ankündigt. Notverordnungen sind an der Tagesordnung und zeigen, dass die Regierung nur noch eingeschränkt handlungsfähig ist. In Kneipen tauchen SS-Männer auf und stehlen sämtliches Essen, ohne dass sich jemand ihnen entgegenstellt. Das wirtschaftliche Klima ist schlecht, sehr viele Menschen sind ohne Arbeit. Für eine junge Frau wie Doris gibt es nur den Weg, sich von einem Mann aushalten zu lassen oder als Prostituierte zu arbeiten.

Feminismus

Das kunstseidene Mädchen ist neben allem anderen auch ein feministischer Roman. In den 1930ern hatte man als Frau nicht viel zu erwarten. Man sollte froh sein, wenn man einen guten Ehemann gefunden hatte. Doris‘ Mutter hat so gehandelt und ihr Leben sieht entsprechend aus.

Für Doris reicht das jedoch nicht. Sie sieht nicht ein, dass sie weniger Chancen im Leben haben soll als Menschen, die reicher geboren wurden, oder als jeder beliebige Mann. Also setzt sie sich über Regeln und gesellschaftliche Konventionen hinweg, um zu bekommen, was ihr ihrer Meinung nach zusteht. Wie schwierig das ist, zeigt sich in Berlin. Dennoch gibt sie nicht auf. Ernst will ihr dabei helfen, ihre Papiere zu bekommen und eine normale Arbeit anzunehmen. Doch sie will ein solches Leben auf keinen Fall. Mit ihrer geringen Ausbildung ihr Leben lang für einen geringen Lohn für reichere Menschen zu arbeiten, kommt für sie nicht in Frage. Lieber landet sie wieder auf der Straße, bleibt aber dabei selbstbestimmt und frei.

Stil

Der Roman ist in Form eines Tagebuchs aus Doris‘ Sicht geschrieben. Die Sprache ist umgangssprachlich und weist häufig grammatikalische Fehler auf. Doris schreibt so, wie sie spricht. Ihre Sprache ist häufig fantasievoll und hat eindringliche Beschreibungen.

Was bedeutet der Titel „Das kunstseidene Mädchen“?

An einer Stelle im Roman sagt Doris, dass Kunstseide kein gutes Material ist, weil es leicht zerknittert und schnell abgetragen wird. Ihr Ziel ist es, sich die besten Stoffe kaufen zu können (oder kaufen zu lassen), also Seide zu tragen. Doch kann sie sich selbst in ihren besten Zeiten nur Kunstseide leisten – sie selbst ist also das kunstseidene Mädchen, das wie viele andere auf etwas Besseres hofft.

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