Neben der Grammatik ist das wichtigste Element im Latein-Unterricht das Übersetzen von Texten. Das ist anfangs ungewohnt und wird auch zunehmend schwieriger, je mehr Originaltexte verwendet werden. Doch es gibt eine gute Nachricht. Lateinische Texte kannst du ganz systematisch Schritt für Schritt übersetzen. Wenn du weißt, in welcher Reihenfolge du vorgehst, wird es ganz einfach.

Lateinische Texte übersetzen in 5 Schritten

Natürlich ist jeder lateinische Text und jeder lateinische Satz anders. Dennoch kannst du mit systematischem Vorgehen sämtliche Texte „knacken“. Am besten nimmst du als Hilfe einen Bleistift oder einen Textmarker, mit dem du die einzelnen Schritte markieren und als erledigt kennzeichnen kannst.

Als Beispielsatz nehmen wir hier den ersten Satz aus Caesars De bello Gallico.

Schritt 1: Verben identifizieren und übersetzen

Jeder lateinische Satz hat zumindest ein Prädikat. Dieses drückt aus, wer etwas tut. Außerdem zeigt es dir in grammatikalischer Hinsicht, welche weiteren Satzglieder dein Satz noch benötigt, um vollständig zu sein. Wenn du also im ersten Schritt die Verben identifizierst und übersetzt, weißt du schon ein bisschen, worum es geht, und du weißt außerdem schon, wie es mit der Übersetzung weitergeht.

Verben kannst du identifizieren, wenn du die verschiedenen Konjugationen kennst. Verben enden immer auf bestimmte Buchstabenkombinationen, woran du sie leicht identifizieren kannst. In diesem Satz gibt es drei Verben. Das bedeutet, es gibt auch drei (Teil-)Sätze, einen Haupt- und zwei Nebensätze. Dies ist wichtig für das weitere Vorgehen.

Die drei Verben lauten:

  1. est divisa – (er, sie, es) ist geteilt
  2. incolunt – (sie) bewohnen
  3. appellantur – (sie) werden genannt

Wenn du einen Satz mit mehreren Verben übersetzen sollst, gehst du am besten Teilsatz für Teilsatz, also Verb für Verb vor. Die folgenden vier Schritte kannst du für jedes Verb einzeln durchführen. In diesem Artikel arbeiten wir im Folgenden einfach mit verschiedenen Farben, damit du die Haupt- und Nebensätze leichter wiederfinden kannst.

Schritt 2: Das Subjekt finden

Jedes Prädikat benötigt ein Subjekt, das heißt jede Tätigkeit benötigt einen, der sie ausführt. Im Lateinischen steckt das Subjekt häufig bereits im Verb. Personalpronomina müssen nicht extra angegeben werden. Trotzdem solltest du im zweiten Schritt nach dem Subjekt bzw. den Subjekte Ausschau halten. Sie sagen dir schon mehr über den Inhalt. Außerdem kannst du so wieder einige Wörter in deinem Satz erledigen.

Um das Subjekt zu finden, suchst du

  • Substantive,
  • Personalpronomen oder
  • Relativpronomen,

die im Nominativ stehen. Hierfür musst du also die verschiedenen Deklinationen kennen. Du siehst, die ganze Grammatik lernst du nicht umsonst, sondern du wendest sie beim Übersetzen immer an!

Tatsächlich gibt es zu jedem Satz ein Subjekt. Diese sind im folgenden farblich zum Verb passend markiert.

Im Hauptsatz ist das Subjekt ganz einfach zu erkennen: Wer oder was ist geteilt? Gallien.

Zu incolunt (sie bwohnen) gehört Belgae – die Belgier. Auf Aquitani gehen wir unter Punkt 4 ein.

Das Subjekt zu appelantur (sie werden genannt) ist das Relativpronomen qui. Wir wissen also jetzt, dass es sich beim letzten Teilsatz um einen Relativsatz handelt.

Unsere Übersetzung lautet also bisher:

Gallien ist … geteilt … die Belgier bewohnen …. , die … genannt werden.

Schritt 3: Erforderliche Objekte

Manche Verben erfordern bestimmte Objekte. dare – geben erfordert beispielsweise ein Akkusativ- und ein Dativobjekt. Ich muss bestimmen, wem ich etwas gebe und was ich ihm oder ihr gebe.

Mit diesem Wissen kannst du deinen Satz weiter entschlüsseln.

Gallia est divisa besitzt zwar ein Akkusativobjekt (dazu später mehr), der Satz könnte jedoch auch ohne existieren: Gallien ist geteilt.

incolunt braucht jedoch ein Akkusativobjekt. Wen oder was bewohnen die Belgier? Wir suchen also nach einem Wort im Akkusativ, das – wahrscheinlich – in der Nähe von incolunt steht. Wir werden fündig bei unam – den einen. Wenn wir uns den Satz ein wenig weiter anschauen, entdecken wir, dass auch aliam und tertiam im Akkusativ stehen und inhaltlich wohl zu unam gehören (der eine, der andere, der dritte).

Auch appelantur erfordert ein Objekt, und zwar eins, das im Nominativ Plural steht (Wer oder was werden sie genannt?). Dies trifft auf Celtae und Galli zu. Warum es zwei mögliche Objekte gibt, erfährst du im 5. Punkt.

Bisher haben wir also übersetzt:

Gallien ist … geteilt … , den einen bewohnen die Belgier, den anderen … , den dritten die … Kelten … Gallier genannt werden!

Schritt 4: Nötige Informationen finden und übersetzen

Wir haben nun alles übersetzt, was grammatikalisch für die identifizierten Verben erforderlich ist. Doch wir sehen bereits, das inhaltlich wichtige Informationen fehlen, wenn wir uns unsere bisherige Übersetzung ansehen. Diese wollen wir jetzt übersetzen. Also, welche Fragen bleiben offen?

  • In was ist Gallien geteilt?
  • Wer bewohnt „den anderen“ Teil?
  • Wer bewohnt „den dritten“ Teil?

Um herauszufinden, in was Gallien geteilt ist, suchen wir ein Akkusativobjekt, das mit in angeschlossen ist. Wir werden bei in partes tres fündig. Gallien ist also in Teile drei bzw. – weil sich das besser anhört – in drei Teile geteilt.

Zu aliam zählt offensichtlich Aquitani – die Aquitaner -, die ebenfalls im Nominativ stehen. Hier steht allerdings kein Verb. Du musst dir (das ist leider häufiger im Lateinischen so), eine Dopplung von incolunt vorstellen.

Wer den dritten Teil Galliens bewohnt, erfährt man, wenn man den kompletten Relativsatz ab qui übersetzt. Es sind diejenigen, die ipsorum linguain der eigenen Sprache„Kelten“ und in nostraunserer (Sprache) „Gallier“ genannt werden.

Zusammengesetzt ergibt sich dann tatsächlich schon ein sinnvoller Satz:

Gallien ist … in drei Teile geteilt, … einen bewohnen die Belgier, den anderen die Aquitaner, den dritten diejenigen, die in ihrer eigenen Sprache „Kelten“ und in unserer Sprache „Gallier“ genannt werden.

Um einen sinnvollen Satz zu formulieren, mussten wir hier einige Wörter einfügen. Diese sind kursiv geschrieben. Am besten markierst du solche Wörter auch in der Übersetzung der Klassenarbeit, es sei denn, deine Lehrer*innen sagen, dass das nicht nötig ist.

Der Satz ist nun fast vollständig übersetzt und es fehlen nur noch Einzelheiten.

Schritt 5: Alles übrige übersetzen und den Satz finalisieren

Wenn du bis zu Schritt 4 alles identifiziert und übersetzt hast, bleiben häufig noch einzelne Wörter übrig. Dies können zum Beispiel Adjektive sein, die etwas näher beschreiben, oder Konjunktionen, die Sätze miteinander verbinden.

Hier bleiben nur zwei Wörter übrig.

omnis heißt alle oder – in diesem Fall – ganz, also ganz Gallien.

quarum bedeutet deren. Es ist ein Relativpronomen im Genitiv Plural, das die Verbindung zwischen dem Haupt- und den Nebensätzen herstellt.

Wir können nun also final übersetzen:

Ganz Gallien ist in drei Teile geteilt, deren einer von den Belgiern bewohnt wird, der zweite von den Aquitanern und der dritte von denen, die in der eigenen Sprache Kelten und in unserer Gallier genannt werden.

Wir haben uns hier die Freiheit genommen aliam mit zweite zu übersetzen, weil es im Deutschen besser passt. So etwas solltest du immer erklären. Wenn du dir nicht sicher bist, bleibe lieber näher an der wörtlichen Übersetzung.

Konnten wir dir mit diesem Artikel weiterhelfen? Wie gehst du vor, wenn du einen lateinischen Text übersetzen musst?

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Autor(in)

Alle Artikel von Yvonne Kraus Hier schreibt Yvonne Kraus, die Gründerin von nachgeholfen.de.

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