Die Industrielle Revolution bzw. Industrialisierung begann in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts und veränderte im 19. Jahrhundert die Arbeitsbedingungen und damit die gesamten Lebensumstände der Menschen grundlegend. Die Entwicklung nahm in England ihren Anfang, erfasste bald Westeuropa und die USA, und zuletzt, also gegen Ende des 19. Jahrhundert, auch Japan, andere Teile Asiens und immer mehr Gebiete Europas. Sie bedeutete eine gewaltige Umwälzung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, deshalb spricht man von Revolution.

Daten, Fakten und Namen kannst du deinem Geschichtsbuch entnehmen. Hier hingegen soll der Versuch unternommen werden, ein paar Bilder vor dir entstehen zu lassen.

Wie lebte eine Familie vor der Industriellen Revolution?

Die Industrielle Revolution begann in einer Zeit, in der die Menschen in einer Agrargesellschaft lebten, das heißt, die Bevölkerung bestand vorwiegend aus Bauern. Ackerbau und Viehzucht waren schon weit fortgeschritten. Es gab nur wenige Städte, und die waren klein. Die meisten Menschen lebten auf dem Land, die Generationen wohnten zusammen, und alle Familienmitglieder bewirtschafteten gemeinsam den Bauernhof. Lebensmittel wurden selbst produziert, gekauft wurde wenig, den Überschuss verkauften die Bauern auf den Märkten der Städte. Maschinen, Düngemittel und neue Anbautechniken gab es aber allmählich.

Alle halfen mit, die Kinder ebenso wie die älteren Menschen, alle so, wie sie es konnten. Das war anstrengend, aber allen war klar, wofür sie es taten: für die Selbstversorgung. Der Ertrag der Arbeit kam genau denen zugute, die sie leisteten.

Arbeit und soziales Leben, Wohnumfeld und Familie, die Natur und das kultivierte Land bildeten eine Einheit. Was wann getan werden musste, ergab sich im allgemeinen aus dem Wechsel der Jahreszeiten, aus der richtigen Zeit für Aussaat und Ernte, aus den Bedingungen für den Anbau von Gemüse und Obst und aus den Bedürfnissen der Nutztiere. Viel zu organisieren und zu besprechen gab es nicht, das meiste war selbstverständlich. Alle wirtschafteten in die eigene Tasche, niemand in der bäuerlichen Familie war lohnabhängig oder wusste gar nicht so recht, wofür er oder sie die Arbeit erledigte und wohin die Produkte gerieten, die erwirtschaftet wurden. Das dürft ihr euch trotzdem nicht romantisch vorstellen, die Arbeit war zum großen Teil körperlich schwer und hart.

Was machte das Leben der Menschen aus, nachdem die Industrielle Revolution begonnen hatte?

Mindestens so schwer war die Arbeit auch, als die Industrielle Revolution angefangen hatte. Und jetzt war ganz deutlich die Spaltung der Gesellschaft zu erkennen. Unternehmer, zum Beispiel Fabrikanten, standen den lohnabhängigen Arbeiter*innen gegenüber, den Proletariern.

Du kannst dir ein paar Eckpunkte merken.

Technik und Wissenschaft erlebten einen steilen Aufschwung.

Die Landwirtschaft produzierte mehr Lebensmittel durch den beginnenden Einsatz von Maschinen und Neuerungen in den Anbaumethoden.

Das Bevölkerungswachstum nahm zu, auch durch eine Erhöhung der Geburtenrate, aber vor allem durch die Verringerung der Kindersterblichkeit und Steigerung der Lebenserwartung. Aber: Es war nicht genug für alle da, und das führte oft zu Armut und Elend vor allem für diejenigen, die nichts als ihre Arbeitskraft besaßen.

Viele Menschen wurden Industriearbeiter und zogen dazu vom Land in die Städte, in denen es aber zu wenig Wohnraum gab. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren geprägt von Abhängigkeit und Not. Immerhin gab es nach einiger Zeit aufgrund von Unruhen der Arbeiterschaft erste Bemühungen zu sozialen Reformen, nicht nur, um die Lebensqualität der Lohnabhängigen zu verbessern, sondern auch, um die Ursachen ihrer Verelendung zu bekämpfen. Aber gerade am Anfang der Industriellen Revolution war das nicht so. Zu den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in dieser Phase, im Frühkapitalismus, erfährst du unten mehr.

Zunächst stellt sich die Frage:

Warum begann die Industrielle Revolution ausgerechnet in Großbritannien?

Einige Gründe, die hier aufgezählt werden, solltest du kennen.

  • Die innen- und außenpolitischen Verhältnisse waren stabil.
  • Die geografischen Bedingungen waren günstig, keine hohen Berge erschwerten Transporte auf dem Landweg.
  • Britannien besaß Häfen und eine große Flotte. Seefahrt und Überseehandel waren schon lange gang und gäbe. Exotische Güter wurden aus den Kolonien importiert, die zugleich als riesige Absatzmärkte dienten.
  • Ausreichend Bodenschätze waren vorhanden, vor allem Kohle und Eisenerz, die für die Industrialisierung eine Schlüsselrolle spielten.
  • Die Insellage Großbritannien begünstigt eigene unabhängige Prozesse – bis heute (Brexit).
  • Bereits im Mittelalter waren nicht nur die Land-, sondern auch die Marktwirtschaft sehr produktiv, britische Unternehmer genossen mehr Freiheiten als solche auf dem europäischen Kontinent.
  • Andersdenkende wurden schon immer eher toleriert als in vielen anderen Ländern, Kreativität nicht misstrauisch beäugt.
  • Der Calvinismus förderte eine disziplinierte Arbeitsmoral, weil wirtschaftlicher Erfolg im Diesseits als Zeichen besonderer göttlicher Gunst betrachtet wurde.
  • Gleichzeitig gab es für arme Menschen zumindest in Ansätzen ein soziales Netz.

Dampfmaschine, Spinnmaschine, mechanischer Webstuhl

Die Dampfmaschine ist das bekannteste Symbol für die Industrielle Revolution, auch wenn sie erst allmählich ins Spiel kam und keinesfalls den Anfang der Entwicklung kennzeichnete. Sie ist verknüpft mit einem Namen, den du kennst, nämlich James Watt, und mit dem Jahr 1769.

Der Körpereinsatz von Mensch und Tier wurde dadurch nach und nach ersetzt, die Abhängigkeit von Wind- und Wasserkraft zunehmend beendet. Die dampflokangetriebene Eisenbahn revolutionierte das Transportwesen, das gleiche geschah durch die Dampfschifffahrt. Aber auch viele Maschinen wurden durch Dampfmaschinen angetrieben, nicht zuletzt die Pumpen, die man einsetzte, um die Schächte zu entwässern, die man beim Bergbau (du erinnerst dich an die Bedeutung von Eisenerz und Kohle) immer tiefer in die Erde trieb.

Die beiden anderen Erfindungen, die die Industrielle Revolution maßgeblich vorantrieben, die der Spinnmaschine („Spinning Jenny“) und die des mechanischen Webstuhls, veränderten und vereinfachten die Textilherstellung in bis dahin nicht vorstellbarem Maße. Gemeinsam mit dem Import von Baumwolle aus Übersee sicherten sie die Produktion von Kleidung für eine wachsende Bevölkerung. Allerdings machten sie auch viele Spinnerinnen und Weber arbeitslos, denn deren in Hand- und Heimarbeit gefertigten Waren konnten mit den industriell hergestellten nicht mehr konkurrieren.

Noch ein paar Beispiele? Auch die Glühlampe wurde in dieser Zeit erfunden, der Verbrennungsmotor und die Fotografie.

Großbritannien wurde die weltweit führende Wirtschaftsmacht.

In Deutschland begann die Industrialisierung später und war bestimmt durch Bergbau, die Verarbeitung der geförderten Rohstoffe und den Bau der Eisenbahn. Diese war ein kräftiger Motor der Entwicklung: Einerseits wurden für Bau und Betrieb Rohstoffe gebraucht, die der Bergbau lieferte, andererseits konnten mit der Bahn Waren wirtschaftlich und immer schneller über zunehmend weitere Strecken transportiert werden.

Frühkapitalismus

Industrielle Revolution und die Geburt des Kapitalismus‘ sind untrennbar miteinander verbunden. Es musste in Fabriken, Maschinen und Transportmittel investiert werden, Löhne wollten bezahlt sein. Unternehmergeist war gefragt, aber auch die entsprechenden materiellen Grundlagen, über die nur eine kleine dünne Gesellschaftsschicht verfügte, die dadurch an Macht gewann. Handwerksbetriebe und Manufakturen wurden allmählich durch Industrieanlagen verdrängt.

Die kleinen Geschäfte der Handwerker waren meist in Familienhand oder zumindest familienähnlich strukturiert.

Die Industrielle Revolution hatte ganz andere Organisationsmuster und Rollenverteilungen zur Folge. Der Unternehmer, der Fabrikant, stand keineswegs in emotionalem oder zumindest sozialem Verhältnis zu den Lohnarbeitern. Es ging allein um Profit, und der war um so höher, je weniger Kosten die Arbeitskräfte verursachten. Der Begriff des Proletariats war geboren: die mittel- und machtlosen Proletarier und mit ihnen ihre Familien verelendeten zusehends. Der Weg zur Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter war ein langer und dorniger. Heute ist das in dieser Schärfe kaum noch vorstellbar.

Industriearbeit war ungewohnt fremdbestimmt. Der Takt der Maschinen gab den Arbeitsrhythmus vor, Aufsichtsführende sorgten für Unterordnung, Strafen bis hin zu Prügel für arbeitende Kinder waren erlaubt. Dass sie und auch Frauen schwere Arbeit verrichten mussten, war nicht neu, aber innerhalb der Familie auf dem eigenen Bauernhof hatte das eine ganz andere Qualität. Überhaupt ist kaum ein größerer Gegensatz der Arbeitswelten denkbar. Arbeit in der Landwirtschaft fand im Familienverbund statt, an frischer Luft, in der Natur. Industriearbeiter – Männer, Frauen und Kinder – hatten auf die Gestaltung der Produktionsabläufe keinerlei Einfluss. Sie verrichteten eine monotone, häufig gefährliche Arbeit, schufteten nicht selten 16 bis 18 Stunden täglich und an sechs Tagen wöchentlich in schlecht belüfteten und unzureichend beleuchteten Fabrikhallen, oft in großer Hitze, ohne Tageslicht, in Schmutz und Lärm, und all das für einen Hungerlohn.

Ihre Wohnverhältnisse waren nicht besser. Dichtgedrängt lebten Industriearbeiter*innen in finsteren Mietskasernen, in denen aus heutiger Sicht unvorstellbare hygienische Verhältnisse herrschten. Zudem befanden sich die Quartiere meist in unmittelbarer Nähe zu den Fabriken, die Tag und Nacht in Betrieb waren, Rauch und Ruß absonderten.

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand die soziale Frage. Trotz aller Druckmittel gab es immer mehr Widerstand gegen die furchtbaren Lebensbedingungen, die im Frühkapitalismus herrschten. Du hast sicher schon von Karl Marx und Friedrich Engels gehört, die bis heute die bekanntesten Vordenker des Kampfes des Proletariats gegen unhaltbare Zustände sind.

Aber es kam anders als vorausgesagt. Die Arbeitsbedingungen und der Lebensstandard der Industriearbeiter verbesserten sich in den meisten Ländern allmählich. Diese Entwicklung hält bis heute an.

Damals, in der Zeit der Industriellen Revolution, haben die Kirchen, die Gewerkschaften, die Parteien und der Staat angefangen, Hilfe zu leisten.

Und nun?

Der Übergang ins digitale Zeitalter in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kennzeichnet einen neuen Abschnitt der Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Wir leben immer mehr in gänzlich anderen ökonomischen und sozialen Verhältnissen. Nur noch wenige Menschen verrichten körperlich schwere Arbeit. Die Industrielle Revolution gehört allmählich der Vergangenheit an, wenn auch ihre Auswirkungen noch heute zu spüren sind.

Es heißt oft, wir leben jetzt in einer Dienstleistungsgesellschaft. Du hast den Ausdruck bestimmt schon mal gehört. Nur vergleichsweise wenige Menschen sind mit der Produktion von Gütern beschäftigt, und wenn, dann erleichtern Maschinen und Roboter ihnen die Arbeit ganz maßgeblich. Wie sich Wirtschaft und Gesellschaft entwickeln werden – dazu gibt es ganz unterschiedliche Prognosen.

Kurze Zusammenfassung – Die Industrielle Revolution in fünf Sätzen:

Die Industrielle Revolution, die eine relativ schnelle und sehr tiefgreifende Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft bedeutete, begann in Großbritannien nach dem Agrarzeitalter. Sie erfasste allmählich große Teile Europas, die USA und Teile Asiens. Das 19. Jahrhundert war von der Industrialisierung geprägt. Aus Bauern wurden lohnabhängige Fabrikarbeiter, die unter heute unvorstellbaren Bedingungen lebten.

Das Symbol dieser Zeit ist die Dampfmaschine, aber auch viele andere technische Erfindungen wurden gemacht, die wir bis heute nutzen.