WIR WAREN DIE MULVANEYS von Joyce Carol Oates

Yvonne Kraus


Joyce Carol Oates schreibt Bücher wie andere Leute Einkaufslisten. Während die meisten Einkaufslisten jedoch meist nur ein sehr überschaubares Publikum finden, taucht Oates’ Name Jahr für Jahr unter den „wahrscheinlichen Kandidaten“ für den Literaturnobelpreis auf. Mehr als fünfzig Romane hat sie bereits veröffentlicht sowie eine dreistellige Zahl an Kurzgeschichten – und Pseudonyme hat sie auch noch. Dabei reichen ihre Veröffentlichungen von Jugendbüchern über Thriller und Fantasy-Erzählungen bis hin zu halb-dokumentarischen Biographien.

Wir waren die Mulvaneys ist nichts von alledem, sondern eine Familiengeschichte, und zwar eine tragische. In den 1970er Jahren lebt die sechsköpfige Familie Mulvaney den perfekten amerikanischen Traum: Vater Michael hat einen erfolgreichen Kleinbetrieb, Mutter Corinne kümmert sich um Haus, Hof und Tiere, und die Kinder sind in Schule und Sport erfolgreich. Eine angesehene, im Dorf beliebte Familie, und anfangs scheint es, als ob es immer so weitergehen könnte.

Zerbrochenes Familienidyll

Dass dies nicht der Fall ist, erfährt man bereits zu Beginn des Romans, denn Judd, der jüngste Mulvaney-Sohn und Ich-Erzähler des Buchs, versucht herauszufinden, warum das Familienidyll von einem Tag auf den anderen zerbrochen ist und ob es nicht einen Weg zurück in die unbeschwerten Zeiten gibt.

Wir waren die Mulvaneys, wißt ihr noch?
[…] Lange habt ihr uns beneidet, danach habt ihr uns bedauert.
Lange habt ihr uns bewundert, danach habt ihr gedacht: Gut! Das haben sie verdient!

Familie als Zusammenschluss von Individuen

Und so werden die Ereignisse rekonstruiert, die mit Gewalt von außen über die Familie hereinbrechen. Die eigentlichen Probleme, die nicht überwunden werden können, liegen jedoch vor allem im Inneren der Familie, in der Tatsache, dass eine Familie – wie glücklich und wie einig sie auch sein mag – keine Einheit ist, sondern aus Individuen besteht. Die Mulvaneys scheinen diese Erkenntnis nicht zu verkraften. In dem Moment, in dem sie nicht mehr eins, nämlich „die Mulvaneys“, sind, sind sie keine Familie mehr.

Niemand konnte oder wollte das, was geschehen war, je beim Namen nennen.

Einen Weg zurück gibt es für die Mulvaneys nicht, auch kein Happy End, aber eine Art Versöhnung mit der eigenen Vergangenheit. Und die Einsicht, dass es vielleicht nicht so geht, wie man es sich erhofft und erwartet hat, aber dass es zumindest irgendwie geht, und dass das manchmal schon genug ist.

Wir waren die Mulvaney ist ein tragischer Familienroman, in dem das Glück der einzelnen Familienmitglieder gegeneinander aufgewogen wird. Die Entscheidungen, die getroffen werden, können nicht alle gleich berücksichtigen, und das Buch lässt einen traurig, ernüchtert, aber am Ende auch ein wenig versöhnt zurück.

Infos zum Buch

Wir waren die Mulvaneys
(Originaltitel: We were the Mulvaneys)

Joyce Carol Oates
594 Seiten
Erstausgabe 2003

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