We Need To Talk About Kevin (Lionel Shriver)

Yvonne Kraus


Eva Khatchadourian hat einiges, auf das sie zurückblicken kann, und weniges vor sich, um sich darauf zu freuen. Dass sie beginnt, ihrem Ehemann Franklin Briefe zu schreiben, in denen sie sich an die gemeinsame Vergangenheit erinnert, ist nur konsequent. Denn Eva hat außerdem viel Zeit. Sie lebt allein, jobbt in einem Reisebüro und hat neben der Arbeit keinerlei soziale Kontakte.

Der Grund für die soziale Verwahrlosung von Eva ist ihr Sohn Kevin. Den besucht sie regelmäßig im Jugendgefängnis, denn Kevin hat kurz vor seinem 16. Geburtstag mehrere Mitschüler*innen während eines Amoklaufs getötet. In ihren Briefen versucht Eva, herauszufinden, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, und fängt dabei ganz von vorne an.

Denn eigentlich ist schon die Beziehung zwischen Franklin und Eva ein Phänomen. Eva hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und verlegt Reiseführer, für die sie selbst vor allem in Europa recherchiert. Das Unternehmen läuft fantastisch, und Eva ist nicht nur finanziell absolut unabhängig. Mit ihrer US-amerikanischen Heimat hadert sie jedoch, findet die Menschen zu laut, die Geschichte zu langweilig und das Image zu protzig. Franklin dagegen ist stolz auf sein Vaterland und zeigt Eva, dass man gar nicht ins Ausland fahren muss, um wunderbare Flecken der Erde zu sehen.

Die beiden sind bereits Ende 30, als sie heiraten. Beide sind selbstständig, haben Geld und eine tolle Wohnung in New York. Und fast – so empfinden sie es – geht es ihnen schon zu gut. Eva wünscht sich, das viele Geld, das sie haben, für „etwas sinnvolles“ auszugeben. Und so entschließen sie sich nach einigem hin und her, ein Kind zu bekommen.

Wir müssen über Kevin reden – vielleicht auch mit ihm

Doch Eva bereut die Entscheidung bereits, bevor Kevin geboren ist. Die Unabhängigkeit, die sie sich hart erarbeitet und stets genossen hat, fällt für sie natürlich weg – nicht jedoch für Franklin. Der entscheidet dafür eigenmächtig und gegen Evas ausdrücklichen Willen, dass die Familie in einen Vorort zieht – schließlich braucht Kevin einen Garten und der alte Aufzug im Haus ist ohnehin viel zu gefährlich.

Von Anfang an hadert Eva mit ihrem Schicksal, hat eine postnatale Depression und findet keinerlei Zugang zu Kevin. Während dieser sich anfangs noch darauf beschränkt, den ganzen Tag zu schreien, entwickelt er nach und nach boshafte Züge und scheint Eva ganz bewusst in den Wahnsinn zu treiben. Geht die Tür abends auf und Franklin steht im Wohnzimmer, ändert sich das Bild: Aus dem störrischen Kind wird ein offener und freundlicher Sohn, der das Herz des Vaters aufgehen lässt.

Während Eva an Kevin und auch an sich selbst fast verzweifelt, entzweien die ständigen Streitereien über den Jungen das Ehepaar nach und nach. Franklin wählt immer öfter Kevins Seite, der dies grandios ausnutzt.

Keine Schuldfrage in Wir müssen über Kevin reden?

Lionel Shrivers grandioser Briefroman Wir müssen über Kevin reden erzählt die Geschichte einer Frau, die sich in einer Rolle findet, in die sie von sich aus nie kommen wollte – und die sie ganz objektiv gesehen auch sehr schlecht ausfüllt. Eva schildert so drastisch, wie schrecklich Kevin sich benimmt, dass man irgendwann zu zweifeln beginnt, ob Franklin nicht vielleicht doch mit seiner übertrieben positiven Art einen Punkt hat. Denn Eva kann als Erzählerin allein auf Grund ihrer wichtigen Rolle in Kevins Leben und damit im gesamten Geschehen nicht immer ganz zuverlässig sein.

In ausschweifendem Stil, der lange um das Wesentliche herumschleicht, enthüllt sie schließlich in Nebensätzen Ungeheuerlichkeiten. Besonders in ihren Briefen zum Zivilprozess, in dem ihr vorgeworfen wird, dass sie Kevins Tat mitverantwortet, wird deutlich, dass nicht nur Kevin das ganze Geschehen weit von sich schiebt. Die Art, in der Eva ständig ihre Mitmenschen vor den Kopf stößt, sich selbst in ihrer Opferrolle zu gefallen scheint und gleichzeitig sagt, dass Kevin einfach unerträglich war als Kind, zeigt vor allem, woher Kevin seinen Welthass hat.

Unterschiede zum Film We Need to Talk About Kevin

Während man in der fantastischen Verfilmung We Need to Talk About Kevin immer mit Eva mitfühlt (vor allem, weil Franklin wirklich gar nicht zu ihr steht) und schneller als sie selbst die Geduld mit diesem abwechselnd nervtötend schreienden oder gruselig schweigenden Kind verliert, gibt es im Buch immer wieder Situationen, in denen Eva eine kurze Verbindung zu Kevin aufbaut (eine davon hat es auch in den Film geschafft).

Gerade diese Situationen sowie Evas Unbesonnenheit im Zivilprozess sind es, die im Buch ein anderes Bild der Mutter entstehen lassen. Zwar hat weder die Film- noch die Buch-Eva eine reelle Chance, ihren Sohn von irgendetwas im Leben abzuhalten. Im Film scheint dies jedoch ausschließlich Kevins (und vielleicht Franklins) Schuld zu sein, während im Buch jede*r Einzelne in sich selbst gefangen ist und niemand wirklich eine Schuld trägt.

Gesellschaftliches Gesamtbild

Wirklich niemand? Beim Lesen des Buchs kommt schnell – vor allem auch im Zusammenhang mit einem weiteren Buch von Lionel Shriver – ein anderer Gedanke. Wie auch in Shrivers Roman Großer Bruder ist die Hauptfigur in We Need To Talk About Kevin eine in jeglicher Hinsicht selbstständige und unabhängige Frau. Sie ist sowohl finanziell als auch emotional das Familienoberhaupt. Und hier wie da hat die Tatsache, dass diese Frauen sich um ihr Geschäft, ihre Karriere und sich selbst kümmern, als wären sie – nun ja – Männer, eine Katastrophe zur Folge.

Die Beziehung zwischen Kevin und seiner Mutter ist im Roman schon vor der Geburt des Sohns beschädigt. Die zum Vater dagegen ist völlig intakt – oder könnte es sein. Dennoch hält dies Kevin nicht davon ab, zu tun, was er tut. Daher kommt man beim Lesen von Wir müssen über Kevin reden unweigerlich zum Schluss, dass es eben doch eine Verantwortung gibt – und zwar eine Gesamtverantwortung gesellschaftlicher Natur. Die Lücke, die dadurch entsteht, dass Eva für sich eigentlich ein Leben gewählt hat, in dem sie nicht einem Dreijährigen die Windeln wechselt und Bälle zurollt, wird durch niemanden geschlossen. Franklin, der die treibende Kraft hinter dem Kinderwunsch ist und sich bewusst für eine Frau entschieden hat, die keinen veralteten Rollenvorstellungen entspricht, entscheidet in dem Moment, wo ein Kind da ist, dass nun eben doch 1950 ist und Eva auf jeden Fall zu Hause bleiben wird. Und wo dieses Zuhause ist, entscheidet er gleich mit.

We Need To Talk About Kevin ist sicher keine leichte Kost. Auf Grund seiner Vielschichtigkeit, seiner gesellschaftlichen Relevanz und des faszinierenden Psychogramms über Kevin und seine Familie lohnt sich die Lektüre aber in jedem Fall.

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