VOM ENDE EINER GESCHICHTE von Julian Barnes

Yvonne Kraus


Die Erinnerung ist eine merkwürdige Sache. Viel zu ungenau, zu individuell geschönt und zu sehr auf die eigene Perspektive eingeschränkt, um ein „objektives“ Bild der Vergangenheit abzugeben und dennoch die Quelle, auf die man am meisten vertraut – weil man selbst dabei gewesen ist. Dabei blendet die eigene Erinnerung vielleicht die ein oder andere Sache aus, die nicht ins Gesamtbild vom Selbst passt oder die vielleicht zu schmerzlich ist. Um diese blinden Flecken der eigenen Lebensgeschichte geht es in Julian Barnes‘ Vom Ende einer Geschichte, das gestern Abend mit dem Man Booker Prize 2011 ausgezeichnet wurde.

Wie verlässlich ist unsere Erinnerung?

Mitte 60, geschieden, doch mit gutem Kontakt zur Ex-Frau, erhält Tony Webster die Nachricht über eine ungewöhnliche Erbschaft von einer Frau, die er nur einmal im Leben, vor mehr als vierzig Jahren, gesehen hat. Er versteht die Beweggründe dieser Frau – der Mutter einer Jugendliebe – nicht, und so fasst er für sich zusammen, was er aus dieser Zeit noch weiß, ausseiner Jugend und seinen jungen Erwachsenenjahren, als seine Wege sich von denen seiner Freunde trennten. Doch seine Erinnerung gibt ihm keinerlei Aufschluss darüber, wieso diese Frau noch kurz vor ihrem Tod an ihn gedacht hat. Und so versucht er, herauszufinden, was er vielleicht einmal wusste, möglicherweise aber auch damals nicht gesehen hat.

Manches erkennt man erst aus der Entfernung

Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger.“ Dieser Satz, mit dem Tony als Jugendlicher seinen Geschichtslehrer weit weniger beeindrucken konnte als erhofft, trifft in „Vom Ende einer Geschichte“ vor allem auch auf Tonys eigene Lebensgeschichte zu. Ein paar wenige Ereignisse, die er völlig verdrängt oder unbewusst ausgeblendet hatte und an die er sich nun wieder erinnert, verschieben seine Sicht auf seine Jugend und auf Personen, über die er seit Jahren eine feste Meinung hatte. Und wie schon in Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln und auch anderen Büchern von Julian Barnes scheint der selbst betroffene Zeitzeuge zu nah, um verlässlich in seiner Schilderung zu sein.

In „Vom Ende einer Geschichte“ passiert daher im eigentlichen Sinne nicht wirklich viel (und das Buch ist ja auch nicht wirklich lang): Der Erzähler lässt seine Jugendzeit Revue passieren, spricht mit Menschen, die ihn damals kannten, liest einen verschollen geglaubten Brief – und ist erstaunt darüber, wer er einmal war. Dass diese wenigen Ereignisse auch bedeuten, dass er auch heute jemand anderes ist als er dachte, wird ihm dadurch sehr spät im Leben klar.

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