UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace

Yvonne Kraus


Wir schreiben das Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche. Hal Incandenza ist 17 und hochbegabt. Er ist ebenso wie sein älterer Bruder Orin vor ihm Schüler der Enfield Tennis Academy in Boston. Überhaupt ist die Schule für Hal ein Familien-Erbe. Geleitet wird sie von seinem Onkel Charles Tavis. Seine Mutter ist Dekanin und Lehrerin. Und sein Bruder Mario, der mit erheblichen Beeinträchtigungen zur Welt kam und daher wohl nie Tennis spielen wird, verbringt auch die meiste Zeit auf dem Schulgelände. Dass Hals Vater, James Incandenza, Gründer der Enfield Tennis Academy, Erfinder und berühmter Film-Regisseur, sich vor fünf Jahren das Leben genommen hat, spielt bestimmt eine Rolle bei Hals Drogenkonsum. Doch die anderen Jungs in der Schule schmeißen in ihrer Freizeit nicht viel weniger ein als Hal.

Das Amerika, in dem Hal lebt, hat sich verändert. Und zwar als konsequente Fortführung des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts sowie der zunehmenden Individualisierung und des um sich greifenden Hedonismus um die Jahrtausendwende. Präsident ist Johnny Gentle, der vorher Schnulzensänger war und durch Werbefachleute in seiner Neugestaltung des Kontinents beraten wird.

Gentle, selbst ein Sauberkeitsfanatiker, hat in seinem Wahlprogramm versprochen, das Müllproblem in den Griff zu bekommen und eine sauberere USA zu erschaffen. Aus Kostengründen ist er erst mal aus der Nato ausgetreten. Er hat Kanada und Nord-Mexiko „überzeugt“, gemeinsam die Organization of North American Nations zu bilden, was sie kein bisschen selbstironisch O.N.A.N. abkürzen. Aus dem Independance Day wurde der Interdependenztag, und sonst geht das Leben weiter.

Das Müllproblem wurde gelöst, indem im Nordwesten der USA eine riesige Mülldeponie errichtet und Kanada „geschenkt“ wurde. Da Gentle außerdem den Verzicht auf Steuererhöhungen zugesagt hat, verkauft er die Rechte an der Namensgebung der einzelnen Jahre an den meistbietenden Konzern – beginnend mit Burger King im Jahr des Whoppers. Die „Sponsorenzeit“ war geschaffen.

Alles hängt mit allem zusammen in Unendlicher Spaß

Kanadische Separatisten, allen voran die Assassins en Fauteuils Roulants, die ihre Terror-Aktivitäten alle im Rollstuhl sitzend begehen (was sie nicht gerade unauffällig macht), streben eine Loslösung Kanadas aus der O.N.A.N. und eine Rückgabe des „Geschenks“ an die USA an. Der verstorbene James Incandenza scheint dabei unabsichtlich die perfekte Waffe gegen das Land des Hedonismus geschaffen zu haben. Er drehte einen Film – „Unendlicher Spaß“ – der so unwiderstehlich unterhaltsam ist, dass man schon nach wenigen Minuten nichts mehr tun möchte, als ihn wieder und wieder anzusehen und somit selbst bei Abschalten des Films zum Pflegefall geworden ist. Die USA versuchen natürlich, die Verbreitung des Films zu unterbinden. Der aus diversen Bundesbehörden zusammengelegte neue Geheimdienst rekrutiert Doppel-, Tripel- und Quadrupel-Agenten, um der einfach „die Unterhaltung“ genannten Geheimwaffe Einhalt zu gebieten.

Nicht weit von der Enfield Academy liegt das Ennet House Drug and Alcohol Recovery House, eine Reha-Klinik für Suchtkranke. Die beiden Institutionen sind nur durch einen Hügel getrennt. Hier versucht unter anderem Joelle Van Dyke, Ex-Freundin von Orin Incandenza und Hauptdarstellerin des Films Unendlicher Spaß, von ihrer Drogensucht loszukommen. Doch nicht nur sie hat ihren Teil zur gesellschaftlichen und politischen Situation beigetragen. Jede noch so nebensächlich erscheinende, unter Drogeneinfluss begangene Idiotie, jeder völlig sinnlose Akt der Beschaffungskriminalität hängt zusammen mit dem Großen Ganzen in Unendlicher Spaß.

Nahezu unendlicher Spaß mit mehr als 1.500 Seiten

Als Unendlicher Spaß vor genau zwanzig Jahren als Infinite Jest in den USA erschien, galt Autor David Foster Wallace im selben Moment als das große neue Wunderkind des US-amerikanischen Literaturbetriebs und als wichtigste neue Stimme des postmodernen Romans.

Wer nachvollziehen möchte, welche Welle Unendlicher Spaß ausgelöst hat, muss nur mal „Infinite Jest“ googeln: Was man dort findet, kann locker mit jeder Game of Thrones-Fan-Arbeit mithalten. Es gibt Diagramme, die die Parallelität der Ereignisse in zwei verschiedenen Jahren zeigen, Charts mit sämtlichen (und das sind sehr viele) Charakteren, und unzählige Seiten, die sich mit den vielen Bedeutungsebenen des Romans intensiv auseinander setzen. Besonders beeindruckend fand ich den Infinite Atlas, eine interaktive Karte aller im Roman vorkommenden Orte, sowie dieses Nachschlagewerk, das Seite für Seite alle erdenklichen Unklarheiten beseitigt und vor allem für all diejenigen spannend ist, denen die Foster Wallace-typischen Fußnoten noch nicht reichen. Ebenfalls eine tolle Quelle ist diese Anleitung, das Werk in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Durch die fehlenden Jahreszahlen ist die zeitliche Orientierung im Roman nämlich nicht immer einfach.

Seine Faszination bezieht der Roman aus seiner Detailtiefe, aus den Verbindungen zwischen eigentlich Unverbundenem, aus seinen so absurden Ideen, die dann doch wieder allzu realistisch erscheinen, sowie aus seiner konsequenten Kritik an der modernen (nicht nur) US-amerikanischen Gesellschaft. Vor Veröffentlichung des Romans war Foster Wallace nach eigenen Angaben nie im Internet (so etwas gab es 1996 noch), seine Beschreibungen von Videotelefonie und Video-on-Demand sind jedoch seiner Zeit weit voraus.

Besonders die Unterhaltung, aber auch Drogen, Alkohol und Zigaretten und selbst die Wissenschaft und Politik stehen in Unendlicher Spaß nur einem Ziel zur Verfügung: Der Befriedigung der persönlichen Lust, auf Abruf und verlässlich und ohne Gedanken an Nebenwirkungen. Deren wichtigste ist Gewalt – wo immer die Lust-Befriedigung an ihre Grenzen stößt, endet die Gesellschaft in Schlägereien, Diebstahl, Raub, Mord. Auch für diese Szenen nimmt David Foster Wallace sich viel Raum, so dass Unendlicher Spaß nicht nur oft absurd komisch, sondern häufig auch brutal und hin und wieder grenzüberschreitend ist.

Indirekte Verknüpfungen im postmodernen Roman

Neben den großen Themen des Romans und der postmodernen Struktur handelt es sich bei Unendlicher Spaß einfach um ein Stück großartige Weltliteratur mit Bezügen zu etlichen literarischen Werken (darunter unter anderem der postmoderne Roman schlechthin, der Ulysses). Nicht nur der Titel Infinite Jest ist eine direkte Anspielung auf Hamlet, der, den Schädel des Hofnarrs Yorick in der Hand, den Verstorbenen als „fellow of infinite jest“ bezeichnet. Auch die Struktur der Familie Incandenza lässt sich auf Shakespeares Stück über den dänischen Prinzen zurückführen: Hal muss wie Prinz Hamlet herausfinden, was mit seinem Vater passiert ist, um dessen Reputation wieder herzustellen, während seine Mutter Hals Onkel an die Stelle des Vaters setzt.

Besonders stark ist Unendlicher Spaß auch darin, Dinge indirekt miteinander zu verknüpfen, Meta-Ebenen einzufügen, und vieles „über Eck“ zu spielen. So erfährt man beispielsweise die Geschichte der O.N.A.N. über die Schilderung einer Filmvorführung während des Interdependenztags in der Enfield Tennis Academy, die die Aufzeichnung eines Marionettenspiels von Hals Bruder Mario ist, der damit einen Film über die Entstehungsgeschichte der O.N.A.N. seines Vaters zitiert. Ein so verschachtelter und oft indirekter oder verschlüsselter Aufbau braucht natürlich Raum – und so schafft es die deutsche Übersetzung zu Unendlicher Spaß auf stolze 1.552 Seiten, die erstmal gelesen werden wollen.

Mit dieser Übersetzung gewann Ulrich Blumenbach diverse Übersetzer-Preise, für die zu Unrecht oft vergessene Übersetzer-Branche etwas Ruhm (wohl vor allem, weil David Foster Wallace zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Deutschland bereits tot war und somit nicht mehr für Interviews zur Verfügung stand) und den Ruf eines fantastischen Übersetzers.

Ohne die Leistung, dieses postmoderne Mammut-Werk, für das Foster Wallace nicht nur sehr ungebräuchliche Fachbegriffe oder veraltete Wörter verwendete, sondern gleich auch welche erfand, in eine andere Sprache zu übertragen, schmälern zu wollen, empfehle ich uneingeschränkt die Lektüre im englischen Original. Manche Nachlässigkeiten der Übersetzung haben mich beim Lesen wirklich genervt wie das „mal vergessen“ des Übersetzen eines Spitznamens, der permanente Gebrauch des Worts „Rettchen“ für Zigarette von Figuren unterschiedlichsten Hintergrunds sowie die Tatsache, dass das meistzitierte Jahr der Sponsoren-Zeit (Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche) in der deutschen Fassung im Gegensatz zum Original gar keinen Sponsor hat.

20. Geburtstag für eines Jahrhundertromans

Ich habe Infinite Jest nun zwei Mal gelesen, zum ersten Mal vor rund zehn Jahren im Original, zum zweiten Mal nun in der deutschen Übersetzung in der Hoffnung, schneller damit fertig zu sein. Das war ich auch, allerdings unwesentlich, und ob man nun zwei oder drei Monate braucht, um dieses Opus zu lesen, ist am Ende auch egal – wenn man sich auf Unendlicher Spaß einlässt, ist man lesetechnisch erst mal eine längere Zeit aus dem Verkehr gezogen. Und viele Wortfeinheiten sind im Original einfach treffender, eben weil es das Original ist. Allein die erste Überschrift „Year of Glad“ verliert vollständig ihre kurzzeitige Doppeldeutigkeit in der Übertragung „Jahr des Glad-Müllsacks“.

Es ist kaum zu glauben, dass Unendlicher Spaß dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Wer an postmodernen Romanen interessiert ist und vielleicht eine längere Reise plant, sollte sich des Romans in jedem Fall annehmen. Unendlicher Spaß ist ein Buch wie kein anderes und zu Recht existiert der Hype um diesen Roman.

Wer sich für den faszinierenden Menschen hinter dem Roman interessiert, dem leider viel zu früh durch Suizid verstorbenen Ausnahme-Autor David Foster Wallace, den sicher nicht nur seine eigene Hochbegabung und Tennis-Vergangenheit mit seinen Figuren verbindet, dem sei The End of the Tour ans Herz gelegt. Der Journalist und Autor David Lipsky begleitete Foster Wallace 1996 ein paar Tage lang auf einer Lesereise zu Infinite Jest. Als Lipsky 2008 vom Selbstmord des Schriftstellers hörte, suchte er seine alten Bänder des Road Trips heraus, transkribierte sie und veröffentlichte sie unter dem wundervollen Titel Although Of Course You End Up Becoming Yourself. The End of the Tour ist die Verfilmung dieses Transkripts mit Jesse Eisenberg und Jason Segel (als David Foster Wallace), die es leider nicht in die deutschen Kinos schaffte, aber immerhin dieses Jahr auf DVD erschien.

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