KLEINES MÄDCHEN MIT KOMISCHEN HAAREN von David Foster Wallace

Yvonne Kraus


Wenn man über David Foster Wallace spricht, fallen unweigerlich die Worte Infinite Jest, Fußnoten, Genie, Depression und – leider – Suizid. Da er in Deutschland längst nicht so bekannt ist, wie er es meiner Meinung nach verdient hätte, nehme ich mir dieses Mal ausnahmsweise ein bisschen mehr Raum, um den Autor vorzustellen, bevor ich mit der im Titel versprochenen Rezension zu „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ beginne.

Ausnahme-Autor schwer lesbarer Romane

„Infinite Jest“ – im Deutschen „Unendlicher Spaß“ – dürfte das Buch sein, für das man David Foster Wallace hierzulande am ehesten kennt, vor allem auf Grund der groß angelegten Marketing-Kamapgne zur 2009 erschienen deutschen Übersetzung des im Original 1996 veröffentlichten Romans. Zu Recht ist er dafür bekannt, wenn es auch sicher deutlich weniger Menschen gelesen als gekauft haben.

Auch ich habe eine ganze Weile für die mehr als 1.000 Seiten benötigt. Die längst überfällige Rezension zu diesem unglaublichen Buch, das man über Strecken einfach nur mit offenem Mund lesen kann, schiebe ich schon eine ganze Weile vor mir her, weil es zu vielschichtig, zu komplex, zu allumfassend ist, um einfach zusammengefasst zu werden. Aber irgendwann werde ich mich daran machen.

Viele Leser und auch Kritiker stören sich an Wallaces Stil, der von Fremd- und manchmal auch erfundenen Worten wimmelt und dessen besonderes Kennzeichen es ist, dass auch in Kurzgeschichten oder Romanen etliche Fußnoten den Text ergänzen. Sogar Fußnoten zu Fußnoten gibt es schon mal, was die Lesbarkeit längerer Texte sicher nicht erleichtert. Es stellt aber eine wirkliche Bereicherung dar, weil es eine Meta-Ebene in die Literatur bringt. Und wen es stört, der kann sie ja überlesen.

Während sich in seinen Veröffentlichungen vor allem zeigte, dass es sich bei David Foster Wallace um einen hochintelligenten Menschen handelte, wurde erst nach seinem Tod 2008 bekannt, dass er schon viele Jahre an Depressionen gelitten hatte. DIes führte letzten Endes dazu, dass er sich das Leben nahm. Posthum ist noch ein letzter, fragmentarischer Roman von ihm erschienen („The Pale King“).

Kurzgeschichten als Einstieg und zum „Testlesen“

Alles in allem polarisiert David Foster Wallace; vielen ist er zu glatt, zu verkopft, zu skurril. Wen das alles nicht davon abschreckt, mal etwas von ihm zu lesen, aber nicht gleich ein halbes Jahr Zeit hat, um sich an einem seiner Romane zu versuchen, hat die Wahl zwischen verschiedenen Bänden mit Kurzgeschichten. Mein Favorit darunter ist „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“. Diese Sammlung von insgesamt fünf Geschichten kommt sogar komplett ohne Fußnoten aus. Und auch, wenn ich Kurzgeschichten sonst gar nicht so sehr mag, haben diese es mir allesamt angetan. Vor allem die ersten beiden habe ich wieder und wieder gelesen.

„Tiere sehen dich an“ handelt von einer Fernseh-Quiz-Show-Kandidatin, die mit ihrem enzyklopädischen Wissen Tag für Tag und Runde für Runde aufs Neue gewinnt. Ihre einzige Schwäche sind Tierfragen, von denen sie keine einzige beantworten kann.

Die titelgebende Geschichte „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ handelt von einer drogenkonsumierenden und gewaltbereiten Clique, die in ihrer Mitte und zu ihrem finanziellen Nutzen den Ich-Erzähler aus reichem Hause aufgenommen hat. Im Mittelpunkt steht ein gemeinsamer Konzertbesuch. Die Geschichte endet mit dem unglaublichsten letzten Satz, den ich je am Ende einer Geschichte oder eines Buchs gelesen habe.

Auch die anderen drei Geschichten zeichnen sich vor allem durch Absurdität, Originalität und eine geniale Sprache aus. Und zudem ist das Buch entweder locker an einem Tag durchgelesen oder nach zehn Minuten weggelegt. Danach weiß man zumindest, ob man David Foster Wallace liebt oder hasst. Bei mir war’s natürlich das Erste…

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