Julian Barnes

Yvonne Kraus


Julian Barnes ist ein britischer Autor von Kurzgeschichten, Essays und Romanen. Neben den Veröffentlichungen unter seinem eigenen Namen hat er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh mehrere Kriminalromane herausgebracht. Julian Barnes ist vor allem in Großbritannien und Frankreich bekannt und erfolgreich. Darüber hinaus gilt Barnes als einer der größten lebenden Experten für Gustave Flaubert.

Vita

Julian Barnes wurde 1946 in Leicester in England geboren. Er wuchs in der Nähe von London auf, wo seine Eltern als Französisch-Lehrer arbeiteten. Nach seinem Studium moderner Sprachen arbeitete er als Lexikograph, später als Journalist. Bis 1986 war er beim Observer als Fernsehkritiker tätig; als er diesen Beruf aufgab, hatte er bereits sieben Romane veröffentlicht, darunter drei der vier Kavanagh-Bücher.

Veröffentlichungen

Metroland (1980)

„Metroland“, der erste Roman von Julian Barnes, ist eine autobiographisch geprägte Entwicklungsgeschichte über den jungen Christopher Lloyd, der in den 1960er und 1970er Jahren in Londons Vororten aufwächst und für kurze Zeit mit seinem besten Freund Toni versucht, in Paris sein Glück, die Liebe und sich selbst zu finden. 1997 wurde der Roman mit Christian Bale und Emily Watson verfilmt.

Duffy (1980)

(Julian Barnes als Dan Kavanagh) Duffy, bisexueller Ex-Polizist, der von seinen korrupten Kollegen ausgebootet wurde und daher nun mehr schlecht als recht sein Leben als Privatdetektiv bestreitet, wird beauftragt, einen Erpressungsfall aufzuklären. Das erlaubt ihm gleichzeitig, ein paar alte Rechnungen zu begleichen und sich in Londons Rotlichtvierteln umzutun, wo er sich relativ heimisch fühlt und seine zahllosen Marotten kaum auffallen. „Duffy“ war Teil der SZ-Kriminalbibliothek und wurde vom WDR als Hörspiel vertont.

Airportratten / Schieber-City – Fiddle City (1981)

(Julian Barnes als Dan Kavanagh) Der zweite Duffy-Krimi: Der exzentrische Privatdetektiv erhält den Auftrag, Schmuggler an Londons Flughafen Heathrow zu überführen und schleust sich als Zollbeamter ein, um einen Drogenring aufzudecken. Duffys größtes Problem dabei: Er fürchtet sich vor Schmutz jeglicher Art, was seinen Job nicht leichter macht. Dieser Duffy-Krimi liegt wie sein Nachfolger auch in zwei verschiedenen Übersetzungen mit unterschiedlichen Titeln vor.

Als sie mich noch nicht kannte / Vor meiner Zeit – Before She Met Me (1982)

Für die junge Ann verlässt der leicht angestaubte Historiker Graham Hendrick Frau und Kind. Als er entdeckt, dass Ann früher als Schauspielerin gearbeitet hat, macht er sich zum ersten Mal Gedanken darüber, was wohl alles passiert ist, als Ann ihn noch nicht kannte. Schnell verliert er sich in Eifersucht, wobei seine berufliche Neigung, der Vergangenheit auf den Grund zu gehen, diese noch verstärkt. Unter dem Titel „Vor meiner Zeit“ wurde der Roman fürs deutsche Fernsehen adaptiert.

Flauberts Papagei – Flaubert’s Parrot (1984)

Geoffrey Braithwaite ist Rentner und verwitwet und hat mehr als genug Zeit. Weil er außerdem ein großes Interesse für Gustave Flaubert hegt, fährt er nach Frankreich, um dort den ausgestopften Papagei zu finden, der auf Flauberts Schreibtisch stand und ihn inspiriert haben soll. Neben dieser Odyssee erfährt man Braithwaites Gedanken über sich selbst und vor allem über Flaubert und dessen Leben. „Flauberts Papagei“ brachte Julian Barnes die erste von vier Shortlist-Nominierungen für den Man Booker Prize.

Grobes Foul / Abblocken – Putting the Boot In (1985)

(Julian Barnes als Dan Kavanagh) Duffy-Krimi Nummer 3: Privatdetektiv Duffy ermittelt für einen Verein in der dritten englischen Fußball-Liga. Dort hat man das Gefühl, dass der Club manipuliert wird, damit man ihn in die vierte Liga verfrachten kann, aus der er ganz sicher nie wieder aufsteigen wird. Gleichzeitig ist Duffy, neurotisch und exzentrisch wie immer, damit beschäftigt, sich über alles Sorgen zu machen, wobei seine größte Sorge eine ernste ist: Er hat Angst, sich mit AIDS infiziert zu haben.

In die Sonne sehen – Staring at the Sun (1986)

Jean Serjeant, in den 1920er Jahren geboren, hat ein erfülltes und bewegtes Leben, das auf Grund ihrer Unabhängigkeit so gar nicht in ihre Zeit passt. Darüber hinaus gibt es auch viel über Jean zu erzählen: Immerhin wird sie über 100 Jahre alt. „In die Sonne sehen“ ist ein Roman über eine unabhängige Frau und gleichzeitig die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts.

Vor die Hunde gehen – Going to the Dogs (1987)

(Julian Barnes als Dan Kavanagh) Der eigenwillige ehemalige Polizist und jetzige Privatdetektiv Duffy wird von einem alten, reichen Bekannten in dessen Herrenhaus gerufen, um einen Mord aufzuklären. Dass das Mordopfer der Hund des Hausherren ist, erfährt Duffy erst vor Ort. Alle Hausgäste, die über das Wochenende eingeladen sind, scheinen verdächtig, und mit dem Mord an dem Hund hören die Verbrechen längst nicht auf.

Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln -A History of the World in 10 1/2 Chapters (1989)

In elf Kurzgeschichten wird die Geschichte der Welt schlaglichtartig beleuchtet – und als gemeinsamer Nenner schippert die Arche Noah durch (fast) alle der Erzählungen. Dabei werden Themen wie christlicher Glaube, Verantwortung für die Natur, Terrorismus und – ganz wichtig – Liebe aufgegriffen, um Geschichte nicht als Aneinanderreihung von Fakten, sondern als Kausalität zu begreifen.

Darüber reden – Talking it Over (1991)

Stuart und Oliver sind seit der Schule beste Freunde, auch wenn sie sehr unterschiedlich sind. Auf der Hochzeit von Stuart und Gillian verliebt Oliver sich in die Braut und eine Dreiecksgeschichte entsteht. Der Roman wird aus Sicht der drei Hauptfiguren erzählt, wobei die Perspektive wechselt und alle Berichte in der ersten Person verfasst sind. Unter dem Titel „Love etc.“ wurde „Darüber reden“ mit Charlotte Gainsbourg verfilmt.

Das Stachelschwein – The Porcupine (1992)

In einem ehemaligen kommunistischen Staat macht der neu eingesetzte Justiz-Minister Peter Solosky dem ehemaligen Staatsoberhaupt Stoyo Petkanov den Prozess. Petkanov versucht nicht, sich zu verteidigen, sondern viel mehr darzulegen, dass die im Entstehen begriffene Demokratie nicht besser ist als der kommunistische Staat, den er mehr als 30 Jahre lang regiert hat. Der Roman spielt sich vor allem in Diskussionen zwischen den beiden Männern ab.

Briefe aus London – Letters from London (1995)

„Briefe aus London“ ist eine Sammlung von fünfzehn Essays und Kolumnen, die Julian Barnes zwischen 1990 und 1995 als „Auslandskorrespondent“ für den „New Yorker“ geschrieben hat und in denen er das alltägliche Leben in England beobachtet und mit britischem Humor beschreibt. Englisch-französische Rivalitäten werden dabei genau so thematisiert wie die Rolle, die die königliche Familie heute spielt, sowie natürlich Margaret Thatcher und Tony Blair.

Dover-Calais – Cross Channel (1996)

„Dover-Calais“ ist eine Sammlung von zehn humorvollen Kurzgeschichten, die größtenteils in Frankreich spielen und alle von den Unterschieden und Ähnlichkeiten zwischen Engländern und Franzosen handeln. Vor allem Sprachverwirrungen und surrealistische Erlebnisse der Protagonisten kennzeichnen den (britischen) Humor dieser Erzählungen.

England, England (1998)

In einem Themenpark auf der Isle of Wight errichtet Sir Jack Pitman Duplikate aller Touristenattraktionen aus England von Big Ben über Prinzessin Dianas Grab bis Stonehenge. Natürlich braucht so ein Themenpark auch einen Chef-Zyniker, und diese Funktion übernimmt Martha Cochrane, aus deren Sicht der Roman geschrieben ist. Mit „England, England“ war Julian Barnes zum zweiten Mal auf der Shortlist zum Man Booker Prize vertreten.

Liebe usw. – Love etc. (2000)

Zehn Jahre nach „Darüber reden“ angesiedelt besucht „Liebe usw.“ die drei Protagonisten Stuart, Oliver und Gillian erneut. Nachdem die Ehe mit Gillian gescheitert ist, ist Stuart in die USA ausgewandert, hat wieder geheiratet, sich wieder scheiden lassen und ist nach England zurückgekehrt. Oliver und Gillian dagegen sind immer noch ein Paar, haben zwei Töchter und kämpfen mit ihrem alltäglichen Leben und dem Wunsch nach Erfolg.

Tour de France – Something to Declare (2002)

„Tour de France“ ist eine weitere Sammlung von Essays über Frankreich, die französische Kultur und alles, was Julian Barnes an Frankreich mag oder ihm wichtig ist – was ziemlich viel ist, denn schließlich hat Julian Barnes seit seiner Kindheit einen besonderen Bezug zu diesem Land. Zu den Themen der in diesem Band gesammelten Essays zählen natürlich die (im Deutschen) titelgebende Tour de France, französisches Essen, französische Kunst und – Barnes‘ Spezialgebiet – Gustave Flaubert.

Fein gehackt und grob gewürfelt. Der Pedant in der Küche – The Pedant in the Kitchen (2004)

Julian Barnes ist nicht nur ein äußerst produktiver Schriftsteller, er kocht auch noch sehr gerne und wohl auch recht gut. Und schreibt dann natürlich darüber. Sehr unterhaltsam, witzig und ansteckend. Jeder, der sich in Rezepten und Kochbüchern verlieren kann, der gerne für sich selbst oder Gäste kocht, wird sich in diesem Buch wiedererkennen. Auch schön: Julian Barnes nennt hier seine liebsten Kochbücher. Falls man noch nicht genug hat.

Der Zitronentisch – The Lemon Table (2004)

„Der Zitronentisch“ umfasst elf Kurzgeschichten von Julian Barnes, die alle mit dem Älterwerden zu tun haben und sich ums Allein- und Zusammensein im Alter drehen. Dabei bleibt es nicht aus, dass das nicht mehr ganz so ferne Lebensende Tragik in die Geschichten bringt; dennoch behält Barnes auch bei diesem Thema seinen typischen britischen Humor bei, und wie immer bei Barnes spielt auch die Liebe eine besondere Rolle.

Arthur & George (2005)

England zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der Halbinder George Edalji wird für ein Verbrechen verurteilt und bestraft, von dem er behauptet, es nicht begangen zu haben. Etwa zur gleichen Zeit lebt Arthur Conan Doyle, der Autor der Sherlock Holmes-Geschichten. Viel miteinander zu tun haben die beiden nicht, dennoch versucht Doyle, Edaljis Unschuld zu beweisen. Für diesen Roman wurde Julian Barnes zum dritten Mal für den Man Booker Prize nominiert.

Nichts, was man fürchten müsste – Nothing to Be Frightened Of (2008)

Gott, das Leben und der Tod – das sind die großen Themen dieses Essays von Julian Barnes. Darüber hinaus trägt der Autor Teile seiner Familiengeschichte zusammen und diskutiert mit seinem Bruder, dem Philosophen Jonathan Barnes, über essenzielle Fragen des menschlichen Daseins. Dabei bleibt trotz der ernsten Themen sein typischer Humor auch in diesem Buch präsent.

Vom Ende einer Geschichte – The Sense of an Ending (2011)

Eine unerwartete Erbschaft bringt einen Mann in seinen Sechzigern dazu, über seine Jugend und die Menschen, die er damals kannte, nachzudenken und die Ereignisse, an die er sich erinnert, in Frage zu stellen und neu zu überdenken. Seine Recherchen über seine eigene Vergangenheit zeigen ihm, wie unzuverlässig die Erinnerung sein kann. Für dieses Buch wurde Julian Barnes mit dem Man Booker Prize 2011 ausgezeichnet.

Unbefugtes Betreten – Pulse (2011)

Das neueste Buch von Julian Barnes ist wieder eine Sammlung mit Kurzgeschichten, die sich um Leben, Tod und Liebe drehen.
„Unbefugtes Betreten“ erscheint am 16.8.2012 bei Kiepenheuer & Witsch.

Auszeichnungen

Neben den vier Nominierungen für den und der einen Auszeichnung mit dem Man Booker Prize wurden Julian Barnes‘ Bücher außerdem unter anderem mit dem Prix Femina Étranger (1992, „Darüber reden“) und dem Shakespeare Prize (1993) ausgezeichnet.

Privates

Julian Barnes ist verwitwet und lebt in London. Sein älterer Bruder Jonathan Barnes, der auch Beiträge zu „Nichts, was man fürchten müsste“ beigesteuert hat, ist Philosoph. Bildnachweis: Julian Barnes (c) Ellen Warner

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