DIE TAUSEND HERBSTE DES JACOB DE ZOET von David Mitchell

Yvonne Kraus


Japan ist nicht nur das Land der tausend Herbste, sondern auch eine Welt für sich. Jahrhundertelang systematisch von der Welt abgeschlossen ist es auch heute noch eine besonders schwer zugängliche Kultur. Vor 200 Jahren, als man Japan von der westlichen Welt aus nur in einer mehrere Monate dauernden Schiffsreise erreichen konnte und die einzigen geduldeten Europäer die Angestellten der niederländischen Handelsgesellschaft waren, die auf einer künstlichen Insel im Hafen Nagasakis – Dejima – unter strenger Bewachung der japanischen Regierung lebten, war Japans Kultur noch fremder und das Staunen darüber noch größer als heute. In dieser Zeit spielt „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Und wen es darin nach Dejima verschlägt, der hatte zu Hause nicht viel zu verlieren oder einfach keine andere Wahl. Die endlos lange Schiffahrt, die Gefahren der Reise, die kulturellen Unterschiede vor Ort und die Ungewissheit, wann das nächste Schiff Richtung Heimat fährt – und ob es einen mitnimmt -, all das nimmt niemand gerne freiwillig in Kauf. Jacob de Zoet stammt aus Zeeland und ist alles andere als ein Abenteurer. Doch er hat sich verliebt, und um seine Angebetete heiraten zu können, muss er für ihren Vater zwei Jahre als Buchhalter in Dejima arbeiten. Da dies für Jacob die einzige Möglichkeit ist, wenigstens ein bisschen Geld für die geplante Ehe zu verdienen, willigt er ein.  Doch in Wahrheit ist Japan noch viel weiter von Europa entfernt als er glaubte, und die Pläne, die er hatte, ändern sich sehr schnell.

Zwischen Korruption, Kulturschock und unmöglicher Liebe

Mit etlichen Problemen hat Jacob gleich zu Beginn zu kämpfen: Sein Psalmenbuch, das der religiöse Buchhalter eingeschmuggelt hat, muss er verstecken, um nicht hart bestraft zu werden, beim unfreundlichen Arzt Dr. Marinus bemüht er sich um Respekt und mit den japanischen Übersetzern, die überall in Dejima zugegen sind, muss er auch noch gut auskommen, denn oft sitzen sie am längeren Hebel. Noch dazu ist Jacobs erste Aufgabe die Aufklärung jeglicher Korruption unter den Niederländern, wozu er sämtliche Bücher der letzten Jahre kontrollieren muss. Da im Grunde jeder etwas für sich zur Seite geschafft hat, wird Jacob schnell zum unbeliebtesten Mitarbeiter der Handelsgesellschaft. Und dann begegnet er Orito Aibagawa, einer jungen japanischen Hebamme, der es auf Grund einer besonderen Leistung und natürlich absolut ausnahmsweise erlaubt ist, mit einigen anderen Japanern bei Dr. Marinus europäische Medizin zu lernen. Jacobs Verlobte zu Hause ist vergessen, denn er ist sofort und unsterblich und natürlich völlig aussichtslos in Orito verliebt. Dass sie für ihn immer unerreichbar bleiben wird, reicht jedoch noch nicht aus – nach dem Tod ihres Vaters wird sie von ihrer Stiefmutter an ein Kloster „verkauft“, über das man seltsame und beunruhigende Gerüchte hört. Doch Jacob kann als Europäer nichts unternehmen, und ehe er auch nur etwas versuchen kann, überschlagen sich die Ereignisse auf Dejima.

Liebesgeschichte, Gesellschaftsportrait und Abenteuerroman

„Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ ist ein vielschichtiges, sprachlich wunderschönes und immer wieder überraschendes Buch, das sich nicht leicht einem Genre zurechnen lässt. Man erfährt die erschreckenden Geschichten der gestrandeten Seefahrer-Seelen auf Dejima, taucht ein in die niederländische und die japanische Gesellschaft im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, erkundet phantastische Mythen und leidet mit Jacob, dessen Liebe keinerlei Aussicht auf Erfüllung hat. Und noch nie bin ich mit einem solchen Paukenschlag in einem Buch begrüßt worden, noch nie habe ich ein so intensives erstes Kapitel gelesen wie das von „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Eins, das mich das Buch erst mal weglegen ließ, weil es mich so sehr aufgewühlt hat, dass ich einen Moment lang nicht weiterlesen konnte. David Mitchell schafft es wie in all seinen Büchern, einen mit seiner Sprache und seiner Erzählung völlig in seinen Bann zu ziehen. Und auch wenn das Buch zugegebenermaßen wirklich lang ist, wird es nicht eine Sekunde langweilig. Immer, wenn ich glaubte, dass ich nun eine Ahnung davon hätte, wie die Geschichte wohl weitergeht, entwickelte sich alles in eine ganz andere Richtung. „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ stand 2010 auf der Longlist für den Man Booker Prize.  

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