Sechs Geschichten, ein Buch: So lässt sich Der Wolkenatlas zusammenfassen. Doch diese knappe Formulierung wird dem faszinierenden Ideenreichtum und der genauen Beobachtungsgabe nicht gerecht, mit der David Mitchell den Leser durch mehrere Jahrhunderte, verschiedene Genres und unterschiedliche Erzählstile trägt – und wieder zurück. Auch die Struktur des Romans Der Wolkenatlas ist besonders. Die sechs Geschichten werden nicht nacheinander erzählt, sondern jede Erzählung wird von ihrem „Nachfolger“ unterbrochen, bis zur mittleren Geschichte, die als einzige durchgehend erzählt wird. Anschließend werden die zuvor begonnenen Erzählungen in umgekehrter Reihenfolge wieder aufgenommen, sodass das Buch dort aufhört, wo es begonnen hat. Die einzelnen Kapitel schreiten dabei von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in eine nicht näher bestimmte Zukunft. Somit umfasst Der Wolkenatlas mehrere Jahrhunderte und wichtige Epochen der menschlichen Geschichte. Außerdem thematisiert jede Geschichte ein bedeutendes gesellschaftliches Problem.

Das Pacifiktagebuch des Adam Ewing

Der amerikanische Notar Adam Ewing muss wegen einer Erbsache an einer Südsee-Expedition teilnehmen. Er hält seine Eindrücke und Erlebnisse in einem Tagebuch fest. Er freundet sich mit dem Arzt Henry Goose an, da die beiden zwischen den eher raubeinigen Seeleuten die Exoten und Außenseiter sind. Auf seiner Fahrt erfährt er über die grausigen Seiten der europäischen Expansion, rettet einen Moriori und erkrankt an einem seltenen Tropenwurm, den Henry Goose jedoch heilen zu können glaubt.

Briefe aus Zedelghem

In Form eines Briefromans wird die Geschichte des begnadeten Komponisten Robert Frobisher erzählt. Dieser steckt in permanenter Geldnot und beginnt obendrein eine Affäre mit der Frau seines Arbeitgebers. Seine Briefe sendet er an seinen Freund Rufus Sixsmith. Frobishers unglaublichem Talent steht er selbst im Weg. Immer wieder scheitert er an den Alltäglichkeiten des Lebens. Seine größte Komposition soll Der Wolkenatlas werden, ein Stück, in der die einzelnen Melodien unterbrochen und später wieder aufgenommen werden sollen – also in der gleichen Struktur wie der Roman Der Wolkenatlas selbst. Während Frobisher die Bücher seines Arbeitgebers durchsucht, findet er den ersten Teil des Tagebuchs von Adam Ewing.

Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall

In einer Mischung aus Kriminalgeschichte und Thriller erhält die Journalisten Luisa Rey vom mittlerweile älteren Rufus Sixsmith einen Hinweis auf einen Umwelt-Skandal, den sie aufzudecken versucht: Ein neu zu errichtendes Kernkraftwerk weist erhebliche Mängel auf. Diese wurden bisher jedoch gekonnt vertuscht. Sixsmith scheint der einzige zu sein, der diesen Fehler nachweisen kann oder will, und wird ermordet. Luisa Rey nimmt sich des Falls an und gerät selbst in Gefahr.

Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish

Timothy Cavendish, alternder Verleger, hat erst einen wirklichen Erfolg gelandet. Die Memoiren eines ehemaligen Boxers sind zum Bestseller geworden, als dieser einen Kritiker vom Dach geworfen hat. Der Autor kommt ins Gefängnis. Doch seine Brüder, ebenfalls der körperlichen Gewalt nicht abgeneigt, möchten ein Stück von Cavendishs Kuchen, der aber längst nicht so groß ist, wie diese vermuten. Da er glaubt, nicht mit Diskussionen weiterzukommen, flieht Cavendish durch England – mit dabei ein Manuskript über Luisa Rey – und bittet schließlich seinen Bruder um Hilfe. Dieser nennt ihm eine Adresse, die Cavendish für ein Hotel hält. Doch Cavendishs Bruder hat in einem Anflug von eigenwilligem Humor seinen Bruder in ein Altenheim eingewiesen – aus dem dieser nun nicht mehr entkommt.

Sonmis Oratio

In einer dystopischen, nicht näher bestimmten Zukunft, übernehmen Klone die ganzen unwillkommenen Arbeiten. Aufgabe der Menschen is es zu konsumieren, um die Wirtschaft in Gang zu halten. Die Klon-Frau Sonmi-451 arbeitet in einem koreanischen Fast Food-Restaurant. Den Klonen erklärt man, dass sie 12 Jahre arbeiten müssen, um in eine Art Klon-Paradies zu gelangen. Doch offensichtlich gibt es an der Universität Experimente, Klone „aufsteigen“ zu lassen, das heißt, sie wie Menschen werden zu lassen. Sonmi kommt an die Universität und wird Teil eines Experiments, in dem sie vor allem lernen darf. Unter anderem sieht sie den Film „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“. Allerdings hegt sie bald den Verdacht, dass sie Teil einer revolutionären Verschwörung ist, ohne darauf selbst Einflluss zu haben.

Sloosha’s Crossin‘ und wies weiterging

In einer post-apokalyptischen Gesellschaft soll der Ziegenhirte Zachary Meronym, die Besucherin einer weiter entwickelten Gesellschaft, beschützen, während diese Nachforschungen anstellt. Die Gesellschaft ist nach einer nicht weiter erläuterten Katastropohe in einen vortechnologischen Zustand zurückgefallen. Nur noch Meronyms Volk hat einige Gerätschaften und Erfindungen der Vorfahren in Betrieb – darunter eine Aufzeichnung, in der Sonmi-451 ihre Erlebnisse erzählt. Zacharys Volk wird von einem anderen Stamm angegriffen, der im Besitz von Waffen ist. Und die letzten Reste der zivilisierten Welt drohen unterzugehen.

Macht, Stärke und Schwäche

Ein gemeinsames Motiv aller Geschichten ist der Einsatz von Stärke und Macht gegenüber Schwächeren und die Ohnmacht, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Der chronologische Aufbau und die Verwobenheit der Erzählungen zeigen dabei auf, wohin das führen kann: in das Ende der Zivilisation und letztlich das Ende der Menschheit. Dennoch ist „Der Wolkenatlas“ kein pessimistisches Buch. Der jeweils zweite Teil der unterbrochenen Geschichten ist deutlich positiver. Und in jedem nehmen die Unterdrückten ihr Schicksal mehr oder weniger erfolgreich selbst in die Hand – so weit sie das können. Die Schicksale der Hauptfiguren sind lose miteinander verknüpft, während im Vorbeigehen so tiefe Fragen unserer Gesellschaft gestreift werden wie Motive und Folgen der europäischen Expansion, Konflikte zwischen Gewinnorientierung und sinnvollem Umgang mit natürlichen Ressourcen, ethische Implikationen des Klonens sowie der Stellenwert alter Menschen in unserer Gesellschaft. Jede einzelne Geschichte hat eine für die Zeit und das Genre authentische Sprache, und auch beim zweiten oder dritten Lesen fallen einem Details auf, die ein Gesamtmuster ergeben.

Literaturpreise

Der Wolkenatlas stand auf den Shortlists verschiedener Literaturpreise, darunter der Man Booker Prize und der Arthur C. Clarke Award.

Verfilmung

Der Wolkenatlas wurde 2011/2012 von Tom Tywer und den Wachowski-Geschwistern unter dem Titel Cloud Atlas verfilmt.