DER DREIZEHNTE MONAT von David Mitchell

Yvonne Kraus


Wenn man 13 ist, sieht die Welt anders aus. Das eigene begrenzte Umfeld scheint nicht nur wie die ganze Welt, sondern ist es. Was man gut findet und was nicht, entscheiden andere für einen. Und die eigene Stimme kann zum größten Feind werden, wenn sie einem nicht gehorcht.

Wenn man 13 ist, ein Junge, der Gedichte schreibt und stottert, sieht die Welt nicht nur anders aus, sie macht es einem auch schwer. Jason Taylor, Hauptfigur in „Der dreizehnte Monat“, ist 13 und weiß das alles. Mit seinen Eltern und seiner Schwester Julia lebt er in England in der Kleinstadt Black Swan Green, die der englischen Original-Ausgabe den Titel gab. Seine wichtigste Mission ist es, nicht aufzufallen.

Sein Stottern ist sein größter Feind: so furchteinflößend, dass Jason ihm den Namen „Henker“ gegeben hat. Um nicht noch mehr zu stottern, vermeidet er Worte, die mit N oder S beginnen, was ihm zu einem erstaunlichen Wortschatz für einen 13jährigen verhilft. Das macht ihn schon früh zu einem talentierten Autor und Dichter. Seine Gedichte veröffentlicht er unter Pseudonym im Gemeindeblatt, und er tut alles, um nach außen unauffällig und unscheinbar zu wirken. Irgendwie also ein ganz normaler Jugendlicher, der sich mit den Problemen herumschlägt, die man als 13jähriger in den 1980ern hatte.

Im Saal tanzten schon ein paar Leute zu „Video Killed the Radio Star“. Die meisten Jungen hatten sich an der Seite versammelt, zu cool, um zu tanzen. Die meisten Mädchen hatten sich auf der anderen Seite versammelt, auch sie zu cool, um zu tanzen. Discos sind eine heikle Sache. Wenn du zu früh auf die Tanzfläche gehst, stehst du da wie ein Vollidiot, aber wenn der entscheidende Song die Stimmung umschlagen lässt und du bist nicht auf der Tanzfläche, stehst du da wie ein oberpeinlicher Blödmann.

Coming-of-Age in den Achtzigern

Jasons Welt dreht sich – wie das für Heranwachsende so üblich ist – hauptsächlich um sich selbst. Den Falkland-Krieg bekommt er nur am Rande mit, und dass sich zwischen seinen Eltern etwas verändert, und nicht zum Guten, weiß man als Leser lange, bevor Jason das mitkriegt. Aber er hat auch so genug um die Ohren: Die Akzeptanz in der Gruppe erlangen, die erste Liebe erleben und seine eigene Stimme finden – nicht nur zum Sprechen, was ihm so schwer fällt, sondern auch und vor allem zum Schreiben. Und nebenbei darf in „Der dreizehnte Monat“ auch eine der Figuren aus dem Wolkenatlas vorbeischauen, die Jason kurz als dringend benötigter Mentor zur Seite steht: Eva Crommelynk, mittlerweile betagte Belgierin, die sich mit ihrem Ehemann in Black Swan Green niedergelassen hat.

Ich kam mir so wichtig vor, dass meine Worte die Aufmerksamkeit dieser exotischen Frau erregten, dass mir ganz schwummrig war. Angst hatte ich auch. Wenn du einem anderen zeigst, was du geschrieben hast, gibst du ihm einen Holzpflock in die Hand, legst dich in deinen Sarg und sagst: „Ich warte.“

Da David Mitchell einer meiner Lieblingsschriftsteller ist, kann er sowieso über alles schreiben, und ich werde es mögen. Besonders und im Vergleich zu seinen anderen Büchern ungewöhnlich an „Der dreizehnte Monat“ ist die Perspektive: Die Sprache des heranwachsenden Jason (und der Achtziger) ist absolut authentisch getroffen, und die Darstellung aus seiner Sicht gelingt so gut und so distanzlos, dass man nie vergisst, wie groß und unlösbar einem die Probleme erschienen, die man mit 13 hatte. Sicher auch ein gutes Jugendbuch, aber noch schöner zu lesen, wenn man sich an die eigene Jugend noch mal genauer erinnern möchte.
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