DAS HIER IST WASSER von David Foster Wallace

Yvonne Kraus


Manche Dinge sind so naheliegend, dass man sie nicht erkennt, so lange niemand einen darauf hinweis. Im Grunde ist man da wie ein Fisch, der gar nicht merkt, dass das, worin er da schwimmt, Wasser ist. Dass jemand kommt, der einem erklärt, was man direkt vor Augen hat, ist manchmal notwendig. Vor allem, wenn man selbst gerade denkt, dass man die Welt verstanden hat, dass man weiß, worum es geht, und einem sowieso niemand mehr etwas zeigen kann. Also zum Beispiel wenn man gerade sein Studium abgeschlossen hat.

David Foster Wallace, 2008 verstorbener Autor des Kultromans Infinite Jest, wurde 2005 gebeten, eine Rede vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College zu halten, und nutzte die Gelegenheit, den Absolventen etwas mitzugeben, das viel zu selbstverständlich ist, als dass es einem bewusst wäre. Diese Rede, die man hier im Original anhören kann, wurde mittlerweile als Büchlein herausgegeben, das neben der Übersetzung „Das hier ist Wasser“ durch Ulrich Blumenbach auch die englische Originalrede „This is Water“ umfasst.

Wie wir etwas sehen, können wir selbst entscheiden

Die Selbstverständlichkeit, die David Foster Wallace seinem Publikum mitgibt, handelt von der alten Binsenweisheit, dass man das Denken erst einmal lernen muss und dass dies das wichtigste Ergebnis am Ende der Schulzeit ist. Und auch wenn das eigentliche Denken von selbst geht und daher nicht wirklich erlernt werden muss, kann man dennoch lernen, was und wie man denkt. Unsere Gedanken, unsere Einschätzungen von Situationen sind nicht vorgegeben, sondern durch uns veränderbar. Das kann ganz banal im Alltag stattfinden. Sollte es sogar – denn schließlich ist der Alltag das, was unser Leben zum großen Teil ausmacht.

Wenn wir im Auto unterwegs sind und – wie das ja in der Stadt üblich ist – alle anderen, denen wir begegnen, Dinge wollen, die unserem eigenen Ziel zuwider laufen, links blinken, rechts abbiegen, unvermittelt bremsen – dann haben wir die Wahl, ob wir sie für rücksichtslose Idioten halten oder ob wir Verständnis haben. David Foster Wallace plädiert für Verständnis. Dieses stellt sich fast automatisch ein, wenn man den eigenen Standpunkt verlässt. Stattdessen kann man versuchen, die Welt aus den Augen eines anderen zu sehen. Dann fällt uns vielleicht sogar auf, dass auch wir jemanden stören könnten.

Empathie als Selbstschutz

„Das hier ist Wasser“ ist dabei kein Plädoyer für moralischeres Verhalten. Es ist ein ernst gemeinter und schlichter Rat für eine entspanntere Lebenseinstellung, die einem dabei helfen kann, in all dem Chaos, all der Unsicherheit, die das Leben mit sich bringt, nicht den Verstand zu verlieren. Oder, in den – etwas drastischeren – Worten von David Foster Wallace:

Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.

Besonders tragisch ist dieser Satz, weil David Foster Wallace es selbst nicht geschafft hat, das Alter von 50 zu erreichen. Mit 46, drei Jahre, nachdem er die Rede „Das hier ist Wasser“ gehalten hatte, erhängte er sich. Doch auch wenn der Rat, den er in seiner Rede gab, ihm selbst letztlich nicht geholfen hat, ist „Das hier ist Wasser“ ein inspirierender und nachhaltig beeindruckender Text, der einen manches gelassener sehen lässt – und uns vielleicht aufmerksamer macht für die naheliegenden Dinge, die man nicht von selbst erkennt.

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