ALS WIR WAISEN WAREN von Kazuo Ishiguro

Yvonne Kraus


Es gibt Fragen, die das ganze Leben lang unbeantwortet bleiben, Rätsel, die man nicht vergisst und Ungereimtheiten, die einen manchmal nicht mehr loslassen. Man kann versuchen, das einfach zu akzeptieren, aber wenn die Fragen zu drängend, die Rätsel zu bedeutend und die Ungereimtheiten zu groß sind, wenn die eigene Vergangenheit nicht ruhen will und zum Trauma wird – dann muss man einen anderen Weg finden, mit der Welt und sich selbst ins Reine zu kommen. Von einem solchen Weg handelt Als wir Waisen waren.

Mysteriöses Verschwinden der Eltern

Für Christopher Banks gibt es nur eine Möglichkeit, die Erlebnisse seiner Kindheit zu verarbeiten. Er muss seine Eltern wiederfinden. Als Einzelkind wächst er in Shanghai auf, wo sein Vater für eine englische Firma arbeitet und seine Mutter gegen den Opium-Handel engagiert ist. Doch plötzlich verschwinden beide kurz  hintereinander: Sein Vater geht morgens einfach aus dem Haus und kommt nicht wieder, seine Mutter verschwindet, während Christopher mit einem Freund der Familie einen Ausflug macht. Die beiden bleiben spurlos verschwunden, und niemand kann helfen.

Der Junge wird zu einer Tante nach England gebracht, wächst im Internat auf und schwört sich, ein wahrer Meisterdetektiv zu werden, um seinen eigenen Fall lösen zu können.

Rückkehr zu den Rätseln der Kindheit

Tatsächlich bleibt Christopher sich selbst und seinem Traum treu. Im London der 1930er Jahre ist er ein Privatdetektiv und hat darin sogar Meisterschaft und Ruhm erlangt. Eine Erbschaft erlaubt es ihm endlich, sich dem Fall zuzuwenden, für den er Detektiv geworden ist. Und so kehrt er nach Shanghai zurück, das er nicht mehr erkennt und das sich zudem gerade im Bürgerkrieg befindet – was jegliche Recherche natürlich fast unmöglich macht. Für Christopher ist es umso schwieriger, an Informationen zu gelangen, doch er sucht die paar verbliebenen Kontakte auf, die er aus seiner Kindheit kennt, und Schritt für Schritt ergibt sich ein Bild, das sich kaum mit seinen Erinnerungen deckt.

Christopher Banks löst den Fall, so viel sei vorweggenommen, jedoch natürlich anders als er es sich vorgestellt hatte. Die Antworten, die er erhält, stellen alles in Frage, was er erlebt hat.

Als wir Waisen waren ist ein wunderschön geschriebenes Buch, das einen auch nach der Lektüre lange nicht loslässt. Wie alle Bücher von Kazuo Ishiguro spielt Melancholie eine besondere Rolle und die Hauptfigur wünscht sich eine zweite Chance, um ihr Leben anders – und besser – zu führen.

Als wir Waisen waren war im Jahr 2000 für den Man Booker Prize nominiert. Kazuo Ishiguro erhielt im Jahr 2017 den Nobelpreis für Literatur.

Infos zum Buch

Als wir Waisen waren
(Originaltitel: When we were Orphans)

Kazuo Ishiguro
352 Seiten
Erstausgabe 2000

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