ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN (Never let me go) von Kazuo Ishiguro

Yvonne Kraus


Über manche Bücher kann man kaum schreiben, ohne möglicherweise zu viel zu verraten. Kazuo Ishiguros Alles, was wir geben mussten (im Original: Never let me go) gehört ganz sicher dazu. Daher möge, wer Angst hat, einen wichtigen Hinweis zu erhalten, den er lieber aus erster Hand erfahren würde, am besten hier mit dem Lesen aufhören und sich gleich dem Buch (oder der ähnlich guten Verfilmung) zuwenden. Allen anderen sei versichert, dass ich mir die größte Mühe gebe, den Spaß am Buch nicht zu verderben – im Gegenteil.

Idyllische Kindheit im Internat

Kathy H. arbeitet seit elf Jahren als Betreuerin, eine ungewöhnlich lange Zeit für diese Tätigkeit. Ihre Aufgabe ist es, sich um Spender zu kümmern, die sich auf ihre Operation vorbereiten oder sich davon erholen. Ein paar „ihrer“ Spender kennt sie noch aus ihrer Jugend in Hailsham, dem Internat, in dem sie aufgewachsen ist. Und nach Hailsham kehren auch ihre Gedanken immer wieder zurück.

Lektürehilfen zu Never let me go

   

Anzeige

Und so erfährt man vieles über Kathy und ihre Freunde Ruth und Tommy in Rückblicken. Die Kindheit der „Kollegiaten“ ist durch und durch harmonisch. Freundliche Lehrerinnen, eine idyllische englische Landschaft und ein starker Fokus auf Kreativität prägen ihr Aufwachsen. Dass manche Sachen anders sind als woanders, fällt anfangs nicht wirklich auf, weder den Schülern noch dem Leser. Manches ist vielleicht etwas ungewöhnlich, zum Beispiel, dass die Lehrer Aufseher heißen. Doch in Frage gestellt wird die Situation durch die Jugendlichen nie. Was aus ihnen etwas Besonderes macht, erfahren sie wie nebenbei. Und auch beim Lesen weiß man plötzlich, wo man sich befindet, welche Gesellschaft hier wohl existiert, ohne dass es explizit ausgesprochen wird. Bis dahin bleiben nur Einzelheiten bemerkenswert, wie die Tatsache, dass die Kollegiaten das Internat niemals verlassen.

So töricht das alles klingen mag, sollten Sie aber bedenken, dass für uns, in dieser Phase unseres Lebens, jeder Ort außerhalb von Hailsham einem Phantasieland gliche; wir hatten nur sehr verschwommene Vorstellungen von der Außenwelt und dem, was dort möglich war oder nicht möglich war.

Dystopie und Bildungsroman

Never let me go ist zunächst eine klassische Coming-of-Age-Erzählung. Vor allem erzählt der Roman die Geschichte der Freundschaft zwischen Tommy, Ruth und Kathy, die vor dem Hintergrund eines erschreckenden Gesellschaftsszenarios spielt. Gerade die Selbstverständlichkeit, mit der Hauptfigur und Erzählerin Kathy die Sprache eines Systems übernimmt, das ihre Freunde und sie ausgrenzt und unterdrückt, gibt dem Roman etwas Beklemmendes.

Und dies ist der zweite Aspekt an Alles was wir geben mussten. Der Roman bildet eine Dystopie ab, das heißt ein negatives Zukunftsszenario. Inwieweit dieses realistisch ist und wie man selbst in einer solchen Gesellschaft agieren würde, bietet viel Stoff für Diskussionen.

Da Kazuo Ishiguros Romane auch sehr stark von seiner Sprache leben, die Übersetzung da aber leider manchmal nicht mithalten kann, sollte man sich überlegen, vielleicht doch die englische Originalausgabe von Never let me go zu lesen. Kazuo Ishiguro erhielt 2016 den Nobelpreis für Literatur

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}