Der Ortsname „Fürstenfelde“ hört sich so echt an, dass man ihn gleich googeln möchte, nachdem man Vor dem Fest gelesen hat. Doch das Dorf in der brandenburgischen Uckermark ist einfach sehr gut erfunden – und natürlich ein bisschen dem fast namensgleichen Fürstenwerder nachempfunden.

Seit der Wende leidet der Hunderte Jahre alte Ort unter Einwohner-Schwund, oder, wie es die Bewohner ausdrücken: Es gehen mehr tot, als geboren werden. Diejenigen, die bleiben, hat man schnell überschaut, und sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie in vergangenen Zeiten hängen geblieben sind, in einem Früher, dass definitiv immer vor 1990 meint. Frau Kranz beispielsweise malt seit Jahrzehnten Bilder von Fürstenfelde. Jeden hat sie schon gemalt, und lästige Fragen eines Journalisten beantwortet sie einfach nicht.

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Lektürehilfe zu Vor dem Fest

Herr Schramm hadert mit seinem Leben, ist Rentner, doch die Rente reicht nicht mal, um sich einen „normalen“ Job nebenher zu leisten, so dass er schwarz dazu verdient. Frau Schwermuth, mit ihrem doppelt bezeichnenden Namen – sie ist äußerst übergewichtig und außerdem depressiv – hütet als Vorsitzende des Fürstenfelder Geschichtsvereins das historische Archiv im Haus der Heimat und hält die sensationellen Funde, die sich angeblich dort befinden, streng unter Verschluss. Ihr Sohn Johann geht im Einzelhandel in die Lehre und nebenbei auch beim Glöckner des Orts. Einen Fährmann gibt es im zwischen zwei Seen gelegenen Fürstenfelde nicht mehr, denn der ist gerade gestorben.

Höhepunkt des Dorfjahres ist das Annenfest, das zwar auch nicht mehr das selbe wie früher ist, wo man sich aber immerhin nicht in der Garage zum Trinken treffen muss. Das ganze Dorf fiebert Jahr für Jahr dem Tag des Fests entgegen, organisiert Chor-Auftritte und Auktionen und erzählt sich von vergangenen Tänzen. Die Nacht vor dem Fest ist also per se schon eine ganz besondere – dieses Mal sogar noch mehr, denn im Haus der Heimat wird eingebrochen, was Frau Schwermuth natürlich ganz und gar nicht kalt lässt, und Herr Schramm beschließt, seiner Existenz endlich ein Ende zu setzen.

Ein Dorf in der Nacht vor dem Fest

Mehr als 700 Jahre umspannt der Roman Vor dem Fest, allerdings nicht chronologisch, sondern als Sammlung aus historischen Texten, Erinnerungen der Dorfbevölkerungen und Episoden aus ihrem Leben, vor allem am titelgebenden Tag vor dem Fest.

Der Roman zeichnet ein Bild eines Dorfs, das sich dem Druck der Modernisierung durch Verweigerung entzieht und dessen Bewohner wie aus der Zeit gefallen scheinen. Fürstenfelde – ein Relikt aus der Vergangenheit, das schon rein rechnerisch – wo eben mehr tot gehen, als geboren werden – keine lange Zukunft mehr vor sich hat.

Vor dem Fest steht nicht nur auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2014, sondern wurde außerdem im März mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Saša Stanišić wurde Kritik und Publikum durch seinen Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert bekannt; Vor dem Fest ist sein zweiter Roman. Sicher einer der wichtigsten Romane 2014, mit denen man sich noch lange nach dem Lesen beschäftigt. Und „Fürstenfelde“ googeln sollte man natürlich trotzdem.