Parzival (Wolfram von Eschenbach)

Redaktion


 Diese sehr umfangreiche Dichtung ist wahrscheinlich das bekannteste und berühmteste literarische Werk des deutschen Mittelalters. Es ist um das Jahr 1200 herum geschrieben worden, in einer Epoche, die man Hochmittelalter nennt, und es ist – du ahnst es schon – auf Mittelhochdeutsch verfasst. Wolfram von Eschenbach hat 25 000 gereimte Verse gedichtet und damit eine lange und abenteuerliche Geschichte erzählt: ein Epos.

Inhaltliche Zusammenfassung Parzival

Parzivals Vater, Gahmuret, hat im Orient die schöne schwarze Königin Belakane geheiratet, aber er verlässt sie und den gemeinsamen Sohn Feirefiz, der, das war die damalige Vorstellung, schwarz-weiß gescheckt wie eine Elster geboren wurde. Der Vater kehrt ins Abendland zurück und heiratet dort Herzeloyde, die Schwester des Gralskönigs Anfortas.

Parzival, der aus dieser Ehe hervorgeht, lernt seinen Vater nie kennen, denn dieser wird im Kampf getötet, bevor sein Sohn zur Welt kommt. Herzeloyde zieht ihn in der Wildnis auf, um ihn vor Gefahren und frühem Tod, also vor dem Ritterleben, zu schützen.

Aber natürlich geschieht genau das, was sie verhindern will: Der Junge trifft drei Ritter, die ihm von König Artus erzählen. Er macht sich auf den langen Weg zu ihm. Seine Mutter stirbt vor Kummer, vor Herzeleid.

Am Hofe des Königs Artus angekommen, wird er wegen seiner Unwissenheit und Naivität verspottet. Aufgenommen in die Gemeinschaft wird er erst, als er einen feindlichen Ritter tötet und in dessen Rüstung schlüpft. Er rettet eine edle Dame, Condwiramurs, und heiratet sie. Doch es zieht ihn bald wieder in die Welt und in den Kampf hinaus. Er möchte âventiure erleben.

Am Hofe des Königs Anfortas, seines Onkels, wird das Fest des Heiligen Grals gefeiert. Anfortas leidet große Schmerzen und kann davon nur geheilt werden, wenn jemand ihn fragt, was ihn quäle. Diese Mitleidsfrage oder Erlösungsfrage stellt sein Gast und Neffe nicht, was bei Anfortas und seinen Rittern größte Enttäuschung auslöst. Parzival begreift weder seinen Fehler noch die Reaktion der Rittergemeinschaft. Seine höfische Erziehung, die er mittlerweile genossen hat, verbietet ihm, Fragen zu stellen. Er verlässt die Gralsburg und irrt vier Jahre im vergeblichen Versuch umher, sie wiederzufinden.

Lektürehilfe zu Parzival

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Wir erfahren von Klingsors finsterem Zauberschloss, das gewissermaßen eine Gegenwelt zur Gralsburg darstellt. Unser Held aber trifft auf seinen Halbbruder Feirefiz, freilich ohne ihn zunächst zu erkennen. Beide gelangen an den Artushof, an dem die geheimnisvoll-düstere Cundrie Parzival erklärt, er habe eine zweite Chance, dem Gralskönig die erlösende und mitfühlende Frage zu stellen und sein Nachfolger zu werden. So geschieht es, dass unser Held die alles entscheidende Äußerung tut: „oeheim, waz wirret dir?“ Parzival wird Herr der Gralsburg und mit seiner Frau Condwiramurs wieder vereint. Der gemeinsame Sohn Lohengrin erblickt das Licht der Welt.

Die wichtigsten Figuren in Parzival

Die Hauptfiguren sind zwei Männer, deren Geschicke eng miteinander verflochten sind.

Parzival braucht eine lange Zeit der Entwicklung, bis er, der weltfremde, ungebildete Junge, ein edler Ritter wird und endlich zu höchsten Ämtern und Würden gelangt. Seine Kindheit im Wald stellt einen krassen Gegensatz zur Welt der Ritter dar. Parzival begeht Fehler, ohne die Schuld zu erkennen, die er auf sich lädt. Sein größtes und folgenschwerstes Versäumnis besteht darin, dass er lange nicht die entscheidende, mitfühlende und erlösende Frage an den leidenden Anfortas richtet, in der festen Überzeugung, sich damit richtig zu verhalten. Sein Versagen macht er schließlich wieder gut, aber bis dahin muss er einen steinigen, schweren Weg gehen.

Anfortas, der Gralskönig, leidet an einer geheimnisvollen, schmerzhaften Krankheit, von der er nur erlöst werden kann, wenn jemand ihn fragt, was ihm fehle. Es ist bitter für ihn und die Ritter auf der Gralsburg, dass Parzival dies entgegen den Erwartungen aller unterlässt. Anfortas gibt seinem Gast und Neffen mehrere Hinweise. Er schenkt ihm beispielsweise sein wertvolles Schwert mit der Bemerkung, er brauche es nicht mehr, aber Parzival versteht die Andeutung nicht.

Anfortas‘ Krankheit wird als göttliche Strafe angesehen, denn der Gralskönig hat „minne ûzerhalp der kiusche sinne“ gesucht und gepflegt, mit anderen Worten: Er, wiewohl verheiratet, hatte eine Geliebte.

Themen

Fremdheit und Selbstfindung

Parzival gerät, nachdem er seine Mutter verlassen hat, in eine völlig fremde Welt, deren Regeln er nicht kennt und nicht versteht, auch, weil seine Mutter ihn in Unwissenheit gelassen oder ihm sogar absichtlich falsches Wissen mitgegeben hat. Er benötigt viele schmerzliche Erfahrungen und es kostet ihn erhebliche Zeit und Mühe, sich selbst zu finden und den Platz in der Welt einzunehmen, der für ihn der richtige ist.

Minne

Die Beziehung der Geschlechter zueinander war in der höfischen Gesellschaft des Hochmittelalters sehr verfeinert und ritualisiert.
Das ritterliche Ideal der Minne, der respektvollen Verehrung der edlen Damen, taucht immer wieder in diesem Epos auf. Auch da zeigt sich Parzival zunächst unwissend und ungeschickt, lernt aber, wie diesem Ideal zu entsprechen ist.

Ritterliche Werte und Tugenden

Das Mitgefühl als in Wolframs Augen wichtigste christliche Tugend bringt schließlich Erlösung. Andere ritterliche Werte wie Treue, Tapferkeit, die Verehrung und Eroberung einer adeligen Dame, Höflichkeit, gute Manieren, auch Körperpflege und ständige Bereitschaft zum Wettkampf ziehen sich durch das ganze Werk und lassen eine versunkene Welt auferstehen.

Weitere Infos zum Werk

Zwischen 1200 und 1210 ist es entstanden; in 16 Bücher ist es in heutigen Ausgaben aufgeteilt. Literatur, Bildende Kunst und Musik haben im Laufe der Jahrhunderte das Werk zum Thema für viele Adaptionen gewählt. Am bekanntesten von ihnen ist die Wagner-Oper Parsifal, die 1882 uraufgeführt wurde. (1850 bereits fand die Uraufführung von Wagners Oper Lohengrin statt. Du erinnerst dich  Parzivals Sohn.)

Wolfram von Eschenbach war bereits ein bekannter Dichter, als das Versepos erschien, und so fand es begeisterte Aufnahme.

Über den Autor

Geboren wurde er um 1160 oder 1180 herum, gestorben ist er etwa im Jahre 1220 – genau weiß man das nicht; Lebensdaten wurden zu dieser Zeit nicht festgehalten, objektive schriftliche Quellen stehen nicht zur Verfügung. Sein Name verrät seine Herkunft: Eschenbach in Franken. Außer dem hier kurz vorgestellten Hauptwerk hat er, der Minnesänger, noch andere epische Werke und lyrische Dichtungen verfasst. Er war als Dichter und Sänger an vielen Höfen gern gesehen.

Wolfram hatte Kenntnisse in Naturkunde, Astronomie, Geographie, Medizin und Theologie, natürlich dem Wissensstand seiner Zeit entsprechend, ebenso in französischer Sprache und Literatur.

Fürchte dich nicht allzu sehr vor dem Parzival. Das gesamte Epos ist als Schullektüre zu lang und, vor allem auf Mittelhochdeutsch, eher etwas für Studierende der Germanistik. Auszugsweise wird es häufig behandelt, auch als Beispiel für ältere Sprachstufen des Deutschen.

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