FASERLAND von Christian Kracht

Redaktion


Der Roman Faserland von Christian Kracht zeichnet ein Bild der 1990er Jahre. Wir stellen dir hier den Inhalt des Romans vor.

Zusammenfassung Inhalt

„Also, es fängt damit an, dass ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.“ So fängt es also an, der berühmte Debütroman Faserland des Schweizers Christian Kracht.

Das Buch handelt von einem namenlosen jungen Mann Mitte 20 aus reichem Elternhaus, der sich auf eine Reise von der Nordseeinsel Sylt nach Zürich in die Schweiz macht. Auf der Reise macht er immer wieder Zwischenstopps in anderen Städten, in denen er an wilden Partys teilnimmt und Drogen konsumiert. Der Protagonist beobachtet auf der Reise vor allem die Dekadenz seiner Generation und ist im ganzen Buch eher der Betrachter als ein Teilnehmer.

Kapitel 1

Der Roman beginnt in List auf Sylt. Dort trifft der namenlose Erzähler seine alte Bekannte Karin, die er aus dem Eliteinternat Salem kennt. Sie fahren gemeinsam nach Kampen, auf dem Weg holen sie noch Karins Freunde Sergio und Anne ab.

Sie trinken gemeinsam Champagner und ziehen weiter ins „Odin“. Die Insel weckt im Protagonisten Erinnerungen an seine Kindheit.

Nachdem Karin und er sich am Strand geküsst haben, beschließt er, nicht mehr nach Sylt zu fahren.

Kapitel 2

Im zweiten Kapitel begleitet das Buch den Ich-Erzähler im Zug nach Hamburg. Im Speisewagen trinkt er vier kleine Flaschen Wein, die fünfte trinkt er auf der Zugtoilette, um seinen Tischnachbarn auszuweichen.

In Hamburg besucht er seinen alten Freund Nigel. Nigels Wohnung bezeichnet er als teuer, aber heruntergekommen.

Er macht sich Gedanken über seine erste Liebe, in deren Bett er sich übergeben hat. Nigel und der Protagonist begeben sich gemeinsam auf eine Party, auf der er zum ersten Mal eine Pille schluckt und mit den Folgen zu kämpfen hat.

Kapitel 3

Nach der Partynacht erwischt der Ich-Erzähler Nigel bei einem Dreier mit zwei anderen Partybesuchern.

Fluchtartig fährt er zum Flughafen und kauft sich ein Ticket nach Frankfurt.

Während des Wartens stopft er sich die Taschen seiner Jacke mit Brötchen und Joghurts voll, die die Lufthansa für ihre Gäste zur Verfügung stellt. Mit diesem Verhalten provoziert er die anderen Gäste, was ihm Spaß macht.

Auf dem Flug denkt er über die Schauspielerin Isabella Rossellini nach und träumt davon, Kinder mit ihr zu haben und auf einer Insel zu leben. Die Joghurts in der Jackentasche sind inzwischen ausgelaufen.

Kapitel 4

In Frankfurt angekommen, zündet der Protagonist in der Ankunftshalle seine Jacke an und lässt sich in ein nobles Hotel fahren.

Er erinnert sich an seinen alten Freund Alexander und ruft ihn an. In seinem Hotelzimmer muss er sich übergeben, daraufhin schläft er im Badezimmer ein.

Währenddessen räumt jemand sein Zimmer auf und reinigt seine Sachen. Nach dem Aufwachen zieht er sich um und begibt sich ins „Eckstein„, wo Alexander auftaucht. Dieser erkennt ihn aber nicht, worauf der Ich-Erzähler dessen Jacke stiehlt.

Kapitel 5

Der Protagonist hält es in Frankfurt nicht aus und fährt daher mit dem Zug weiter nach Karlsruhe.

Um einem Bekannten auszuweichen, steigt er aber in Heidelberg aus und checkt in einem heruntergekommenen Hotel ein.

Er begibt sich in eine Bar, wo er Eugen kennenlernt, der ihn mit auf eine Party nimmt. Eugen stiftet ihn an, Kokain zu nehmen. Als er ablehnt, wird Eugen sexuell zudringlich.

Auf der Party trifft er Nigel wieder, der nicht mehr ansprechbar ist. Der Ich-Erzähler fährt zurück ins Hotel und fällt dort in Ohnmacht.

Kapitel 6

Der Protagonist wird von seinem Bekannten Rollo geweckt – sie befinden sich nun in München.

Rollo nimmt ihn mit auf ein Rave, wo sie aufgrund ihrer teuren Kleidung auffallen. Angebotene Drogen nehmen sie zwar an, konsumieren diese aber nicht. Der Protagonist übernachtet in Rollos großer Wohnung.

Kapitel 7

In Kapitel 7 fahren der Erzähler und Rollo nach Meersburg an den Bodensee, wo Rollos Eltern eine Villa haben.

Rollo feiert dort seinen Geburtstag, aber der Protagonist merkt, dass Rollo einsam ist. Er stiehlt Rollos Porsche und fährt nach Zürich.

Kapitel 8

In Zürich erfährt er, dass Rollo in der Partynacht Selbstmord begangen hat. Am Abend besucht er das Grab von Thomas Mann und lässt sich von einem Mann in dessen Ruderboot auf den Zürichsee rudern. Hier endet der Roman. Ein Selbstmord des Protagonisten wird angedeutet, das Ende bleibt aber offen.

Zeitzeugnis aus den 1990ern

Faserland ist in acht Kapiteln erzählt, und jedes Kapitel schildert eine Station der Reise des Protagonisten. Dabei funktioniert der Roman auf zwei Ebenen. Zum einen schildert er die Entfremdung und die Sinn-Suche des Erzählers, der ja eigentlich alles hat, was sich andere erträumen. Dennoch forscht er im Leben anderer nach dem Glück, das ihm so unerreichbar scheint.

Zum anderen zeichnet Faserland ein genau beobachtetes Deutschlandbild der 1990er Jahre. Dieses wirkt heute, mehr als zwanzig Jahre nach Erscheinen des Romans, fast schon fremd. Den Euro gibt es noch nicht. Mobiltelefone sind eine so seltene Ausnahme, dass nicht mal der reiche Protagonist eins hat. Im Flugzeug und auch an allen anderen Orten wird geraucht. Und die Sicherheitskontrolle am Flughafen kann man sogar mit Zigarette passieren – von Flüssigkeiten ganz abgesehen.

Und so schafft es Faserland auch, einen in eine Zeit zurückzuversetzen, die wie gestern scheint, sich aber ganz weit entfernt anfühlt.

Figuren

Die wichtigste Figur in Faserland ist der Ich-Erzähler. Über ihn ist bekannt, dass er das Eliteinternat Salem in der Schweiz besucht hat und sehr reich ist. Dies zeigt sich im Laufe des Buches immer wieder, beispielsweise durch sein Konsumverhalten, die Hotels in denen er eincheckt, seine Freund*innen und auch durch seine Klamotten, die beschrieben werden.

Die anderen Figuren in Faserland, zum Beispiel Karin, Nigel, Eugen und Rollo, sind Nebenfiguren, die der Geschichte dienen und das flüchtige Leben des Protagonisten unterstreichen.

Themen

Die wichtigsten Themen in Faserland sind die innere Leere des Protagonisten und die Gesellschaftskritik. Der Ich-Erzähler fühlt sich im Laufe des Buches auf der einen Seite immer einsamer und gelangweilter, auf der anderen Seite widern ihn das Verhalten und die Dekadenz seiner Mitmenschen an. Trotzdem verhält auch er sich provokant, beispielsweise als er sich die kostenlosen Joghurts und Brötchen in die Tasche steckt und sich darüber freut, dass er damit provozieren kann.

Die innere Leere des Protagonisten wird im Laufe des Romans immer größer. Obwohl er sich immer mit Menschen umgibt, kann er diesen nicht abgewinnen und zieht sich innerlich immer mehr zurück. Am Ende von Faserland wird ein Selbstmord angedeutet, aber offen gelassen.

Hintergründe zu Faserland

Faserland ist der Debütroman von Christian Kracht, erschienen im Jahr 1995.

Es handelt sich dabei um einen Adoleszenzroman. Kracht versteht es von Anfang an, mit den Medien und Leser*innen zu spielen. Er verschwimmt mit seinen Figuren, indem er sich teilweise als sie inszeniert oder durch Aussagen provoziert.

So wurde ihm im Laufe seiner Karriere beispielsweise mehrfach vorgeworfen, nationalsozialistisches Gedankengut in seinen Büchern zu verarbeiten. Anstatt dies zu dementieren, spielt Kracht mit diesen Themen und provoziert, wodurch er es immer wieder in die Medien schafft.

In Faserland verschwimmt Kracht beispielsweise mit seinem Ich-Erzähler, indem er selbst auf dem Gymnasium Schloss Salem war oder sich auf Fotos wie der Ich-Erzähler inszeniert.

Vor allem der Titel Faserland bietet immer wieder Stoff für Diskussionen. Er erinnert an das mit deutschem Akzent gesprochene Wort fatherland und könnte eine Anspielung auf den gleichnamigen Debütroman von Robert Harris sein. Dieser Roman spielt in einem fiktiven Dritten Reich, das den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat.

Ein anderer Ansatz für die Deutung des Titels ist, dass Faser für Textilfaser, also Kleidung steht. Der Protagonist grenzt sich in der Geschichte mit Hilfe seiner Klamotten immer wieder von den Leuten ab, die „out“ sind.

Eine dritte Interpretationsmöglichkeit ist, dass der Roman auf die „zerfaserte“, also sich selbst zersetzende Gesellschaft, hindeuten will.

Bisher gibt es keine Verfilmungen des Romans, aber im Schauspielhaus Hannover fand 2012 die Uraufführung der dramaturgischen Fassung statt.

2013 schrieb Christian Kracht das Drehbuch zum Film Finsterworld seiner Frau Frauke Finsterwalder, der ähnlich funktioniert wie Faserland und ein Deutschlandbild seiner Zeit zeigt.

Über den Autor

Christian Kracht wurde 1966 in Saanen in der Schweiz geboren.

Kracht lebt im Ausland, für einige Jahre wohnte er mit seiner Lebensgefährtin Frauke Finsterwalder und der gemeinsamen Tochter in Los Angeles, momentan leben sie in Indien.

Nach dem Erfolg seines Debütromans Faserland erschienen weitere erfolgreiche Werke, unter anderem die Romane 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, welche laut Kracht gemeinsam mit Faserland ein Triptychon bilden.

Zudem erschienen die Romane Imperium und Die Toten. Kracht schreibt auch Drehbücher und arbeitet als Journalist. Für Imperium erhielt Kracht 2012 den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis

Tipp: Lektürehilfen zu Faserland

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