Emilia Galotti (Gotthold Ephraim Lessing)

Redaktion


Im Verlauf des 18. Jahrhunderts entstand in Deutschland mit dem bürgerlichen Trauerspiel eine ganz neue dramatische Gattung. Die handelnden Personen gehörten nun nicht mehr ausschließlich den hohen Ständen an. Das Schicksal der bürgerlichen Menschen rückte in den Vordergrund und auch die Sprache wandelte sich – von der Versform zur Prosa.

Inhaltliche Zusammenfassung Emilia Galotti

Prinz Hettore Gonzaga herrscht mit absolutistischer Willkür über Guastalla in Oberitalien. Seiner Mätresse – der Gräfin Orsina – ist er inzwischen überdrüssig und seine Liebe gilt neuerdings dem jungen Bürgermädchen Emilia Galotti. Dass diese in Kürze den Grafen Appiani heiraten soll, ist dem Prinzen ein Dorn im Auge.

Zur Lösung des Problems bietet sich Marinelli an, Prinz Hettores Kammerherr. Als gewissenloser und intriganter Höfling wird er vom Prinzen beauftragt, diese Vermählung unter allen Umständen zu verhindern. Dabei wird nicht einmal vor einem vorgetäuschten Raubüberall auf die Kutsche der Hochzeitsgesellschaft zurückgeschreckt. Während Graf Appiani bei diesem Überall sein Leben verliert, suchen Emilia Galotti und ihre Mutter Claudia Schutz im Lustschloss des Prinzen.

Dort trifft Emilia auf den Prinzen, der ihr beim morgendlichen Gottesdienst bereits leidenschaftlich seine Liebe gestanden hatte. Emilia ist in dieser Situation hin- und hergerissen zwischen den erwachenden Gefühlen für den Prinzen und den strengen bürgerlichen Erwartungen, die ihr Vater Odorado an sie stellt. Dieser hat auf der Suche nach Frau und Tochter nun ebenfalls das Schloss erreicht.

In diese ohnehin komplexe Situation tritt nun auch die in ihrem Stolz gekränkte Gräfin Orsina ein. Zwar möchte der Prinz sie nicht sehen, sie lässt sich jedoch nicht ohne weiteres abwimmeln. Durch des Prinzen Kammerdiener muss sie erfahren, dass eine weitere Beziehung nicht mehr erwünscht ist und dass er vorhabe, Emilia Galotti zu heiraten. Klug erkennt sie die Zusammenhänge und droht damit, die Intrige öffentlich zu machen und den Prinzen als Mörder zu entlarven.

Als sie im weiteren Verlauf der Handlung auf Odorado trifft, erzählt sie ihm die ganze Wahrheit. Emilias Vater solle Appianis Tod rächen und erhält hierfür von Orsina einen Dolch. Er lehnt jedoch die Ermordung des Prinzen ab und sucht stattdessen das Gespräch. Der Prinz beschließt, Emilia in seiner Nähe zu behalten und Emilias Vater hat seinem absolutistischen Herrscher nichts entgegenzusetzen. Gräfin Orsina und Claudia Galotti haben inzwischen das Schloss verlassen.

Die letzte Begegnung zwischen Emilia Galotti und ihrem Vater nimmt eine tragische Wende. Emilia ist tief besorgt, den Verführungskünsten des Prinzen irgendwann vielleicht doch zu erliegen. Aus diesem Grund bittet sie ihren Vater darum, sie zu töten. Vor den Augen des entsetzten und verzweifelten Prinzen ermordet Odorado seine Tochter mit dem Dolch und rettet so ihre bürgerliche Tugend und ihre Unschuld. Die Verantwortung für all die tragischen Umstände möchte Prinz Hettore nicht übernehmen und findet schnell einen geeigneten Sündenbock: seinen Kammerdiener Marinelli, den er umgehend vom Hof verbannen lässt. Odorado hingegen kommt als schützender Vater mit dem Leben davon.

Die wichtigsten Figuren in Emilia Galotti

Emilia Galotti

Rasch wechselnde Umstände und eine schnell vorangetriebene Handlung lassen relativ wenig detaillierte Einblicke in das Seelenleben der Figuren zu. Unter Druck sind sie zu schnellen Entscheidungen und spontanem Handeln gezwungen. Zum Nachdenken und Abwägen der Situation bleibt dabei kaum Zeit. Dies gilt insbesondere auch für die Hauptfigur Emilia. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihren erwachenden Gefühlen dem Prinzen gegenüber und einer durch ihre Erziehung vermittelte bürgerliche Moral und Tugendhaftigkeit.

Hettore Gonzaga

Auch der Prinz ist hin- und hergerissen zwischen seinen Pflichten als Prinz von Guastalla und seinen leidenschaftlichen Gefühlen gegenüber Emilia. Als Regent ist er der Repräsentant einer feudalen Ordnung, die durch Willkür und Verantwortungslosigkeit geprägt ist. Während er seinem Kammerdiener Marinelli zu Beginn uneingeschränkte Handlungserlaubnis gewährt, lehnt er es ab, am Ende die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen.

Marinelli

Die Rolle des hinterlistigen und intriganten Bösewichts übernimmt im Stück Marinelli, der Kammerherr des Prinzen. Er ist dessen Vertrauter und Berater und nutzt seine Stellung, um an Macht zu gewinnen und seine Karriere voranzutreiben. Billigend nimmt er den Tod Appianis in Kauf, manipuliert seine Umwelt und verschleiert sein Handeln. Letzten Endes ist es jedoch er, der als Werkzeug des Prinzen vom Hof verbannt wird.

Themen und Aussagen

Liebe zwischen bürgerlicher Tugend und feudaler Lasterhaftigkeit

Verschiedene Vorstellungen von Liebe und Ehe treffen in den fünf Aufzügen des bürgerlichen Trauerspiels aufeinander. Dem öffentlich stattfindenden Leben des Absolutismus im Lustschloss steht das Privatleben im Kreis der Familie entgegen. Hier ist die Liebe nicht mehr von feudaler Leidenschaft und Lasterhaftigkeit geprägt, sondern von Moral, Keuschheit, Religiosität und Tugendhaftigkeit.

Politik und ein neues Klassenbewusstsein

Im bürgerlichen Trauerspiel Emilia Galotti trifft die willkürliche Herrschaft des Adels auf eine aufgeklärte bürgerliche Moral. Mit dem Aufstieg des Bürgertums hatte sich in Deutschland eine selbstbewusste dritte Klasse gebildet, die die von Gott gegebene Vorherrschaft des Adels und seine verschwenderische Lebensweise zu hinterfragen wagte. Das Bürgertum strebte nun selbst nach oben und wollte aktiv Einfluss auf die politischen Verhältnisse des Landes nehmen.

Weitere Infos zum Buch

Am 13. März 1772 fand in Braunschweig die Uraufführung der Emilia Galotti statt. Sie galt als höchst brisant. Denn zu Ehren der Herzogin wurde ein Stück aufgeführt, das den willkürlichen Herrschaftsstil des Adels zu kritisieren wagte. Als Drama der Aufklärung brach das bürgerliche Trauerspiel mit den bisher geltenden Konventionen aus Renaissance und Barock. Um einer möglichen Zäsur zu entgehen, verlagerte Lessing den Ort der Handlung kurzerhand nach Italien. Lessing selbst war bei der Uraufführung seines Stückes nicht anwesend und besuchte auch später nie eine Aufführung.

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Über den Autor

Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 geboren und ging als ein bedeutender Dichter der deutschen Aufklärung in die Literaturgeschichte ein. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich mit Poesie und Theater und lebte später als freier Schriftsteller in Berlin. Dort pflegte er Kontakte zu verschiedenen Theatergruppen und schrieb erste eigene Stücke. Es folgten Anstellungen als Dramaturg, Kritiker und Bibliothekar. Am 15. Februar 1781 verstarb er in Braunschweig. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören Miss Sara Sampson (1755), Emilia Galotti (1772) und Nathan der Weise (1779).

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