Heutzutage wäre E.T.A. Hoffmann bestimmt ein Steampunk. Einer, der gleichzeitig im Gestern und Morgen zu Hause ist. Fasziniert von Technik und dem, was sie mit Menschen macht. Der sich von Geheimbünden wie den Illuminaten oder dem Rosenkranzorden inspirieren lässt. Hoffmanns Werke spielen mit der Frage, was Realität und was Einbildung ist – und meist bleibt diese Frage offen. So auch in seiner 1916 entstanden Erzählung Der Sandmann, in der ein junger Student Opfer dunkler Mächte wird.

Hintergrund zu Der Sandmann

Literaturwissenschaftler*innen nennen eine solche Erzählung Gothic Novel. In der deutschen Sprache passt der Begriff „Schauerroman“ gut. Der Sandmann zählt zu den bedeutendsten Werken des Autors E.T.A. Hoffmann. In der Tradition des Kunstmärchens geschrieben, inspiriert es bis in die heutige Zeit die verschiedensten Künstler. Am bekanntesten ist Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen, in der ein Teil der Geschichte verarbeitet ist. Aber auch in der Popkultur nehmen Künstler Bezug auf Hoffmanns Werk. Die Band Rammstein beispielsweise mit Mein Herz brennt oder Saltatio Mortis, die der Figur ein ganzes Album widmeten. Auch verfilmt wurde Der Sandmann.

Die wichtigsten Figuren in Der Sandmann

Im Mittelpunkt der Erzählung Der Sandmann stehen sechs Personen.

Hauptfigur ist Nathanael, ein junger Student, der noch schwer an einem traumatischen Erlebnis seiner Kindheit zu tragen hat. Heimlich beobachtete er den Vater, wie er mit einem geheimnisvollen Mann alchemistische Experimente betrieb. Eines Tages gab es eine große Explosion, bei der der Vater starb und der andere spurlos verschwand.

Dieser geheimnisvolle Mann ist Coppelius alias Coppola, der plötzlich wieder in Nathanaels Leben auftaucht und die schlimmen Ereignisse der Kindheit lebendig werden lässt.

Nathanael hat eine Verlobte namens Clara und einen Freund namens Lothar, der Claras Bruder ist. Die beiden versuchen, Nathanaels Trauma mit Hilfe der Vernunft zu heilen.

Außerdem ist da noch der Naturwissenschaftler und Nathanaels Professor Spalanzani sowie dessen seltsame Tochter Olimpia. Die Namen all dieser Personen sind sogenannte sprechende Namen, das heißt, sie lassen Rückschlüsse auf den Charakter der handelnden Figuren zu. Nathanael beispielsweise setzt sich zusammen aus natal =Geburt sowie thanatos=Tod.

Zusammenfassung des Inhalts

Die Erzählung beginnt mit drei Briefen.

Im ersten erzählt Nathanael seinem Freund Lothar von der merkwürdigen Begegnung mit einem Händler namens Coppola. Dessen Name und Aussehen erinnern ihn an Coppelius, der mit dem Tod seines Vaters in Zusammenhang steht. Und er erwähnt eine Geschichte, die ihm als Kind fürchterliche Angst gemacht hat.

Hier kommt die Titelfigur ins Spiel: Der Sandmann. In Nathanaels Kopf spukt allerdings nicht die harmlose Version vom Sandmann, wie auch wir sie kennen – ein freundliches Männchen, das die Kinder mit Schlafsand müde macht und liebevoll in die Träume begleitet. Nathanaels Amme beschreibt eine grausame, dämonische Figur, die Kindern die Augen ausreißt, um sie an die eigenen Kinder zu verfüttern.

In der Fantasie des kleinen Nathaniels manifestierte sich eine Verquickung der grausamen Erzählung mit dem Mann Coppelius und dem furchtbaren Tod seines Vaters. Nathanael hatte große Angst, vom Sandmann – der für ihn aussah wie Coppelius – getötet zu werden. All das kommt in Nathanaels Bewusstsein, als er auf den fahrenden Händler Coppola trifft.

Der Brief, der eigentlich für Lothar gedacht war, landet versehentlich bei Clara, der Verlobten von Nathanael. Sie legt ihm nahe – in Absprache mit ihrem Bruder – den Fantasien keinen Raum zu geben und die Ereignisse rational, mit dem Verstand, zu bewerten.

Mit ihrem ruhigen, besonnenen und sehr heiteren Gemüt versucht sie Nathanael seinen Ängsten zu entreißen.

Ein dritter Brief – wiederum von Nathanael an Lothar – hinterlässt den Eindruck, dass Nathanael sich wieder gefangen hat und sich auf seine Studien konzentriert. Er erzählt Lothar von seinem Professor Spalazani und dass er Bekanntschaft mit dessen Tochter Olimpia geschlossen hat. Mit der Aussicht auf einen baldigen Besuch bei Clara und Lothar endet der dritte Brief.

Nun richtet sich ein Ich-Erzähler an die Leser*innen, der als Freund von Lothar über die weiteren Ereignisse berichtet. Zunächst scheint sich Nathanaels Aufregung gelegt zu haben. Auch die Beziehung mit Clara ist auf einem guten Weg.

Doch dann versinkt er mehr und mehr in seine eigene, düstere Gedankenwelt. Er ist überzeugt davon, dass eine böse Macht über sein Leben bestimmt. Clara gegenüber verhält er sich so schlimm, dass Lothar ihn zum Duell auffordert. Clara verhindert, dass einer von den beiden zu Tode kommt, aber das Verhältnis zwischen den Dreien ist zerrüttet.

Nathanael wird jetzt von einem Brand heimgesucht, der ihn zwingt, in eine neue Bleibe zu ziehen. Die befindet sich gegenüber dem Hause seines Professors und dessen Tochter Olimpia.

An dieser Stelle kommt auch Coppola wieder in die Handlung. Er verkauft Nathanael ein sogenanntes Perspektiv, eine Art Fernglas. Nathanael beginnt nun, Olimpia mit diesem Perspektiv zu beobachten und fühlt sich zunehmend von dem Mädchen in den Bann gezogen. Auf einem Ball im Hause des Professors verliebt er sich in sie.

Nicht alle können Nathanaels Begeisterung nachvollziehen, denn Olimpia wirkt leblos, mechanisch, beinahe zu perfekt. Und tatsächlich – als Nathanael eine Auseinandersetzung zwischen Spalanzani und Coppelius beobachtet, zeigt sich – Olimpia ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein vom Professor gebauter Automat. Nathanael sieht Olimpias künstliche Augen im Blut liegen.

Er gerät erneut in eine schwere psychische Krise, von der er sich nur sehr schwer erholt.

Im dritten Teil der Erzählung scheint die Genesung gelungen. Clara und Nathanael planen sogar die Hochzeit. Nach einem Einkaufsbummel besteigen sie den Rathausturm, um die Aussicht zu genießen. Als Nathanael das Perspektiv aus seiner Tasche zieht und hineinsieht, löst das einen erneuten Wahn aus. Er versucht, Clara vom Turm zu stoßen. Lothar gelingt es, seine Schwester zu retten. Doch stattdessen springt Nathanael vom Turm und stirbt.

Themen

Die Erzählung Der Sandmann bietet sehr viel Raum für Interpretationen und Deutungsansätze. E.T.A. Hoffmann war ein scharfer Beobachter des Zeitgeschehens. Wie um 1900 die Aufklärung mit der Romantik, kämpfen in Der Sandmann Gefühl und Verstand. Auf der einen Seite stehen Claras und Lothars Vernunft, gemeinsam mit dem Willen, ein gutes Leben zu führen und hoffnungsvoll der Zukunft entgegenzublicken. Auf der anderen Seite steht Nathanaels Emotionalität, seine Sensibilität sowie Sehnsucht nach Tiefe und Erkenntnis.

Ein zweites Thema, das im Sandmann anklingt, ist eine Mischung von Faszination und Grauen in Bezug auf technische Errungenschaften. Um 1900 entstanden erste Apparate und Automaten, deren Funktionsweisen nicht auf den ersten Blick zu erfassen waren. Wissenschaftler und Erfinder taten verborgene Dinge, mit Argwohn von den Menschen betrachtet. E.T.A. Hoffmann sieht schon 1916 mit Sorge auf Entwicklungen der Wissenschaft und Technik, die über ethische Grenzen hinausgeht.

Symbolisch ist auch das Motiv der Augen. Als Spiegel der Seele werden sie vom Sandmann getrübt, verschlossen, gar ausgerissen. So verliert sich die Seele im Wahn, weil der Mensch nicht mehr sehen kann, was wirklich ist.

Über E.T.A. Hoffmann

Der Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776-1822), bekannt unter seinem Künstlernamen E.T.A Hoffmann war ein Multitalent. Das Schreiben hat ihn erst durch seine letzten Lebensjahre begleitet. Sein Geld verdiente er als Jurist in Berlin. Künstlerisch lebte er sich zunächst als Komponist, Kapellmeister, Zeichner und Karikaturist aus. Spitze Zunge und Feder fielen der Obrigkeit bald auf, was zur Zensur und zum Druckverbot einiger seiner Werke führte.

Die Erzählung Der Sandmann entstand vier Jahre vor seinem Tod, als sich erste Lähmungen an seinem Körper zeigten. Den beschriebenen Symptomen zufolge starb er vermutlich an amyotropher Lateralsklerose (ALS). Er hinterließ ein umfangreiches Werk an Erzählungen, Musik und Bildern.

Tipp: Lektürehilfen zu Der Sandmann

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