Der 2001 erschienene Roman Das verborgene Wort von Ulla Hahn ist der erste Teil einer Tetralogie, also eines vierteiligen Werkes. Er ist autobiographisch geprägt und erzählt von einem Mädchen aus dem Arbeitermilieu in einem kleinen Ort im Rheinland, das sich ungeachtet aller Widerstände von Seiten der bildungsfeindlichen Eltern den Weg zu einer besseren Schulbildung erkämpft.

Inhaltliche Zusammenfassung Das verborgene Wort

Das Mädchen Hildegard Palm, Hilla genannt, hört mit Faszination die erfindungsreichen Geschichten, die der Großvater ihr und ihrem Bruder erzählt. Später lauscht sie begeistert den Erzählungen im Kindergarten. Sobald sie in der Schule das Lesen gelernt hat, ist sie endgültig hingerissen von den Büchern und der Welt, die sich ihr auf diesem Wege eröffnet. Sie fragt sich, in welchem Verhältnis Worte und Dinge zueinander stehen, sie interessiert sich dafür, wie sich eine Brücke zwischen Dichtung und Wirklichkeit schlagen lässt.

Dondorf heißt der fiktive Ort der Handlung. Ihrem Lehrer hat sie zu verdanken, dass sie gegen den Willen ihrer Eltern auf die Realschule gehen darf. Sie muss Verstecke aufsuchen, um ungestört lesen zu können, und legt sich ein Heft mit Zitaten klassischer Dichter an. Auf diese Weise entflieht sie ihrer trostlosen Kindheit in der muffigen, kleinbürgerlichen Atmosphäre der Adenauer-Ära.

In den 1950er und 1960er Jahren der Nachkriegszeit werden in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland Anpassung, Gehorsam und Bescheidenheit gefordert. Das Leben wird durch Gebote, Verbote und starre Vorschriften geregelt, die keinen Raum für Fantasie und Träume lassen. Sozialer Aufstieg ist schwierig, unüblich und unerwünscht, qualifizierte Ausbildung für Mädchen wird gerade von Eltern der unteren Schichten als Verschwendung angesehen. Das Streben nach einem anspruchsvollen oder gar kreativen Beruf ist eine Ungeheuerlichkeit und das Konzept der Selbstverwirklichung noch nicht geboren.

Hillas Vater, der sich der bildungshungrigen Tochter und sehr guten Schülerin zunehmend unterlegen fühlt und sie erbarmungslos schlägt und quält, ist ungelernter Arbeiter, ihre Mutter Putzfrau; beide sind abgearbeitet, erschöpft, überfordert, verbittert und verhärmt. Die Großmutter ist eine fürs Rheinland untypisch finster-frömmelnde, verbissene Katholikin, der Großvater der einzige Lichtblick in der Familie.

Hildegard legt den rheinischen Dialekt nach und nach ab und fängt an, Hochdeutsch zu sprechen. Sie bemüht sich um bessere Tischmanieren. Ihre Eltern reagieren mit Unverständnis, Ablehnung, Abscheu und Strafen. Besonders schlimm ist Hillas Lage, weil die Gebildeten und Wohlhabenderen dem Mädchen aus der Unterschicht ihrerseits Verachtung entgegenbringen. Hildegard sitzt zwischen allen Stühlen.

Nach dem Realschulabschluss wird sie von ihren Eltern zu einer verhassten Lehre in einem Büro gezwungen. Sie leidet unter der trockenen und stumpfsinnigen Tätigkeit ebenso wie unter dem missgünstigen Klatsch und Tratsch der Kolleginnen. Hildegard hat nun seltener Gelegenheit zum Lesen und sucht Trost im Alkohol. Glücklicherweise sind der Pfarrer und der Lehrer erneut ihre Helfer und Verbündeten. Durch ihr Engagement wird Hilla schließlich ermutigt, die ungeliebte Lehre zu beenden und auf dem Aufbaugymnasium das Abitur nachzuholen.

Die Hauptfigur in Das verborgene Wort

Der ganze Roman Das verborgene Wort dreht sich im Wesentlichen um Hildegard Palm, um ihre Entwicklung und ihre Befreiung aus stumpfsinniger Trostlosigkeit. Sie ist ein fantasiebegabtes, empfindsames, nachdenkliches Kind, das sehr unter seinem Elternhaus, vor allem unter dem reizbaren, grausamen und in seiner Beschränktheit absolut verständnislosen Vater leidet.

Sie hat es schwer, Verbündete zu finden. Ihre Kindheit und Jugend ist geprägt von einem Gefühl der Einsamkeit und der Fremdheit in einer Familie, in der nur der Großvater halbwegs offen, freundlich und kreativ ist. Aber auch er kann Hillas Situation nicht maßgeblich verbessern. Das können nur Personen außerhalb der Familie. Vor allem der Lehrer, aber auch der Pfarrer erkennen Hillas Potenzial und setzen sich energisch für sie ein. Hilla braucht viel Kraft, um sich nicht entmutigen zu lassen.

Der Roman Das verborgene Wort erzählt, wie ihre Intelligenz und ihre Zielstrebigkeit, aber auch ihre Empfindsamkeit und Empfänglichkeit für die Schönheit des Wortes, wie verborgen es auch sein mag, sie ans Ziel gelangen lassen, wenn auch nur langsam und nicht ohne Rückschläge.

Themen und Aussagen: Persönliche Entwicklung und Literatur als Fenster zu anderen Welten

Das Buch steht in der Tradition des Entwicklungs- oder auch des Bildungsromans. Die Protagonistin (Hilla) macht einen unumgänglichen, schmerzhaften und konfliktreichen Reifeprozess durch, den sie anschaulich schildert und sehr bewusst reflektiert. Die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit, die schweren und harten Zeiten, die sie durchmachen muss, lassen sie nicht zerbrechen, ganz im Gegenteil: Am Ende des Entwicklungsprozesses geht sie klüger, gewandelt und gestärkt daraus hervor.

Die Welt der Bücher, der Literatur, öffnet Fenster und Türen für Hilla. Sie taucht in andere Zeiten und Universen ein, sie taucht ab. Es ist allerdings schwierig für sie, die Helden klassischer Dichtung mit ihrer Lebenswirklichkeit zu verbinden und mit den gewöhnlichen, gänzlich alltäglichen und unspektakulären Personen, die sie bevölkern.

Weitere Infos zum Buch

Eine Besonderheit ist die Sprache im Roman Das verborgene Wort: Lange Dialoge werden in Kölsch geführt. Zwanzig Prozent des Textes sind in diesem Dialekt verfasst. Fußnoten liefern Übersetzungen ins Hochdeutsche. Ein Glossar erklärt hundert Ausdrücke für Nicht-Rheinländer.

Endgültig skurril wird es bei der Verfilmung. 2007 entstand der Fernsehfilm in zwei Teilen mit dem Titel Teufelsbraten. Vor seiner Ausstrahlung musste er in einer gemäßigten und allgemein verständlichen Form dieser Mundart nachsynchronisiert werden.

Rezeption und Rezension

Die Aufnahme durch die Leserschaft war und ist erheblich besser und einheitlicher als die durch die Kritik, die vom Jubel bis zum Verriss geht.

Der sehr bekannte und renommierte Autor, Publizist und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Ulla Hahn sehr als Lyrikerin schätzte, hielt diesen Roman für missraten – und mit seiner Meinung war er keinesfalls allein. Schon Gottfried Benn hat behauptet, dass Lyrik und Epik sich gegenseitig ausschlössen. Nicht wenige Kritiker sind und waren der Ansicht, Das verborgene Wort sei der Beweis für die Richtigkeit von Benns Behauptung.

Über die Autorin

Sie wurde am 30. April 1945 in Brachthausen im Sauerland geboren, ist im Rheinland aufgewachsen und eine der wichtigsten deutschen Lyrikerinnen der Gegenwart.

Sie machte nach dem Realschulabschluss eine kaufmännische Lehre, holte das Abitur nach, studierte, promovierte und war Lehrbeauftragte an mehreren norddeutschen Universitäten.

Das verborgene Wort ist ihr zweiter Roman.

Nach ihr ist der Ulla-Hahn-Autorenpreis der Stadt Monheim am Rhein benannt. Das Ulla-Hahn-Haus dort ist der Kinder- und Jugendkultur gewidmet, vor allem der Sprach- und Leseförderung.

Ulla Hahn lebt heute in Hamburg und ist mit Klaus von Dohnanyi verheiratet. Sie hat bis heute mehr als ein Dutzend Preise und Auszeichnungen erhalten.

Bilde dir am besten selbst ein Urteil über Das verborgene Wort. Falls du nicht im Rheinland wohnst, lernst du bei der Lektüre auch noch ganz nebenbei eine Fremdsprache.